James Long und die erste Texas Republik

Texas Ranger 1819 etablierte der Arzt James Long in den Wirren des mexikanischen Unabhängigkeitskrieges eine sowohl von Spanien als auch von Mexiko unabhängige texanische Republik.
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Was zuvor geschah. Im Sommer 1812 traf der mexikanische Revolutionsführer José Bernardo Maximiliano Gutiérrez de Lara gemeinsam mit dem US-Offizier Augustus William Magee, einem Vertrauten des US-Außenministers James Monroe namens William Shaler (ein James Bond und zugleich Graham Greene seiner Zeit), Captain James Colorado Gaines, Peter Samuel Davenport und General José Álvarez de Toledo y Dubois in Nacogdoches, Texas, ein, um da Kombattanten der Gutiérrez-Magee Expedition zu mustern. Die von US-Beratern in frischer Manier unterstützten Freiheitsmexikaner wollten die spanischen Kolonialherren aus Mexiko vertreiben. Es sollte noch neun Jahre dauern, bis zur Unabhängigkeit Mexikos von Spanien.

So geht es weiter.

Zunächst war Shaler von Gutiérrez angetan. Doch im Sommer 1812 bezeichnete der Special Agent den Mexikaner in einem Brief an den Außenminister als sorry figure, aufgeblasen von lächerlicher Eitelkeit (ridiculous flight of vanity). Shaler verurteilte den Revolutionsführer nach angelsächsischen Maßstäben. Er hielt sich mit Gutiérrez‘ Prunksucht auf. In allen Verzierungen einer Abneigung äußerte sich vor allem Misstrauen. Shaler unterstellte Gutiérrez, mit französischen Agenten an US-amerikanischen Interessen vorbei zu konspirieren.

Die mexikanischen Anführer der Aufrührer hatten in Nacogdoches eine gute Zeit im Spielzimmer von Polly Morgans Steakhouse. Sie machten die Nacht zum Tag und verpulverten horrende Beträge aus einer schwarzen Kasse, die in Washington gefüllt worden war. In diesem Reigen spielten auch hispanisierte und frankophone Nordamerikaner eine Rolle, Borderliner, die allgemein Frontiers genannt wurden. Die Pistolero-Pioniere hielten Gutiérrez für den kommenden Mann im Poker um die Macht am Rio Grande. Sie interpretierten das Gehabe des Granden nicht so negativ wie Shaler. Aus ihren Reihen rekrutierten sich 1823 die ersten Texas Rangers als elfköpfige Schutztruppe der (von Stephen Fuller Austin 1821 in das nun mexikanische Texas geholten) Kolonisten.

So hängen die Dinge zusammen. Captain Colorado aka James Gaines und Peter S. Davenport lernten in der Spielhölle der Polly Morgan Lektionen für den zukünftigen Freiheitskampf der westeuropäisch-nordamerikanischen Texaner gegen die mexikanischen Landesherren. Nur vierundzwanzig Jahre nach dem Kollaps der Gutiérrez-Magee Expedition war Nacogdoches nicht mehr mexikanisch.

Noch war Nacogdoches spanisch.

The Long Republic – Die erste texanische Republik wurde bereits 1819 ausgerufen

Monate nach der großen Sause scheiterten Gutiérrez, Magee und Davenport, jeder an seinem Platz. Die spanische Herrschaft setzte Kopfgelder auf die Prominenz aus. Davenport floh über den Sabine River nach Natchitoches Parish, Louisiana. Da war er kein Jahr zuvor aufgebrochen. 1819 kehrte er im Geleit von James Long nach Nacogdoches, Texas, zurück.

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Was wir schon gelernt haben. Die texanischen Eigenständigkeitsbestrebungen beginnen mit den ersten mexikanischen Ablösungsversuchen von spanischer Vormundschaft. Sofort sind Nordamerikaner (Westeuropäer) am Start. Man nennt sie filibuster oder freebooter. Ein Filibuster verfolgt eigene Ziele in einer fremden Revolution. Zum Beispiel strebt er hemmungslose Landnahme für eine Massentierhaltung unter freiem Himmel an. Er weiß, wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Wir haben es also auf die anschaulichste Weise mit einem Verteilungskampf zu tun, in dem die ursprünglichste Bevölkerung als garantiert rechtlos wahrgenommen wird und die Mexikaner mit ihren neun Prozent reinblütigen Spaniern eine selbstverständliche Entrechtung erfahren. Das weite Land ist ein Geschenk Gottes an den weißen Mann. Mexikaner sind nicht weiß.

