Kanadischer Anti-Amerikanismus

#Zukunft Innerhalb von drei Tagen waren die etablierten Machtstrukturen abgeräumt und weggefegt.
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„Nicht unter die Völker Germaniens möchte ich die Leute rechnen, die die agri decumates bearbeiten, obwohl sie sich jenseits von Rhein und Donau niedergelassen haben: die abenteuerlustigsten Gallier, die die Not kühn gemacht hat, haben den Boden, dessen Besitz umstritten war ...“ Tacitus

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Die ursprüngliche Kolonie Molotschna wurde 1804 von Mennoniten auf dem Territorium der heutigen Oblast Saporischschja in der Ukraine gegründet und nach dem nächsten Fluss benannt. Annähernd sechzig Dörfer bildeten eine ethnisch-religiöse Außenseitergemeinschaft, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg zerstreute und vermutlich nicht nur in Bolivien ein zweites Molotschna in die Welt setzte.

Da bleibt man unter sich und zelebriert eine evangelische Sonderform der Existenz mit totalitären Zügen. Wesentlich westlicher geht es in Steinbach zu, einer mennonitischen Gründung in der kanadischen Prärieprovinz Manitoba. Sie kennen vermutlich Winnipeg und wissen, wie nah Manitoba und der US-Bundesstaat North Dakota einander sind. Dale Meyer ist einer jener Steinbacher, deren Ahnen aus dem ukrainischen Molotschna migrierten, um den Forderungen der russischen Wehrpflicht zu entgehen.

„Aufgrund ihrer pazifistischen Einstellung waren die Mennoniten in Südrussland (der heutigen Ukraine) durch den russischen Zaren zunehmend unter Druck geraten. Unter anderem verweigerten sie, wie schon zuvor in Preußen, den Kriegsdienst, und bestanden auf einer Erziehung der Kinder in mennonitischen Privatschulen.“ Wikipedia

Dale ignoriert das religiöse Programm seiner Eltern. Er sieht über den ethnischen Tellerrand. Ihnen interessieren die Gründe der kanadischen Souveränität im Verhältnis zur nordamerikanischen Übermacht. Dale findet heraus, dass der kanadische Anti-Amerikanismus einen britischen und einen französischen Ursprung vereint. Nach dem Verlust der nordamerikanischen Kolonien blieben Großbritannien Ontario, Québec, Neu-Schottland, Neu-Brunswick und Neufundland. Soweit: so britisch (eben doch nicht ganz). Die französisch inklinierten Leute von Québec, einer zum Zeitpunkt des amerikanischen Unabhängigkeitskrieges längst britischen Provinz, die bis zum Mississippi reichte, zogen es vor, in einem royalen Regime als stilbildende Kraft präsent zu bleiben; anstatt in der anglo-kontinentalen Union unterzugehen.

Dale gewinnt seinem Mennonitenerbe nichts ab. Er wird Journalist und ist für den Toronto Star (die Zeitung, für die Hemingway* berichtete) …

*„Ernest Hemingway war so arm wie ehrgeizig, als er in den frühen zwanziger Jahren nach Toronto kam. Dort ging er bei der Zeitung Toronto Star in die strenge Lehre, wie er selbst es nannte, des journalistischen Handwerks.“ Aus dem SPIEGEL von 1992

… in Teheran, als Schah Reza Pahlavi vom Pfauenthron stürzt. Den historischen Dreh- und Angelpunkt beschreibt Frank Bösch als weltgeschichtliche Wendemarke – und Initialzündung für das akute Jetzt. Nichts von dem, was im Februar 1979 in Teheran geschah, war vorhergesehen worden. Michel Foucault, der für Corriere della Sera den landesweiten Aufstand beobachtete, schrieb: „Das ist vielleicht die erste große Erhebung gegen die weltumspannenden Systeme.“

Innerhalb von drei Tagen waren die etablierten Machtstrukturen abgeräumt und weggefegt.

Viele werden den Menetekelcharakter von Foucaults Nachrichten aus dem Iran überlesen haben. Plötzlich fluteten verschleierte Frauen das Vorfeld der Reporterarmee und erklärten ihre „Abkehr von der westlichen Moderne“ zum Ausblick auf das politische Design der Zukunft. Die Botschaft verhallte im Nichts der Verständnislosigkeit. Zukunft war nach allgemeinem Verständnis ein westliches Projekt. Wahrgenommen wurde „eine Rückkehr ins Mittelalter“ unter der Ägide des Ajatollah Khomeini.

Am 16. Oktober 1978 wurde der Pole Karol Wojtyla zum Papst (Johannes Paul II.) gewählt. Ein Jahr später löste sein Besuch in der kommunistischen Heimat ein Erdbeben der katholischen Begeisterung aus, in dem viele Brocken der Systemkritik durch die Luft fliegen. Frank Bösch bemerkt: „In diesem Jahr häuften sich globale Ereignisse, die Türen zu unserer Gegenwart aufstießen. In zahlreichen Ländern kam es zu Revolutionen, Umbrüchen und Krisen, die viele Herausforderungen unserer heutigen Welt ankündigten.“

Ein Jahr später sorgte eine Versorgungskrise in Polen für Massenproteste. Werftarbeiter bildeten den Kern einer revolutionären Zelle, deren Metastasen den kommunistischen Ostblock bis zur Selbstaufgabe schwächten.

Während Khomeini in Teheran triumphierte, besuchte zum ersten Mal ein hochrangiges Mitglied der chinesischen KP die Vereinigten Staaten. Deng Xiaoping war für Time der Mann des Jahres 1979. Mit seiner Erscheinung auf dem politischen Parkett verband sich die ökonomische und kulturelle Öffnung Chinas. Noch erkannte kaum einer die globalen Folgen des staatskapitalistischen Coups.

Dale rangiert unter den Hell- und Weitsichtigen. Er begreift, was weltweit vor sich geht.

Dale sieht das neue Zeitalter heraufdämmern. Dem jungen islamischen Gottesstaat verpasst er eine Fußnote, die sich gewaschen hat. Er vergleicht die Fehler des gewaltsam abgelösten westlich orientierten Schah-Systems mit den Chancen eines nach seinen Definitionsbegriffen zwangsläufig restaurativen Scharia-Staates zu einem Zeitpunkt, als noch viele Beobachter*innen mit positiven Erwartungen auf die Entwicklungen reagieren. Dale fragt in seinem epochalen Aufsatz Wie blöd kann man eigentlich sein? eingangs einfach nur: Welche Chancen zur Verbesserung der Verhältnisse hat eine Gesellschaft, die sich dem Westen verweigert? Dale vergleicht jene ukrainische Außenseitergemeinschaft, die in Bolivien ein zweites Molotschna schuf und da den Rigorismus feierte, mit den freundlichen deutsch-ukrainischen Ursteinbacher*innen, die in der kanadischen Prärie das Dicke mit dem Dünnen nahmen und deshalb eine Zukunft hatten, die bis heute anhält. Dale schließt: Man dürfe sich von Extremist*innen nicht in die Zukunftssuppe spucken lassen, egal wie fundamentalistisch-übersteuert sie ihren Quark auf den Meinungsmarkt trügen.

Gleich mehr.

12:19 04.02.2021
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