It‘s a Dress, not a Yes

#metoo Sexuelle Gewalt, Sex, Konsens - Mia Frimmer moderierte ein Gespräch über Grauzonen mit Mithu Melanie Sanyal und Bettina Wilpert im Literarischen Colloquium Berlin.
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Von links: Mia Frimmer, Mithu Melanie Sanyal

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Einer gemeinsam verbrachten Nacht folgt nichts zunächst. Das ist ein Fazit mit unterdrückten Peinlichkeitsregungen, an die sich Anna und Jonas nicht mehr erinnern, als sie an der Grenze zum Filmriss Wochen später noch einmal in einem Bett landen. Am nächsten Tag erwacht Anna zersetzt von der Vorstellung, vergewaltigt worden zu sein. Zwei Monate vergehen, bevor sie Jonas anzeigt. Er widerspricht der Anschuldigung ohne zurückgehaltenes Unrechtsbewusstsein. In seiner Wahrnehmung hatte er konsensualen Geschlechtsverkehr mit Anna. Alles geschah freiwillig. Jonas unterschlägt auch seinen inneren Instanzen, in welchem Ausmaß er vom Herrschaftstext profitiert. Während Anna die Zweifel zufallen. Es fällt ihr schwer, Vergewaltigung zu sagen, diese Einordnung zu untermauern und Schweigegebote zu übergehen.

Das ist die Konstellation in Bettina Wilperts im Verbrecher Verlag erschienenen Roman „Nichts, was uns passiert“. Wilpert beschreibt einen im kollektiven Bewusstsein vollzogenen, juristisch jedoch unfertigen Perspektivwechsel. Gewalt und Einschüchterung sind nach landläufigem Verständnis bei der Feststellung einer Vergewaltigung nicht mehr nötig. Das zeigt #metoo und die (nach Jahrzehnten der Omertà) schlagartige Entmachtung prominenter Sexisten bei gleichzeitigem global-feministischem Empowerment. Die Machtverhältnisse verwandeln sich rasant. Man muss jung sein, um die aktuellen Bewertungen kultureller Ausstatter wie Woody Allen, Roman Polanski und Dustin Hofman nicht schwindelerregend zu finden. Ein weißes Mittelstandsprogramm ist sang- und klanglos zusammengebrochen. Die künstlerische Leistung lässt sich nicht mehr vom menschlichen Versagen abziehen. Dabei gibt es nur sieben europäische Länder, die Sex ohne Zustimmung als Vergewaltigung definieren. Mithu Sanyal und Bettina Wilpert sprachen darüber.

Die Schriftstellerinnen und Kulturwissenschaftlerinnen reden neu über sexualisierte Gewalt. Sie sagen, dass dazu nicht unbedingt ein Penis gehört und dass ein Orgasmus Einvernehmen nicht beweist.

Sanyals „Vergewaltigung“ (Edition Nautilus) befasst sich kritisch mit Susan Brownmillers „Gegen unseren Willen“. Brownmiller kommt zu dem Schluss, die Billigung sexueller Gewalt unterstütze eine männliche Unterwerfungsstruktur, die alle Frauen bedrängt, auch solche, die sich von sexueller Gewalt nicht persönlich betroffen fühlen.

„Wir überschätzen unsere Fähigkeiten, Menschen gleich zu behandeln“, sagte Sanyal.

10:34 19.12.2018
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