Jede Warze kann gegen Sie verwendet werden

Michael Rutschky Als Steakhaus wäre die DDR ein Erfolg gewesen, behauptet Michael Rutschky. Seine letzten Aufzeichnungen erinnern an Peter Rühmkorfs Alltags- Idiosynkrasien.
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Als Steakhaus wäre die DDR ein Erfolg gewesen, behauptet Michael Rutschky kurz vor dem Schlusspunkt seiner Tagebücher. Die Aufzeichnungen sind lesenswert und erinnern an Peter Rühmkorfs Alltags- Idiosynkrasien. Sie dokumentieren den Geist und Überdruss der alten Bundesrepublik und sie belegen, wie viel Zeit die Auguren in Lokalen abgesessen haben.

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Michael Rutschky kam seiner Zeit als jemand entgegen, der Enzensbergers omnipotentem und prä-avantgardistischen Gestus zustimmend widersprach und die (von seinem Leitstern noch in Bausch und Bogen abgeklärten) Sensationen knapp über den Bodenwellen des Gewöhnlichen feierte. Irgendwo sagt der grandios indifferente Enzensberger, Gerhard Nebel interessiere sich für die Menschheit, aber nicht für die Leute, um so die eigene Position im Gegenlicht zu bestimmen.

Wir haben uns für die Leute zu interessieren, auch wenn es weh tut. Enzensberger postulierte das Wir und nahm sich aus.

Wir, das sind die anderen. Ich bin nicht Wir.

Ich habe Enzensberger stets auf der Flucht vor dem Interesse an ihm beobachtet, während ihm die eigenen Behauptungen egal waren.

Michael Rutschky, „Gegen Ende. Tagebuchaufzeichnungen 1996-2009“, zusammengestellt von Michael Rutschky und Kurt Scheel. Mit einem Nachwort von Jörg Lau. Berenberg Verlag, 360 Seiten, 24,-

Rutschky war ein anderer Enzensberger. Er etablierte sich als unnachsichtig-einleuchtender Diskursfürst in der Prägekraftära der Frankfurter Rundschau. In dieser Zeitung wurde die Kritische Theorie gestreamt und verwässert. Noch leuchteten die Unterschiede zwischen Grün und Schwarz. Zugleich gab es keinen Unterschied zwischen intellektuell und links. Das Große und Ganze einer von Adorno negativ geladenen Anthropologie löste sich in Gesellschaftskritik auf.

Der Scheitel wurde zur Person. Fast alle schrieben über Friseure im Senegal, Schweizer Punks und Imbissbudenbetreiber auf Haiti so wie man vor einem Kreuzberger Spätkauf die Bierflasche entkorkt. Ich erinnere an Gabriele Goettle.

Überall präsentierte sich „ein freigelegter Oberarm“ (Marie-Luise Scherer) der anmutigsten Darstellung, überall war Ungeheurer Alltag (Michael Rutschky), obwohl die Kunde davon „aus der Hölle kam“ (Theodor W. Adorno).

Doch fußt der ethnologische Eskapismus in einer Manier, mit der Henry Mayhew (1812 - 1887) in der Hochzeit der Afrika-Expeditionen und der spekulativen Ethnologie sich der Armutsarchaik vor der eigenen Haustür widmete. Mayhew trieb Völkerkunde in den Gassen von London und unterschied Stämme von Klans. Hundedieb war zu seiner Zeit ein anerkannter Beruf, jedenfalls in gewissen Kreisen. Der greise Enzensberger

Vor den Vätern sterben die Söhne

zeichnet Mayhew eine Vignette des ehrenden Andenkens in seinem jüngsten Buch „Eine Experten-Revue in 89 Nummern“.

Herausgegeben wurden Rutschkys letzten schrankenlosen Aussagen (am Ende einer langen autobiografischen Strecke) von Kurt Scheel, der sich von Einlassungen degradiert fühlte und einen Freundschaftsverrat beklagt. Markiert als Wasserträger poltert Scheel kurz gegen sein Los an. Die Editionsprise streicht er trotzdem ein.

Über eine Kündigung der Freundschaft äußert sich Scheel im Konjunktiv. Endlich erkennt er:

Es war zu spät für eine Trennung.“

Zum Schluss, so heißt es, habe sich Rutschky auf das Negative konzentriert. Er sei in der Verdüsterung verwittert. Notierte Träume. Hielt seine niedrigen Beweggründe fest. Tranchierte das Verhältnis zu seiner Frau Katharina, die mit ihrem Mann in der Wahrnehmung mancher Zeitgenossen und kleiner Lichter eine überirdische Gemeinschaft bildete.

Die beiden wurden als Instanz erlebt. Rutschky distanziert sich initial in der dritten Person von sich. R. und Kathrin vertreten im Text Michael und Katharina. R. geht die in seinem Freundes- und Bekanntenkreis kursierenden Krankheiten durch. Er gibt Diagnosen wieder und zeigt sich beschlagen. Mit einem „Donaldisten“ liest er Max Weber in einem Zirkel.

An die plötzliche Allgegenwart von Donald Duck in der FAZ erinnere ich mich. Ich hielt das stets für einen Fokusfehler (Stichwort: verschobene Wahrnehmung), bis ich von Rutschky lernte, dass Andreas Platthaus und Patrick Bahners in einem DD-Kult verbunden sind oder waren.

Was es alles gibt.

Man findet viele treffende Bemerkungen, die aus Beobachtungen kommen, die sich nicht einstellen, solange man brillant sein möchte. Eine gewisse Erbitterung in Rutschkys Urteilen beweist nur, dass vom eigenen Leben die Rede ist. Ich finde ihn hellwach sich selbst gegenüber.

Rutschky „elektrisiert“ das Kartenzimmer im Palazzo Veccio – die Verknüpfung der Geografie mit den „Geld- und Warenströmungen“.

In Anführungszeichen setzt er die Beobachtung:

„Der junge Mensch erlebt den Inhalt, der alte beobachtet die Form.“

Er befasst sich mit der Gesundheit seines Hundes; da ist nur Einverständnis und gegenseitig Ermutigung. Im Steakhaus findet er die „Wünsche der Arbeiterklasse“ erfüllt.

Als Steakhaus wäre die DDR ein Erfolg gewesen, glaubt der Autor.

16:29 22.06.2019
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