Kaiserliches Begehren

Julien Green Als Vierzehnjähriger wird der Autor Zeuge eines kaiserlichen Begehrens
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Julien Green ist so geistreich zu bemerken, dass man ein Land nicht mit jenen Persönlichkeiten verwechseln sollte, die als Sturmspitze der Gesellschaft erscheinen.
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„Und Calibans wahres Opfer, wenn es ihm gelingt, Prospero zu überwältigen, ist Caliban selbst, das wird man sehen, sollte der Fluch deutscher Herrschaft nicht von Europa genommen werden.“

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Gemünzt auf die deutsche Besetzung Frankreichs, sagt Julien Green, der Sieg eines Teils von Europa über den anderen mache Europa zur Hauptverliererin. Das ist feinsinniger Chauvinismus und geostrategischer Siegmund Freud. Der Amerikaner in Paris begreift Europa als Schatztruhe der Welt, die nicht beschädigt werden darf. Er strahlt förmlich vor eurozentrischer Selbstgewissheit. Dass der Glanz Frankreichs mit dem Elend seiner Kolonien erkauft ist, spielt in Greens Gleichung keine Rolle.

Julien Green, „Erinnerungen an glückliche Tage“, Roman, auf Deutsch von Elisabeth Edl, Carl Hanser Verlag, 22,-

Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich wende mich diesem Denkmal einer verblassten Moderne zu, um der Gegenwart zu entkommen. Ich liebe es, auf Greens Auen auszuruhen.

In den Soldaten der Wehrmacht erkennt der wahlfranzösische Patriot „fein herausgeputzte und gut bewaffnete Kerle“.

Green verdammt den Aufmarsch, ohne über Bügelfalten hinwegsehen zu können. Die Wehrmacht trampelt in Paris ein, verlegen gemacht von ihrer eigenen Anmaßung. Natürlich geben die Soldaten ihre Verlegenheit nicht zu. Aber jeder uniformierte Abiturient bleibt vor den Bildungsampeln stehen.

Der Mythos von der alles plattmachenden Streitmacht des Zaren

Als Vierzehnjähriger wird Green zum ersten Zeuge eines (auf Paris gerichteten) deutschen Begehrens. Sehen Sie hierzu zuerst Kloaken des kollektiven Bewusstseins. Der Heranwachsende bemerkt die kläglichen Vorkehrungen gegen den Einmarsch; getroffen von einer vorauseilend abgerückten Regierung. Green erwähnt „chevaux de frise, spanische Reiter, waren vor ... Hindernissen aufgestellt worden, die, wie man uns versicherte, den Feind behindern oder ganz aufhalten würden. Dieser ganze Kram schien jämmerlich unzureichend“.

Das Desaster wird zum Menetekel der Einsicht: „Das 19. Jahrhundert sei 1914 zu Ende gegangen.

Es endet im bösen Erwachen, und Green ist als parteiischer Zeuge dabei. Er rückt nicht ab von seiner Liebe zu Frankreich. Unbekümmert feiert er seinen Patriotismus. Das bleibt deshalb erhellend, weil der gebürtige Amerikaner seine Pariser Segel einfach streichen könnte, um sich zumindest seelisch Richtung sichere Seite einzuschiffen.

Das macht er nicht.

Das deutsche Oberkommando „muss das Fest (der Eroberung von Paris) abblasen und im vernichtenden Feuer unserer 7,5 cm-Kanonen den Rückzug antreten“.

Die Franzosen hoffen auf le rouleau compresseur russe, die angeblich alles plattmachende Streitmacht des Zaren.

Aus der Ankündigung

Die Kindheit eines kleinen amerikanischen Jungen in Paris, am Beginn des 20. Jahrhunderts. Julien Green lässt in seinen Erinnerungen die "Belle Époque" auferstehen: das Klappern der Pferdehufe auf dem Pflaster, den Alltag ohne Radio und Telefon, die Schrecken eines strengen, unmenschlichen Schulsystems und die Geborgenheit in der bürgerlichen Familie. Erst als Frankreich in den Ersten Weltkrieg zieht, bricht auch für ihn ein neues Zeitalter an. Ein wunderbares Buch über eine versunkene Welt: Zeitdokument, Entwicklungsroman, Hymnus auf das Glück der Kindheit und ein großes Lesevergnügen.

Zum Autor

Julien Green wurde 1900 als Sohn einer amerikanischen Familie in Paris geboren, wo er 1998 starb. Bei Hanser erschien das erzählerische Werk, zuletzt in der Neuübersetzung von Elisabeth Edl: Adrienne Mesurat (Roman, 2000), Fremdling auf Erden (Erzählungen, 2006), die Erinnerungen an seine Kindheit Erinnerungen an glückliche Tage (2008) und sein letzter Roman Der Unbekannte (2011).
09:47 17.05.2021
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