Juri

Alkohol Als Heike geboren wurde, standen sich meine Eltern zur Scheidung entschlossen, feindselig gegenüber. Sie konnten sich zwar nicht mehr ausstehen, hatten sich aber noch ...
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„Früher in meinem Dorf wurde jedes Ding nur mit Gott oder dem Tod verknüpft.“ Gottfried Benn

In der Trinkhalle hörten wir oft Ray Charles

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Mit fünfzehn wurde ich schwanger. Der Kindsvater war ein zwanzigjähriger Kindskopf. Die bloße Selbsterhaltung überforderte Albert. Wie sollte er für eine Tochter sorgen? Er tat, was er konnte, und gewann Heikes Zuneigung zäh an meiner Abwehr vorbei.

Als Heike geboren wurde, standen sich meine Eltern zur Scheidung entschlossen, feindselig gegenüber. Sie konnten sich zwar nicht mehr ausstehen, hatten sich aber noch viel zu sagen. Mein einziger Ausweg führte zu Nellieoma. Mein Vater nannte sie Budennellie. Ihr „Springbrunnen“ war eine Seckbacher Institution.

Nellieoma nahm die guten und die schlechten Dinge im Leben wie das Wetter. Ihre Ausgeglichenheit übertraf die Gleichgültigkeit anderer Leute. Ich bezog mit Heike das alte Kinderzimmer meiner Mutter und blieb erst einmal sitzen. Man sorgte dafür, dass ich weiter zur Schule ging. Nachmittags schob ich den Kinderwagen durch den Huthpark. Heike hatte es gern, wenn ich ihr was vorsang. Da ich mir keinen Text merken konnte, verfiel ich darauf, Unsinn auf irgendeine Melodie zu reimen.

Heike war ein angenehmes Baby. Sie schien sich in jeder Gesellschaft wohl zu fühlen. Besonders angetan war sie von den alten Säcken in Omas Trinkhalle. Die Greise gaben gern Ratschläge. Sie waren Experten in allen Lebenslangen.

An meiner Familie kam keiner vorbei. Mein Vater war erster Vorsitzender in jedem Verein. Auch meine Mutter sammelte Ämter. So erkläre ich mir, dass ich das Abitur schaffte. Meine Freunde waren Taugenichts. Darauf legte ich Wert. Die Tüchtigkeit meiner Eltern widerte mich an.

Als in Seckbach der Kinderwunsch zur bestimmenden Kraft meiner Generation wurde, war Heike längst aus dem Gröbsten. Ich hatte nicht nur eine Tochter, sondern auch Spielraum. Jahrzehnte vor Omas Tod übernahm ich den Springbrunnen und machte daraus, ohne an der Patina zu rühren, die „Trinkhalle“. Sie wurde zum Vorbild eines gastronomischen Genres. Hessische Künstler nutzten die Kulisse in ihren Videos und sorgten für einen Kult. Eines Morgens erwachte ich mit der Erkenntnis, dass ich viel mehr Grund hatte, zufrieden zu sein als unzufrieden, und dass meine Unzufriedenheit am ehesten wohl einer Konvention entsprochen hatte.

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Auf einem internationalen Schriftstellerkongress begann Brecht die Eröffnungsrede mit den Worten: „My English is bad but my German is better“. Juri zitierte die Bemerkung bei jeder Gelegenheit. Er war halb Tscheche, halb Deutscher. Sein leiblicher Vater hatte nur bei der Zeugung eine Rolle gespielt, die Vaterschaft angezweifelt und sich bis zum letzten juristischen Winkelzug gewunden. Die ablandige Zufälligkeit der Verbindung, nahm der Erzeuger zum Anlass, Juris Mutter zu denunzieren.

Juri war Lektor in einem Verlag mit Weltgeltung. Er fand sich unbedeutend neben Kollegen, die zur Entourage jeder Bundesregierung auf Reisen gehörten und das geistige Deutschland im Ausland vertraten. In meinen Vorstadtverhältnissen war Juri ein Gigant. Er hatte ein gutes Einkommen, ein hohes Prestige und erstaunlich viel Zeit, die er mit unspektakulären Beschäftigungen wie Spazierengehen und Blumengießen verplemperte.

