Jugomeksička muzika

Aleksandar Hemon Der Autor erzählt seine Familiengeschichte. Ihre Anfänge erscheinen in der Retrospektive auch geografisch als Ausläufer.
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In der Gründungsphase des jugoslawischen Staates stiftete das Kino eine Begeisterung für mexikanische Musik. Es entstand die Jugomeksička muzika. Auch den Vater des Erzählers riss die schiere Lebensfreude hin, sobald er „Mama Juanita - Mama Huanita“ vernahm. Sein Sohn deutet an dieser Stelle einen Old-School-Karaoke-Furor an.

Ausgangspunkt des Hypes war der mexikanische Spielfilm Un día de vida aus dem Jahr 1950. Das Filmlied „Mama Juanita“ gehört als „Mama Huanita“ zum Bestand der gesamtjugoslawisch-sozialistischen Folklore.

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Während der Autor die Geschichte seiner ukrainisch-bosnischen Vorfahren erzählt, erfährt er sie selbst noch einmal. Er vermisst den ungeheuren Gegensatz zwischen der aktuellen Gegenwart seiner Eltern und deren biografischen Anfänge am gesellschaftlichen Anfang Jugoslawiens sowie am Ende von so vielem, das langsam nur Relikt des 19. Jahrhunderts in den Spielarten der Habsburger Monarchie geworden war.

Aleksandar Hemon, „Meine Eltern / Alles nicht dein Eigen“, aus dem amerikanischen Englisch von Henning Ahrens, Claassen, 24,-

Aleksandar Hemon erkennt, dass er nie so jung war, wie seine von einer politischen Aufbruchsstimmung getragene Mutter.

Das Mädchen auf der Vespa

Die Mutter des Erzählers entspricht dem Ideal der jungen Frau im Tito-Sozialismus. Auf „vielen Fotos jener Zeit“ sieht man sie auf dem Hochseil einer perfekten Verkörperung. Sie ist das „Mädchen auf der Vespa: Ballonrock, Bobbysocken und Beehive-Frisur“.

Der Film zum jugoslawischen Lebensgefühl einer vom Mangel gebeutelten, zutiefst optimistischen Jeunesse dorée heißt „Ljubav i moda - Love and Fashion - Liebe und Mode“.

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„Liebe und Mode“ ikonografiert in der Regie von Ljubomir Radičević, mit den Seichtmitteln der Musikkomödie die sozialistischen Zukunftserwartungen auf der europäischen Trümmerfolie.

Der Autor erzählt seine Familiengeschichte. Ihre Anfänge erscheinen in der Retrospektive auch geografisch als Ausläufer. Sie beginnen in der Bukowina und in Galizien, nach heutigen Staatsbegriffen in der Ukraine. Die Hemons sind marginalisierte Untertanen auf vernachlässigten Feldern der Habsburger Monarchie. Als im frühen XX. Jahrhundert der kranke Mann am Bosporus einzuknicken droht, reißt der österreichische Kaiser Bosnien und Herzegowina an sich.

„1878 wurde Bosnien österreichisch-ungarischer Finanzverwaltung unterstellt (Kondominium), während es bis 1908 formell weiterhin dem Osmanischen Sultan unterstand. 1908 annektierte Österreich-Ungarn Bosnien-Herzegowina.“ Wikipedia

Die Usurpator:innen schaffenfacts on the ground, indem sie die Ärmsten von sonst wo in ihrer Hemisphäre umsiedeln und sie als Kolonist:innen in ein Konkurrenz- und Verdrängungsverhältnis zu der ursprünglichen Bevölkerung setzen. Hemons Urgroßvater wandert 1912 mit „einem oder zwei Bienenkörben und einem stählernen Pflug“ ein und siedelt nahe der serbisch dominierten StadtPrnjavor im Nordwesten Bosniens.

Ich überspringe einige Stationen, um schnell wieder ins Kino zukommen. Der Vater des Erzählers sieht Živjeće ovaj narod, einen kroatischen Film aus dem Jahr 1947 nach einer Vorlage von Branko Ćopić.

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Aus der Ankündigung

Eigentlich sind es zwei Bücher in einem: MEINE ELTERN/ALLES NICHT DEIN EIGEN. Zwei Titelseiten, zwei Titelblätter; die Hälften sind Rücken an Rücken platziert, getrennt durch eine Reihe von Schwarz-Weiß-Fotos, die Hemons Familie zeigen.

Von den beiden Hälften ist "Meine Eltern" die geradlinigere. Es ist eine Sammlung von Essays über Hemons Mutter (Mama) und Vater (Tata), deren komfortable, bürgerliche Existenz in Sarajevo durch den Krieg zerstört wurde. Sie ließen sich in der kanadischen Stadt Hamilton, Ontario, nieder, wo sie intuitive Zugehörigkeit gegen eine hart erkämpfte Stabilität eintauschten. Wie Hemons Fiktion sind auch die Geschichten aus dem wirklichen Leben in "Meine Eltern" so fein konstruiert, dass ihr Gerüst unsichtbar ist. Es ist der vorsichtige und bewegende Versuch des Sohnes, dem Ganzen einen Sinn zu verleihen.

"Alles nicht dein Eigen" ist rauer und unkonventioneller, konzentriert sich mehr auf Hemon als auf seine Eltern, obwohl die beiden Hälften des Buches im Tandem arbeiten. Diese Hälfte ist eine Sammlung von kurzen Vignetten und Fragmenten: Einige lesen sich wie Notizen zu „Meine Eltern“, andere scheinen sie zu verändern oder gar zu unterlaufen. So ist er in einer Hälfte ein sanfter Junge, der streundende Tiere nach Hause bringt, um sie zu knuddeln, und in dieser ist er ein kleiner Sadist, der Fliegen die Beine ausreißt und sogar eine Katze tötet. Es ist eine Verzweiflung, die "Alles nicht dein Eigen" durchzieht, ein überwältigendes Gefühl der Sterblichkeit und der Verdacht, dass das Erzählen von Geschichten nie genug sein könnte.

Zum Autor

Aleksandar Hemon wurde 1964 in Sarajevo geboren. 1992 hielt er sich im Rahmen eines Kulturaustauschs in den USA auf, als er von der Belagerung seiner Heimatstadt erfuhr. Er beschloss, im Exil zu bleiben. Seit 1995 schreibt er auf Englisch und veröffentlicht regelmäßig unter anderem in «The New Yorker», «Granta» und «The Paris Review». Sein Erzählband «Die Sache mit Bruno» erschien 2000, 2002 folgte der Roman «Nowhere Man», der für den «National Book Critics Circle Award» nominiert war. Die MacArthur Foundation zeichnete Hemon 2004 mit dem «Genius Grant» aus. Spätestens seit seinem international gefeierten Roman «Lazarus», der in Deutschland auf der Shortlist des Internationalen Buchpreises 2009 stand, gehört er zu den meist beachteten Stimmen der amerikanischen Gegenwartsliteratur. 2013 erschien «Das Buch meiner Leben». Hemon lebt mit seiner Familie in Chicago.

13:47 05.09.2021
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