Inneres Ausland

Fremdheit Kreativer Transfer zwischen Analyse und Erzählung – In „Fremdheit. Geschichten und Geschichte der großen ...“ leuchtet Hans-Jürgen Heinrichs dem Wesen der Fremdheit heim
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Kreativer Transfer zwischen Analyse und Erzählung – In der Textsammlung „Fremdheit. Geschichten und Geschichte der großen Aufgabe unserer Gegenwart“ leuchtet der Ethnologe Hans-Jürgen Heinrichs dem Wesen der Fremdheit heim.

Wer sich abschottet, hat vorher bereits die Tür zu seinem „inneren Ausland“ geschlossen. Das ist eine Einsicht, die der Ethnologe Hans-Jürgen Heinrichs in einem „kreativen Transfer zwischen Analyse und Erzählung“ weitergibt.

Hans-Jürgen Heinrichs, „Fremdheit. Geschichten und Geschichte der großen Aufgabe unserer Gegenwart“, A. Kunstmann Verlag, 245 Seiten, 22,-

Die Selbstverwehrung ist ein Schlüssel des Fremdenhasses. Wer für sich selbst unzugänglich ist, ein verbotenes Gebiet gleichsam, der muss sich verschließen, um ein gärendes Nichts nicht als infernalischen Gestank austreten zu lassen.

„Zur Welt kommen heißt, sich einer unfassbaren Fremdheit ausgesetzt zu sehen.“

Ethnologische Rollenspiele

Heinrichs erzählt, wie Hubert Fichte in ethnologischen Rollenspielen auf einen Autoritätsverlust spekulierte, indem er seine Homosexualität zur Sprache brachte. Die Selbstdemontage diente der Selbsterkenntnis. Heinrichs nennt die europäische Autorität „ein höchst fragiles Gebilde“. Er zitiert Heike Behrend, die in Ostafrika das Volk der Tugen kennenzulernen wünschte und dafür noch einmal zu einer Person nach den Vorstellungen ihrer Gastgeber werden musste. Zunächst nahm Behrend es auf sich, als Unperson zu gelten - als Wilde mit den Urwald-Anschauungen einer Äffin. Sie avancierte zum „Ding“.

„Meine Beharrlichkeit … war die erste Eigenschaft, die sie meiner … unvollständigen Person anhefteten. Meine Verwandlung von einem Ding zu einer Person begann mit Einladungen zum Essen und Trinken. Ich erwiderte die Einladungen … Tugen sagten: Das Ding gibt uns zu essen, es liebt uns.“

Freuds Fehler bestand gerade darin, seine eurozentrische Perspektive nach Maßgabe des imperialistischen Geists der Epoche zu universalisieren. Heute tritt man behutsamer auf. Die europäische Ausstattung verliert ihren unverschämten Vorbildcharakter und nähert sich Verdachtszonen des Völkischen. Eine Senegalesin zu Besuch bei ihrem Berner Liebhaber, der ihr in der Gegend von Dakar als Forschungsreisender begegnet war, hält die Gäste eines Grandhotels für verfeindet, da sie voneinander getrennt tafeln. Verstimmt von den Schweizer Konventionen: „zieht sie die Jeans im Bett nicht mehr aus“, ignoriert Sehenswürdigkeiten und beschränkt sich für die Dauer ihres Aufenthalts auf das Fernsehprogramm mit dreihundert Kanälen. Die Addition kultureller Dissensfaktoren kulminiert in folgender Summe: „Es gab keine Brücke, über die man die grundverschiedenen Lebenswelten … zusammenführen“ konnte. Es war die „geschulte Empathie für Fremdheit“ des Berner Psychoanalytikers, die im Herkunftsland der Düpierten und nach ihren Begriffen auch Geprellten den zärtlichen Austausch erlaubte. Man könnte solche Empathie koloniales Know-how nennen. Das weiße Ausbeutungswissen wirkte wie ein Schutzschild. Die Enttäuschung der afrikanischen Erwartungen sicherte den Status quo.

Heinrichs bleibt vor dieser Tür stehen. Er zieht die „im Künstlertum“ eines Freundes „beschlossene“ und jenen vor jedem Beamten stigmatisierende Fremdheit in eine andere Fremdheitsklammer.

Er spricht von „schleichender Fremdheit“. Plötzlich taucht sie auf und gibt zu denken. Eine Fremdheit, die als Gleichheit wahrgenommen wird, kennen wir vom Vereinswesen. Richter in ihren Roben, Rocker in ihren Kutten so wie die Schwalbenschwänze männlicher Festspielgäste wirken außerhalb ihrer Milieus und deren Anlässe deplatziert, das heißt befremdlich. Innerhalb eines Genres beweisen sie das Gegenteil. Da sind sie ein wertvollerer Ausweis der Zugehörigkeit als Kenntnisse.

Wie fremd können wir uns in Träumen erscheinen. Die Erforschung des inneren Auslands kommt ohne Auslandsaufenthalte nicht aus. Klassische Reisegewinne sind unvermittelte Vergleiche. Die Erfahrung gewordene Anschauung zählt dazu. Heinrichs erwähnt die Süße südeuropäischer Kuchen. In einem spanischen Inseldorf erlebte er die Schwarzwerdung einer Weißen in der Gleichsetzung von fremd und schwarz.

„Auch wenn sie hellhäutig waren, waren sie irgendwie schwarz.“

Heinrichs folgt dieser Identifikation, er sucht den Fehler. Ich sehe förmlich, wie der Gelehrte sich am Kopf kratzt, um der Erinnerung aufzuhelfen. Die Welt bietet dem Leben gigantische „Möglichkeitsräume“, und was machen wir? Wir bleiben mit einem Gedankenfuß stets zuhause, selbst wenn wir auf transkontinentalen Traumpfaden bis zu der tropischen Nacht aufrücken, die Gauguin im Fieber sah.

„Ob auf Tahiti, Bora Bora oder der Osterinsel, im Sudan, in Mali oder Niger – immer war ein emotional unmittelbarer aktiver Teil von mir ganz am Ort … ein anderer … von Sehnsüchten geprägter Teil woanders.“

Die Spinne der Identität webt ihr Netz und fängt darin die Fliegen deiner Einfälle. So ermöglicht es dir die Fremde, „du selbst zu sein“, indem du dich zum Fremden machen lässt.

11:10 15.04.2019
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