Gestern war die Rede von der Fredonian Rebellion (21. Dezember 1826 – 23. Januar 1827). Sie entsprach dem angeblich ersten Versuch der Anglosettler, die Ausländer, denen das Land gehörte, auf dem sie lebten, zu enteignen. Ausgangspunkt der Revolte war wieder Nacogdoches. Wie nicht selten in der Geschichte, wenn vom ersten Mal die Rede ist, gab es schon ein älteres erstes Mal. Das war die Long Expedition von 1819. Neben dem Arzt James Long und Peter S. Davenport gehörten zur Führungsriege José Félix Trespalacios, später der erste Gouverneur der mexikanischen Provinz Coahuila y Tejas, Brigant Jean Lafitte, Superwestmann Jim Bowie und der aus Frankfort, Kentucky, gebürtige Texasheld Benjamin Rush Milam. Longs Armee etablierte eine unabhängige Republik Texas, die von der spanischen Kolonialmacht so unter Druck gesetzt wurde, dass sich Long vorübergehend absetzte. Er kam 1820 wieder nach Nacogdoches und versuchte die Kontrolle zurückzugewinnen. Ermutigt wurde Long von Mirabeau Buonaparte Lamar (1798–1859). Lamar sollte Präsident einer aus der Texas Revolution von 1836 hervorgegangenen Republik Texas werden. In seiner Jugend war Lamar Dichter und Maler, Fechter und Pferdefreund. Er schaffte es nicht, den Entrepreneur oder Filibuster in sich auf ein Pferd zu setzen und in die Revolution zu reiten. Er beteiligte sich immerhin mit guten Ratschlägen und komponierte ein Poem mit dem Titel „The Long Republic“. Ich glaube, daher bezog Alfons Blattschneider den entscheidenden Impuls für seinen Aufschwatz „Der Lyriker in der Revolution“.

Long machte sich selbst zum Präsidenten und orientierte sich in seiner Unabhängigkeitserklärung an der US-Declaration of Independence. Er warf den Spaniern eine Rape Mentality und angeborene Tyrannei vor. Den Regierungssitz zentralisierte er in Anahuac am Trinity River. Da wurde die erste englischsprachige Zeitung in Texas verlegt - The Texas Republican. Long machte Lafitte zum Gouverneur von Galveston. Lafitte fiel ihm in den Rücken, paktierte mit den Spaniern, als die Spanier in Mexiko schon kaum noch Luft kriegten …

Long wurde gefangengenommen, via San Antonio nach Mexiko-Stadt verbracht und am 8. April 1822 in einem Verließ des Präsidentenpalastes ermordet. Da hatte Austin schon seine erste texanische Kolonie gegründet. Longs Witwe, Jane, beanspruchte die erste Siedlerin of English descent in Texas gewesen zu sein. Sie ging als die Mutter von Texas in die Geschichte ein. Ihre Tochter Mary-James bezeichnete sie als das erste in Texas geborene Kind of English descent. Das stimmte natürlich nicht. Anglo-Amerikanische Geburten werden in Texas seit 1807 verzeichnet. Der Abstammung gab man solche Bedeutung, dass Jane von Zeitgenossen widersprochen und die Einreden belegt wurden. Als echte Neu-Engländerin rangierte frau offenbar weit über dem Rest.

Jane genoss den Ruf der unerschrockenen Pionierin. In Abwesenheit ihres Gatten hatte sie als Residentin in einem einsam der Wildnis ausgesetzten Blockhaus einen Winter lang Karankawa Krieger auf Abstand gehalten, indem sie jeden Tag die Hauskanone einmal abfeuerte. Vielleicht ist das nur ein Märchen.

Die Karankawa starben in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts aus.

Einige Teilnehmer der Long Expedition waren Sklavenhändler und noch im Geschäft, als der Menschenhandel schon (in Louisiana) verboten war.

