Jagdszenen von Zweiundneunzig

Rassismus Wer unter Corona-Bedingungen rocken kann, weiß Bescheid. Der weiß, das Rostock eine Stadt mit guter Zukunft ist.
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Wer unter Corona-Bedingungen rocken kann, weiß Bescheid. Der weiß, das Rostock eine Stadt mit guter Zukunft ist. Nichts erinnert die Flaneuse mehr an die Jagdszenen von Zweiundneunzig.

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Im „Sonnenblumenhaus“ wohnen „gute Ausländer“. Sie sind fleißig, ruhig, ordentlich. Sie kennen ihren Rand der Gesellschaft. Diskriminierung paart sich hier zwanglos mit Anerkennung. Die Arbeitsmoral der Vietnamesen findet man vorbildlich, ihre Andersartigkeit lädt zu Herabsetzungen ein. Die Herabsetzungen haben die „Schlitzis“ hinzunehmen, das lernen deutsche Kinder, bevor sie in die Schule kommen.

Es gibt also eine ganz normale Diskriminierung, gegen die niemand Einwände erheben darf. Die Diskriminierten schon gar nicht. Die als Vertragsarbeiter in die erloschene DDR geratene Vietnamesen sollen sich wegducken, wenn wer „Schlitzi“ oder „Fitschi“ sagt. Das ist der Nährboden einer Entwicklung, die in einem brennenden „Vietnamesenheim“ aka „Sonnenblumenhaus“ eskaliert. Die Ausschreitungen beginnen am 22. August 1992 und enden vier Tage später. Sie richten sich zuerst gegen die Zentrale Aufnahmestelle für Asylbewerber und hier zumal gegen Sinti und Roma. Geflüchtete müssen im Freien campieren. Ein gekippter Container gähnt mit seinem geklappten Dach wie ein prähistorisches Echsenmaul.

Repräsentanten noch einer verlorenen Generation verabreden sich zum Riot. Ihre Prägung ist seit 1989 ungültig. Sie kommen aus der Abschottung, ihre Kindheit kannte solide Feindbilder. Die Durchlässigkeit einer offenen Gesellschaft legt sie lahm. Sie erleben ihren Ausschluss nicht als persönliches, sondern als Staats-Versagen.

Sie sind auf einen autoritär-fürsorglichen Staat geeicht, das macht sie anfällig.

Ihr Feind ist der „Zigeuner“ als eine Einbruchsfigur in die Schrumpfbürgerlichkeit. Wilhelm Reich hat den Typus erfasst. Der in sozialen Mutationen zum Halbbürger degenerierte Arbeiter fährt im Ressentiment aus dem Triebstau und auch wieder hinein. Die Kinder der Frustrierten sind Freizeitfaschisten. Ihr Hitlergruß ist eine Currywurstigkeit.

Der Schlüsselsatz lautet: „Wie soll man weitermachen, wenn es kein Vorher gibt?“

An den Erhebungen beteiligen sich bis zu dreitausend, mitunter unterirdisch derangierte Demonstranten. Sie stören Polizei und Feuerwehr. Es kommt so weit, dass sich die Polizei zurückzieht. Die Aufnahmestelle wird mit Applaus geräumt, die „Zigeuner“ sitzen wie Deportierte in Bussen. Sie verschwinden als Sinnbilder vom Ende des Asylrechts, das seinen Anfang in deutschen Verbrechen nahm.

Eine Vergangenheit voller Zuversicht und Wunderkerzen liegt hinter den Akteuren.

In Mecklenburg-Vorpommern werden 1992 207 rechtsextremistische Gewalttaten registriert. Die Marodeure harmonieren mit einer erwartungsfrohen Menge, wie sie vor einer gigantischen Würstchenbude zusammenlaufen könnte. Ein Oktoberfest für Arme im August; man ist sich schrecklich einig.

07:08 08.02.2021
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