Introspektive Volten

Literatur In "Kampfsterne" erzählt Alexa Hennig von Lange von Menschenfressern in bürgerlicher Verkleidung.
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„Die Welt ist zu. Aber über mir ist so viel Himmel.“

So empfindet Lexchen, das Nesthäkchen in der Sonderheit eines weiblichen Oskar Matzeraths. Es wächst nicht aus seiner Niedlichkeit. Lexchen bleibt putzig und unbedarft in einer bösen Welt. Lexchens große Schwester Constanze, Cotsch genannt, ist ein Fleisch gewordener Powerriegel und erotischer Magnet. Ein titanischer Rainer trumpft in der Vaterrolle auf und schürt das Begehren der Nachbarinnen mit brachialer Virilität. Seine im Garten aufgehende Frau ist ihm vollkommen unterworfen. An eine Liturgie der Demütigungen geknüpfte körperliche Züchtigungen nimmt Ulla hin, obwohl sie sich als Feministin schildert.

„Ich sehe, wie Papas Hand niedersaust und auf meine kniende Mutter eindrischt.“

Die aus der Ich-Perspektive der Protagonist*innen erzählte, in galoppierenden Wahrnehmungswechseln splitternde Geschichte löst im Fortgang den Widerspruch zwischen Feminismus und Ergebenheit nicht auf. In spiegelverkehrter Anordnung beherrscht Ullas beste Freundin Rita einen schlappen Asthmatiker. Georgs Impotenz ist ein öffentliches Geheimnis, das Getrenntschlafen ein Menetekel. Ritas Versager isst sein Knäckebrot im Dunstkreis des Komposthaufens, um nicht in der Küche zu krümeln.

Rita ist scharf auf Ulla & Rainer. Das sind vor Hitze den Asphalt verflüssigende Einbahnstraßen. Die Menschenfresserin läuft heiß in der Leere bürgerlicher Sicherheit.

Schauplatz der Ereignisse ist eine Siedlung, in der sämtliche Kinder mit den Genieerwartungen ihrer Eltern konfrontiert werden und das Musische wie eine Kirche im Zentrum steht. Der Nachwuchs singt im Chor oder spielt Cello. Die Erwachsenen kommen vermeintlich zwanglos in ihren Gärten zusammen. Alle lavieren zwischen Unzufriedenheit und Niedertracht in synthetischen Anwandlungen.

Wenig wirkt echt im Roman. Constanzes Expressionismus erscheint genauso aus der Luft gegriffen wie die Leidensbereitschaft ihrer Mutter in einer gewalttätigen Ehe, in der es trotzdem guten Sex geben soll. Kaum glaubwürdig ist Ritas von Ranküne bestimmtes Verhältnis zu ihrem devoten Mann und dem rabiaten Rainer.

Der Siedlungsreigen datiert auf den Sommer 1985. Anfang Juli gewinnt Boris Becker zum ersten Mal Wimbledon. Er ist siebzehn und der jüngste Sieger in der Geschichte des Wettbewerbs. Seine Erfolgsgeschichte überstrahlt Helmut Kohls moralische Wende in einer Republik auf dem Rückzug aus Mutlangen und dem Wendland in die Nischen des privaten (Un-)Glücks. Heute steht dem Helden von damals der Untergang ins Gesicht geschrieben. Die Kortisonbeule verrät, dass es gegen Beckers Schmerzen kein Mittel gibt, das ihn nicht zum Junkie macht. Seine frühen Siege in Wimbledon scheinen jetzt viel mehr britisch-deutsches Allgemeingut zu sein als seine. Ein gestürzter Gott kann sich auf nichts berufen.

Alexa Hennig von Langes Personal ist zu klein für so eine dramatische Lebensunwucht. Selbst der Gigant im Ensemble, der Architekt mit einer schönen Gärtnerin als Gattin und interessanten Kindern, verfehlt Beckers Fallhöhe. Der schnelle Puls der Perspektivwechsel erlaubt diverse Lesarten. Man kann sich einer Figur anschließen und ihr und ihrem nachtragenden Blick folgen. Einmal bemerkt Rainer am Straßenrand „ein Mädchen mit unglaublich langen Beinen“, und erlebt so seine Tochter Constanze wie eine Fremde. Er lamentiert im Selbstgespräch. Ein Frauenschläger vermisst Rücksicht. Im Gegenzug macht (der von Rita gescheuchte) Georg eine Rechnung auf, in der er solistisch auf seine Kosten kommt. Die introspektiven Volten heben das Geschehen an. Neben den Durchmarschgesängen übersteuerter Stürmer*innen besteht ein überzeugenderer Text. Er handelt vom Mittelstands(un)glück in einem bundesrepublikanischen Winkel, der nur noch in der Literatur vermessen werden kann.

Alexa Hennig von Lange, „Kampfsterne“, Dumont, 224 Seiten, 20,-

09:52 08.08.2018
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