Die spanische Schwäche

Wir müssen weiter über Shaler und die US-amerikanische Außenpolitik in den Jahren 1811 – 1821 reden. Shaler fand es ungeschickt, einen Filibuster wie Gutiérrez avancieren zu lassen, so dass sich Gutiérrez eine Aussicht auf die Präsidentschaft eröffnete. Er plädierte für eine direkte Intervention der Vereinigten Staaten, um den britischen Einfluss in Mexiko zurückzudrängen. Shaler fürchtete, Großbritannien könne die spanische Kolonie als Basis für einen direkten Angriff nutzen.

1812 ist schon alles da, was das Bild der Vereinigten Staaten und ihrer Außenpolitik heute bestimmt. Isolationismus und Interventionismus bestimmen mit wechselndem Gewicht das Geschehen.

Man begreift die Bedeutung des Feindes für das Selbstbild. Der Feind braucht Format. Es hilft nicht, pedaço de merda zu sagen, während republikanische Kräfte vorrücken, die sich als Republican Army of the North selbst überhöhen. Das sind Tejano-Mexikaner und Tejano-Amerikaner. Sie haben sich dem Kubaner José Álvarez de Toledo y Dubois und einem US-Lieutenant unterstellt, der seinen Dienst als Kommandant der US-Grenztruppe auf dem neutralen Grund (Neutral Strip) zwischen Louisiana und Spanish Texas quittiert hat, um im Rang eines Colonels die Republican Army of the North im Kampf zu führen. Da ist er wieder, der gute Augustus Magee. So richtig kapiert man ihn nicht. Er hat eine Scots-Irish descent, ist also protestantischer Ire. Aber anders protestantisch als die irische Oberschicht.

Wen juckt das in Texas? Mit welchen Erwartungen folgen die Tejano dem Iroschotten Magee?

Sie kennen die spanische Schwäche. Nach Jahrhunderten der Herrschaft hat die Kolonialmacht kein Mark mehr in den Knochen. Das haben die Tejano in Generationen zuerst nur erspürt. Die Schwäche macht aus Spanish Texas einen gesetzlosen Raum. Wir wissen das alle vom Anschauen der Italo-Western. Sergio Leone war unser Geschichtslehrer. Tejano sind keine Southerner. Ihre Vaqueros sehen anders aus als Cowboys in Oklahoma oder Arkansas. Die Tejano haben die Mañana-Trägheit. Sie schneiden ihre Sporen aus mexikanischen Goldmünzen und spucken Goldzähne in scheppernde Blechbeulen. In den Bergen über ihren Schlupfwinkeln weinen die Apachen. Zeugnisse der Pueblo Kultur zerfallen im ewigen Sandsturm. Die Tejano trinken Tequila und spielen mit Knochenwürfeln. Kommt ein Gringo des Weges …

Die Italowestern der Siebziger zeichneten ein realistisches Bild vom Leben der Tejano. Etwa, wenn El Lupo in Für eine Handvoll Dollar sagt: Seit vierzig Jahren ist dies mein erstes sauberes Hemd. So sah der Wilde Westen im spanischen Texas aus:

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Morgen mehr.

P.S.

Fort Defiance

Nacogdoches wurden von der Republican Army of the North am 12. August 1812 nach schwachem Aufbegehren der Kolonialmacht ausgehändigt. Die Rebellen verschanzten sich in der spanischen Festung Presidio La Bahia (heute und schon lange Goliad).

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In Goliad fanden wichtige Ereignisse der Texas Revolution statt. Im Oktober 1835 übernahmen Texaner die Garnison und tauften sie Fort Defiance. Im März 1836 wurden auf Befehl von Antonio Lopez de Santa Anna vor den Festungswällen vierhundertfünfundvierzig kriegsgefangene Texaner hingerichtet, darunter Fortkommandant James Fannin, der schon in der Alamo Angelegenheit versagt hatte.

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1812 belästigten die Spanier die Eingeschlossenen von La Bahía fast ein halbes Jahr. In der Zwischenzeit vergifteten die Verteidiger ihren Vorsitzenden wegen totaler Unfähigkeit und gaben Malaria als Todesursache an. Magee starb am 6. Februar 1813. Die Belagerer gaben schließlich auf und zogen sich nach San Antonio zurück.

06:54 06.03.2018
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