Integration auf Augenhöhe

Ballhaus Ost/Berlin Im nächsten Augenblick formieren sich Versprengte zu einer Gemeinschaft interaktiv Erfahrener
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„Zieht die Schuhe aus und lasst die Jacken draußen.“

Das ist die erste Ansage im Stück. Eine Internierung könnte so losgehen. Eben saßen alle noch vereinzelt in der Highend Bar des Ballhauses, jede mit ihrem Telefon beschäftigt, jede im stillen Furor der Auslöschung historischer Gebärden. Kein Mensch weiß mehr, wie man in den alten Zeiten vor Smartphone die letzten Minuten vor dem Versammlungsaufruf überstand. Einschlägige Informationen wurden dem kollektiven Gedächtnis entzogen. Es gibt nur Jetzt und die große Erzählung von einer Vergangenheit mit Dampflokomotiven, die fliegen konnten. Jetzt erschaffen wir eine soziale Skulptur nicht ganz beiläufig. Es hat sich jede präpariert und noch einen letzten Blick in den Spiegel geworfen – vor diesem Jetzt in seiner Vorläufigkeit.

„Bewahrt eure Wertsachen.“

Im nächsten Augenblick formieren sich Versprengte zu einer Gemeinschaft interaktiv Erfahrener. Interaktive bekämpfen kein Gefühl von Verlorenheit in fremden Räumen. Vertreibung und Flucht stehen nicht auf ihrer Agenda. Sie fürchten nicht anzuecken oder aus dem Rahmen zu fallen. Sie wissen Bescheid. Theater ist Entgrenzung und geht immer weiter. Insane ist normal. Sollte die Aufforderung erfolgen, für eine Teilnahme „am Ballett zur Wahrung des intergalaktischen Friedens“ (D. Rabinovici) Maßnahmen zu ergreifen, wüssten alle, was zu tun ist.

Das hörten wir nicht

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Das Publikum verschmilzt mit dem Ensemble, in dem professionellen Tänzer*innen und Geflüchtete bereits verschmolzen sind. Ich kann die einen nicht von den anderen unterscheiden und bald auch das Publikum nicht mehr vom Ensemble. In Nachahmung eines vorturnerischen Programms bewegen sich alle nach Spielregeln, die Angela Lamprianidou erklärt. Die Macherin von #187 Tanz hin, Tanz her – Aufforderung zur Bewegung „beleuchtet die Strukturen der Integration: Was bedeutet es, sich zu integrieren – in eine Gesellschaft oder eine Situation?“, indem sie den massenhaft spontanen Anschluss inszeniert. Leute, die die Wahl haben, verhalten sich in dieser Regie so, als gäbe es keine Alternative zu ihrem Mittun.

Die Musik nimmt alle mit, der Groove löst die letzten Sperren. Volkstänze werden aufgeführt und wirken wie Einblendungen unter der imaginären Überschrift „So tanzt man bei uns“. „Bei uns“ ist weit weg. Wir sind jetzt hier in einer Welt, der Brauchtum verdächtig erscheint. Ausgedachtes ersetzt den Zugriff auf Identifikationsformate.

„Nationen, Geschichten und Menschen treffen in einem leeren Raum zusammen. Das Publikum selbst erfährt eine Integration in die Performance, übernimmt vorgegebene Bewegungsabläufe der Tänzer*innen und bringt Eigenes ein, das wiederum übernommen wird.“

Man ahnt, wie sich aus energetischen Verbindungen Verbindlichkeiten ergeben können – die orgiastisch annehmende Dimension des Willkommens, die eine ganz andere Wahrnehmung der Geflüchteten gestatten würde. Daher kommen die Alarmlinks zu den vielen jungen Männern in den Überfremdungsbeschwörungen. Angela Lamprianidou dekuvriert Quellen der Angst.

Sämtliche Zitate stammen von Angela Lamprianidou. Weiterführend zum Thema ist auch Hilal Sezgins „Nichts tun ist auch keine Lösung“ https://www.freitag.de/autoren/jamal-tuschick/die-psychologischen-untiefen-des-helfens

Zum Schluss hörten wir

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06:49 07.10.2017
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