In einem toten Trakt des Lebens

#Leben ... wie unvorhersehbar war das 1977, als der Film in die Kinos kam und dem Hauptdarsteller neben Weltruhm eine Oscar-Nominierung bescherte.
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Weißer Westen

... und wie unvorhersehbar war das 1977, als der Film in die Kinos kam und dem Hauptdarsteller neben Weltruhm eine Oscar-Nominierung bescherte. Vierzig Jahre später ist die popkulturell lackierte Sozialkritik im Film unlesbar geworden, obwohl der Soundtrack noch immer grünt.

Eingebetteter Medieninhalt

Wie radikal sich das akute Jetzt von der erweiterten Gegenwart im weißen Westen der Welt unterscheidet, belegt ein Tagebucheintrag von Helen Fieldings Heldin Bridget Jones, dessen Fiktionalität die Realität vollkommen abbildet. Jones dokumentiert einen von „Saturday Night Fever“ ausgelösten Wutausbruch.

„Das war der sexistischste, grauenhafteste, widerlichste Film, den ich je gesehen habe … Wenn John Travolta so was heute machen würde, würde er nie wieder einen Film machen.“

So ist es. Und wie unvorhersehbar war das 1977, als der Film in die Kinos kam und dem Hauptdarsteller neben Weltruhm eine Oscar-Nominierung bescherte. Vierzig Jahre später ist die popkulturell lackierte Sozialkritik im Film unlesbar geworden, obwohl der Soundtrack noch immer grünt. Die Dechiffrierung des von Travolta verkörperten Hobbytänzers Tony Manero führt zu nichts mehr. Sein Charakter ist egal, wo er nicht abstoßend erscheint. Travolta liefert als Manero ein Beispiel für Machoschrott. Stellt man sich eine Umgebung vor, in der seine Weltsicht Gültigkeit besitzt, ergibt sich zwanglos ein Trailerpark Szenario. Heute wäre Manero kein steilgehender Kleinbürger mehr, dem die Türen aufgehalten werden, weil er eine Vorstadtstilikone ist, sondern ein Marginalisierter, dem keine Türsteherin Zutritt gewähren würde.

Greens Gleichung

Der kurze Ausflug in einen toten Trakt des Lebens verdankt sich dem Anblick einer Zigarettenschachtel auf Rose Agonies Schreibtisch. Ich kenne keine Raucher*innen mehr, die ich gesellschaftlich für satisfaktionsfähig halte. Eine Raucherin ist für mich automatisch eine dumme Person. Sehe ich so jemanden, muss ich mich erst einmal justieren und meine Toleranz in die Kommandozentrale rufen. Guten Tag, mein Name ist Brain (nicht Brian) Annabelle Texas Thundergod*. Ich bin Ihre Therapeutin. Setzen Sie sich, ich komme gleich zu Ihnen.

Gemünzt auf die deutsche Besetzung Frankreichs, sagte Julien Green, der Sieg eines Teils von Europa über den anderen mache Europa zur Hauptverliererin. Das war natürlich feinsinniger Chauvinismus und geostrategischer Siegmund Freud. Falls Sie das nicht begreifen, fangen Sie trotzdem nicht an zu rauchen. Es würde Ihnen nichts nutzen. Der Amerikaner in Paris begriff Europa als Schatztruhe der Welt, die nicht beschädigt werden durfte. Dass der Glanz Frankreichs mit dem Elend seiner Kolonien erkauft wurde, spielte in Greens Gleichung keine Rolle. Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich wende mich dem Denkmal einer verblassten Moderne zu, um der Gegenwart zu entkommen. Ich liebe es, auf Greens Auen auszuruhen.

Ich bin gleich wieder da, muss nur kurz mit Rose Agonie was abklären.

Hallo, Schnurz, was bedeuten die Scheißkippen auf deinem Table, du Nulpennuss von einer verwelkten Rose?

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Jetzt bin ich wieder für Sie an Deck. Hören Sie, ich behaupte doch gar nicht, dass Sie total verblödet sind. Das wäre unprofessionell und versteht sich außerdem von selbst. Lassen Sie uns lieber noch einmal auf Julien Green zurückkommen. Er beklagt die Niederlage Frankreichs und findet nun einen originellen Grund dafür. Frankreich habe sich für Maßnahmen zur Verteidigung seiner Souveränität wenig interessiert. Protzig führt er aus:

„Während Deutschland die Waffen schmiedete, mit denen es Frankreich töten wollte, beschrieb Frankreich die Mauern eines Marmorpalastes mit den schönen abstrakten Worten eines Dichters.“

Finden Sie das nicht auch albern?

Gleich mehr.

11:17 17.02.2021
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