Jedes gute Buch blockiert den Betrieb

Premiere/Literatur/Berlin Sagt man “zerknüllt” auch im Deckenzusammenhang? Saša Stanišić über die kontinuierliche Arbeit am Zuhause in der Backfabrik - Fatma Aydemir über Pop im Deutschen Theater
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Er faltet die Tagesdecke gewissenhaft so zusammen, dass Regina sie zwanghaft noch einmal zusammenfalten muss. Er begehrt gegen eine Vase auf, die als von ihr ihm nahegelegtes Geschenk den Staubfängervorrat ergänzt. Solche von hinten durch die Faust ins Auge führenden, “die kontinuierliche Arbeit am Zuhause” präzise auf den Punkt bringenden Dreisätze findet man oft bei Stanišić. Die Pointen verfehlen knapp ihre Verpuffung. Sie erfüllen Funktionen malerischer Gesten der Erschöpfung und des guten Willens. Als Partytrash könnten sie der geringsten Ablenkung zum Opfer fallen.

Stanišić spielt mit den Möglichkeiten, die eine Fremdsprache bietet, wenn sein Held fragt: “Sagt man “zerknüllt” im Deckenzusammenhang?”

Der Autor gewinnt seiner zweiten Sprache eine Seitenstreifenpoesie ab, wie einst Zaimoglu, der sich in Führungsgesprächen manchmal auf Aimé Césaire berief. Césaire sagt, man dürfe von der Kunst nicht erwarten, eine Doppelexistenz eingerichtet zu bekommen. Doch ist diese Idee zu verlockend, um einfach Fraß der Vernunft zu werden: Zwei Leben führen - und von dem einen im anderen Pause machen zu können (als Überschussprodukt der Chance doppelter kultureller Auswahl). Ich dachte daran, während sich die Backfabrik-Katakombe füllte. Das Publikum ist einander und seinen Telefonen großherzig zugetan. Ich beobachte das Kunststück einer heimlichen Dreihand. Man hält das Telefon, ein Glas und den Partner in illusionärer Gleichzeitigkeit.

Das Display fokussiert. Wie Leute vor zwanzig Jahren öffentlich zusammen kamen, ihre Statusmeldungen absetzten und ihre Liebesangelegenheiten regelten, weiß ich nicht mehr.

Ich erinnere Geschichten, die nach der Belagerung von Sarajevo verbreitet wurden. Flüchtlingsdramen, die den Horror verschwiegen. Man schrieb über Europäer, die in eine Dritte Welthölle geraten waren und dazu verdammt schienen, auch als Flüchtlinge in Deutschland darin zu bleiben. Stanišić kommt aus Bosnien, in dem Berliner Keller stellt der vielfach ausgezeichnete Schriftsteller zum ersten Mal seinen ersten Erzählband vor.

Es findet die Premiere eines noch nicht erschienenen und bereits auf einer Bestenliste platzierten Buches statt. In “Fallensteller” erzählt Stanišić von einem Mann, der auf einem Umweg nach Rio de Janeiro seit dreißig Stunden nicht geschlafen hat. Die von Müdigkeit verstimmte Wahrnehmung gestattet Georg Horvath besondere Genauigkeit. Von einem Mitreisenden fühlt er sich “aktiv ignoriert”, das heißt wohl: mit Gleichgültigkeit abgelehnt. Das Bild leuchtet ein als Verbesserung der Selbstverständigung. Ignoriert mich nicht auch mein Nachbar zur Rechten aktiv? Von Facebook kenne ich den Begriff, der sein Verhalten maßregelt: manspreading.

“Das Meer setzt sich gegen” Stadtlichter ab, da ist er wieder, der junge Heinrich Böll, den eine schlecht übersetzte Kurzgeschichte von Hemingway inspirierte.

Georg riecht planvoll den eigenen Atem, (einen Atem “wie Baden-Württemberg”) nicht gegeben ist es ihm, “kostenlosen Speis & Trank zu beanstanden”. - Das Echo des vergangenen Mangels. In Rio steigt Georg falsch um und wird bald vermisst.

Jedes gute Buch blockiert den Betrieb. Stanišić traue ich zu, eine Blockade zu verhängen. Seine Fallen sind für Menschen da, es geht um Lockung und Betrug. Der Autor zeigt, wie wichtig Missverständnisse für das Überleben sind. Jetzt muss ich weiter.

Frédéric Schwilden trifft Fatma Aydemir im Salon des Deutschen Theaters

Ein Wechsel von der taz zur “Welt” kam einmal einer Entblößung bis zu Kenntlichkeit (ungefähr “titanic”) gleich. Heute besiedeln Linke die besorgte Mitte der Gesellschaft, während man sich rechts anarchisch radikalisiert und zum Avancement in der Extravaganz auf einer Räuberleiter des Zynismus bis in die Bildzeitung aufsteigt.

Weltschreiber Schwilden gibt den kampfbereiten, aus dem Fundus einer jugendlichen Provinzverzweiflung schöpfenden Dandy. Taz-Autorin Aydemir erscheint als Botschafterin des großen Einvernehmens. Sie spricht von ihrer Mama im Tonfall des gewerkschaftlich organisierten und öffentlich-rechtlich garantierten Wollen-mal-sagen.

“Prince, das war die Musik meiner Mutter, als sie nach Bremen kam.”

Gastgeber Jens Balzer und Tobi Müller sind klar im Vorteil. Sie müssen die Bälle flachhalten, um ihre Gäste nicht zu überspielen. Müller erkennt imagepolitische Koinzidenzen zwischen Bon Scott und Prince in den Siebzigern. Damals sei die Frisur Programm und eine Manier schwuler Selbstinszenierung “heterosexistisch” gewesen.

Müller: “Kein Mensch bei Verstand hörte Anfang der Achtziger Gitarrensoli, aber Prince” frickelte wie verrückt.

Müller rückt Prince an Proust. Er rühmt seine gedächtnisstützende Madeleine-Prince als GuerillastrategIn gegen eine segregative Kulturindustrie. MTV habe rassistisch angefangen.

Müller klingt wie Diederichsen, gelegentlich zeigt er Videos. “Golf” kommt vor, “die derzeit spannenste Band aus Köln”. Ich zitiere Linus Volkmann: “Vier Typen mit Früh-Twen-Schlafzimmer-Gesichtchen. Sie gehen spät ins Bett, sie trinken Bier um Bier, sie schleifen die Uni durch, sie sind die derzeit spannendste Band aus Köln, sie heißen Golf. Wer das für einen ausnehmend bekloppten Namen hält, kennt sich im deutschen Westen der mittleren Zehner schlecht aus. Die Bands hier nennen sich Woman, Vines, Miami oder eben Golf. Geschmeidig verschränkt Letztere elektronischen Indie mit der Coolness von verspultem Storyteller-Sprechgesang. Eine EP, also 5 Songs, sind diese Slacker alt, Ping Pong heißt sie. Wir treffen uns an einer Tischtennisplatte in Köln-Mitte.”

Ich glaube nicht, dass Schwilden den Volkmanntext kennt. Wahrscheinlich reicht das, was er von der Terrasse oder dem Tresen aus gesehen hat (alle Informierten überlassen das Videogucken der Kundschaft) um alarmiert zu sein. Er sagt: “Da sieht man, wie toll deutsche Subventionskultur funktioniert.”

10:14 06.05.2016
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