Intellektueller Nackenbiss

#DailyStorytelling Rumonia Lighthouse erwähnt eine Brecht'sche Empfindlichkeit, um sich in einer illustren Reihe der Anfälligen einzufädeln
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Old Brecht konnte nicht schreiben, wenn er erkältet war. Rumonia Lighthouse erwähnt die Empfindlichkeit, um sich in einer illustren Reihe der Anfälligen einzufädeln. Rumo, wie wir sagen, nimmt die Frage einer Radiohörerin namens Bronca Cleit zum Anlass, sich als Arbeiterin am Schreibtisch darzustellen: so abhängig von der Verfassung des Leibes wie jede, die nur ihre Kraft im Verein mit einem heruntergespielten Können (Stichworte: Knowhow & Understatement) auf den Markt werfen kann. Rumo beschreibt ihre literarische Produktion als physischen Prozess. Der Vergleich mit der Arbeiterin, die man sich selbstverständlich am Fließband, also weit weg von Rumo vorstellt, humpelt solange, bis Rumo selbst genug von ihrem Vergleich hat. Im nächsten Durchgang beschreibt sie sich als Athletin. Angeblich betreibt sie Schreiben als Sport: professionell auf den Ebenen des Romans; spielerisch-belustigt in den Niederungen der Zeitungsprosa und angeturnt in Ausnahmesituationen so wie bei einem London-Trip im Tross von Michelle O.; im gepanzerten Jaguar auf geräumten Straßen, den Triumphbogen des Constitution Arch tunnelnd und alle roten Ampeln überfahrend.

„Die First Lady war nicht angeschnallt.“

Rumo liebt solche Schoten. Sie klatscht für ihr Leben gern so öffentlich wie möglich, am liebsten über berühmte Zeitgenoss:innen, mit denen sie auf die selbstverständlichste Weise privat verbunden zu sein behauptet. Bei jeder anderen wäre man einfach nur genervt. Rumo lässt man den bramarbasierenden Gestus durchgehen.

Warum bloß?

Rumo erscheint als Kolumnistin so engagiert wie einst Prinz Philipp von Griechenland als Ehemann einer Königin, die zehn Premierminister überlebte und nur bei ihrer Taufe in der Öffentlichkeit auf Contenance verzichtete. Sie stürzt sich auf die Titel, Thesen, Termine und Temperamente, die ihr offeriert werden. Sie reißt jedes Thema mit einem intellektuellen Nackenbiss.

Gerade malt sie ihrem Publikum den jungen Philipp in der Rolle des Verehrers einer Prinzessin, die bald Königin sein wird, als Bettler mit Manieren aus. Sie geht steil und beruft sich auf Orwell in ihrer Erklärung, warum die repräsentative Monarchie das XX. Jahrhundert überlebte. Rumo kolportiert die Idee, dass die Königin und das Volk eine Allianz gegen die Herrschenden formen.

Rumo ist so snobistisch wie volkstümlich. Der Griff einer Frau ins Haar, eine obsolete Redewendung oder der verregnete Anblick einer vergessenen Sache lösen Romane aus. Im Radio sagt sie in diesem Augenblick: Aus den Klammern des Vorbewussten löst sich der Text. Rumos Schwung erhält das Golfen auf avancierten Allgemeinplätzen. Plattitüden sind ihr Plaisir.

16:38 15.09.2021
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