Imperialisten im Reich der Sinne

#Burgund Eine Renaissance des Weinbaus begann um das Jahr Tausend in der Gegend von Pontigny (heute im Department Yonne). Da gab es ein Kloster.
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„Die trübe Tasse macht mobil“, sagte Morgan Bow Spencer. Seine Vorfahren waren die Herren auf Chester Castle gewesen. Er selbst diente seit vierzehn Jahren als Küchenhelfer im Café Jamal. Er hatte mit Fleiß sämtliche Schichten an sich gezogen und verbrachte auch seine freie Zeit im Café. Bow wohnte in der alten Backstube, eine halbe Treppe über dem bewirtschafteten Raum, der vor Urzeiten die Verkaufsstelle einer hundert Jahre im Familienbesitz gehaltenen Bäckerei gewesen war. Ein paar handwerkliche Relikte dienten der Dekoration. Der erste Café-Betreiber hatte dem Café seinen Vornamen gegeben, nur Bow wusste noch mehr aus der Gründerzeit. Jamal hatte mit zusammengepumpten Mitteln eine halbe Wohnung in einem Ostseestrandbad gekauft. Die andere Hälfte blieb im Besitz einer Person, die die Wohnung nicht nutzte. Jamal überredete sie, der kostbaren Einrichtung zum Trotz, die Wohnung mit Feriengästen in ein Rentabilitätsparadies zu verwandeln. Er kaufte bald eine zweite Wohnung und seither lebte Jamal von der Vermietung so gut, dass er keinen Grund mehr fand, vor die Tür zu gehen. Er blieb immer zu Hause und ließ alles kommen, was er brauchte. Ulrike hatte mit dem Café auch Bow übernommen, und so, wie sie nicht an dem Namen rührte, veränderte sie auch sonst so wenig wie möglich.

Jamal hatte Bow nur zwei Schichten in der Woche zugestanden; er mochte den von Vorurteilen geblähten, zutiefst reaktionären Engländer nicht. Aber der Widerwille war nicht groß genug gewesen, um Bow ganz draußen zu lassen, und außerdem hatte Jamal den Vorteil nicht übersehen, der darin bestand, dass Bow den Charakter eines Kettenhundes besaß.

Vermutlich gibt es nichts Punkigeres auf Erden als einen heruntergekommenen englischen Aristokraten. Nicht, dass Bows Leute in den letzten dreihundert Jahren noch besonders adlig gelebt hätten. Manche glaubten, Bow habe sich seinen Stammbaum aus den Fingern gesogen.

Ulrike wusste es besser. Ihr Küchenhelfer war der Erbe von Chester Castle, einer Burg, die es seit fast tausend Jahren nicht mehr gab. Als trübe Tasse bezeichnete Bow alle möglichen Leute, die ihr Leben intelligenter führten als er. Wie zum Beispiel Hamid, der nun Ulrikes Liebhaber war.

Ulrike führte nicht nur das Café, sie studierte auch Geschichte und war froh, wenn Hamid einsprang. Er spielte nicht mehr in Thaïs‘ Gothic Jazz Ensemble „Wuji“ und er kriegte auch keine Aushilfsjobs mehr im Heizorchester als Triangel-Spieler. Er war auf die Dienste am Buffet angewiesen und er griff in die Kasse. Das tat er ohne Schuldgefühle. Er empfand nichts dabei. Vielleicht wäre er umsichtiger gewesen, hätte ihn eine Ahnung gesteuert, die Bow betraf.

Hamid sah nichts in dem abgefahrenen Engländer. Er fand Bow strunzblöd und traute ihm keine Raffinesse zu.

Warum reden wir heute über Bow? Ich weiß, ihr kennt ihn alle. Niemand interessiert sich für ihn. Er gehört zu denen, die unter jungen Leuten alt werden, weil sie an ihre Generation den Anschluss verpasst haben. Solche sind irgendwann in ihrem Leben auf einer Rille hängengeblieben. Seither ist es für sie normal, morgens um zehn Kartoffeln zu schälen und abends um zehn die Küche zu putzen.

Bow beobachtete Hamid, um dessen Verbindung zu Ulrike zu ergründen. Er fühlte sich von Ulrike erkannte und auf die richtige Weise genutzt; dass gab ihm ein Gefühl kurz vor Liebe ein. Deshalb spürte er, dass Hamids Verhalten einem Strom glich, in dem Ulrikes Mitteln davonflossen.

So was kann man einer Verliebten nicht sagen. Sie würde dem Boten die Botschaft verübeln.

Ulrike saß an ihrem Schreibtisch und dachte über die Burgunder nach. Bis ins sechste Jahrhundert waren sie deutlich zu unterscheiden gewesen von anderen, dann begann das Aufgehen in einer überlegenen Struktur. Sie wurden zu fränkischen Kadern, zu Vasallen, Abteifürsten und Winzern.

Ein burgundisches Element steckt im Weinbau.

Krieg war der allgemeine Zustand. Die Kultur arbeitete ihm zu. Beides, Krieg und Kultur gehörten zur fränkischen Herrschaft, nicht aber der Weinbau, dessen Kultivierung am Boden lag, bis Mönche in burgundischen Klosterlagen sich auf altes Wissen besannen. Es war eine Zeit ohne Fußbodenheizung und Viadukte und ohne römisches Recht. Die germanischen Nachahmer des Imperiums begünstigten den Rückschritt auf allen Felder. Sie drehten das Rad der Geschichte um tausend Jahre zurück. Eine Renaissance des Weinbaus begann um das Jahr Tausend in der Gegend von Pontigny (heute im Department Yonne). Da gab es ein Kloster. Die Methoden und das Vokabular der Mönche gelten noch. Der Clos de Vougeot ist der berühmteste Weinberg in der Region. Seine Gewächse wurden sechshundert Jahre von einer christlichen Weinbruderschaft gezogen. Erst die Französische Revolution beendete die Eigentümerschaft der Abtei Cîteaux.

Ergibt sich aus dem Weinbau etwas der Staatlichkeit Gleichwertiges? Ist das Überleben des Burgundischen im Wein eine historische Marke? Äußert sich daran nicht auch der Wunsch nach Eigenständigkeit? (Wir beobachten in der Zeit bis Neunhundert fünf burgundische Staatsgründungen. Ergab sich das als Notwendigkeit aus einem Rang?)

Seit Ulrike weiß, dass Burgund im Chablis eine unerschöpfliche Quelle hat, bedient sie sich jeden häuslichen Nachmittag am Kühlschrank. Sie träumt sich in die Geschwisterlichkeit klerikaler Weinbauern – diese Imperialisten im Reich der Sinne.

13:34 10.01.2019
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