Wir passten nicht zusammen. Jedes gesellschaftliche Verlagsereignis, das zwanglos genug über die Bühne zu gehen versprach, um mich nicht abzuschrecken, bewies mir das. Ich sah die Frauen, mit denen Juri vor mir zusammen gewesen war. Ich begriff sie als Angehörige einer geschlossenen Klasse. Bildung, Herkunft, Aussehen: daran erkannten sie sich. Ich erkannte mich im Gegenlicht als Mängelexemplar.

Es war ausgeschlossen, mich auf das Niveau der Klassefrauen zu heben und zwar von Grund auf und von vornherein. Mich erwartete das Erbe von drei Häusern in Seckbach und das im Milieu meiner Altvorderen obligatorische kanarische Domizil. Alle eingesessenen Seckbacher hatten so was. Ich war wohlhabend und wurde auf der Sparkasse zuvorkommend beraten. Trotzdem kam ich mir wie eine Magd vor, wenn ich auf einem Verlagsempfang die Frau an Juris Seite verkörperte.

Eine Weile dachte ich, es sei eine Perversion, ein Fetisch, die/den Juri mit mir auslebte; eine seltene, für mich unsichtbare Vorliebe … bis ich eines Abends das süchtige Glitzern in Juris Augen sah, als mal wieder in gemeinsinniger Runde Schnaps getrunken wurde.

Es ist immer ganz einfach und es kommt alles heraus.

Ich machte dem Alkoholiker Juri keine Schwierigkeiten. Im Dunstkreis der Trinkhalle wirkte normal, was überall sonst auffällig gewesen wäre. Der Unterschied zwischen jemandem, der einmal in der Woche in die Kneipe geht und da mit Bier gesellig wird, und einem, der jeden Tag Schnaps trinkt, verschwimmt in dem Augenblick, wo die beiden nebeneinander am Tresen sitzen.

Juris Verhalten hatte dem Anschein nach etwas Entgegenkommendes, an meinen Arbeitsrhythmus Angepasstes. Ich war Juri dankbar, dass er mir meinen Alltag nicht zum Vorwurf machte. Ich verkannte, wie praktisch das alles für ihn war.

Natürlich begriff kein Mensch Juris Verhältnis mit der Seckbacher Kultwirtin als Suchtstrategie. Aber genau das war es, am Anfang in reizvoller Kombination. Später übernahm Juri die Couch in dem Zimmer, das eine neutrale Zone zwischen Omas massiv möblierten Gemächern und meinem Ikea-Reich abgab.

Ich glaube nicht, dass Alkoholiker richtig arbeiten können. Sie sind viel zu sehr damit beschäftigt, etwas vorzutäuschen oder auszuhalten. Weil sie wissen, dass die Enttarnung ihr Leben zur Strapaze macht, investieren sie in die Unauffälligkeit. Juri hätte im Zusammenspiel mit einer Lektorin nicht unauffällig bleiben können.

Die kritische Registrierung des Konsums ist der Anfang vom Ende. Deshalb konnte Juri keine Beziehung zu einer Frau seiner Klasse eingehen. Auf der Suche nach einer originellen Lösung, war er mir begegnet. Ich war so blöd, lange nichts zu merken.

Was war ich für Juri?

Eine dumme Schüssel, die froh sein konnte, einem Halbgenie aus der Literaturwelt die hausgemachte Gemüsesuppe servieren zu dürfen; für die alle anderen zahlen mussten?

Juri war Kommunist, ein Feind Amerikas, ich betrog ihn erst mit und verließ ihn dann wegen Tallahassee Beauregard Tennessee aus Providence, Rhode Island. Ich nannte ihn Beau.

Juri brauchte drei Wochen, um zu begreifen, wie ernst es mir war. Wie schwach er war, erkannte ich erst an dem Tag, als er mit den letzten Sachen abzog. Er schlich davon wie ein geprügelter Hund. Er wirkte viel mitgenommen, als ich es erwartet hatte. Die Wahrheit ist aber auch, dass er immer seiner Berufstätigkeit nachgeht, immer noch Beziehungen oder zumindest Affären hat, und mit einem gewissen Abstand betrachtet, auch immer noch besser aussieht als viele Männer in seinem Alter.

14:02 09.01.2019
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