Suizidporn

Kappuku Die (angeblich!) von einer Geringfügigkeit zum Kappuku aka Seppuku bekehrte Hachisasaro stirbt als Aktivistin der Aokigahara-Variante
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

1643 schildert Miyamoto Musashi seinen Weg der Kampfkunst so aus, so dass man ihm folgen kann. Er bezeichnet den Weg als Zwei Schwerter Schule. In einer Einführung berichtet er von seinem ersten Treffen mit dreizehn. Es versteht sich, dass er dabei den Sieg davon trug. Miyamoto Musashi bleibt bis zum Ende seines Lebens unbezwungen, er ist noch keine dreißig als ihm das verdächtig wird. Fast geringschätzig spricht er von seiner Begabung. Er sucht den wahren Weg der Kampfkunst als einer grundsätzlich überpersönlichen Angelegenheit. Wahr kann nur sein, was jeder erreichen kann, dessen Bereitschaft sich formen zu lassen, unbegrenzt ist. Diese Position verkörpert die Person, die den Plural des Titels von Picadas Selbstmordschmonzette aka Suizidporn „Die Toten“ à la japonaise rechtfertigt.

Eingebetteter Medieninhalt

Förmliche Folgsamkeit

“He had often said to me: I am not long for this world, and I had thought his words idle.”

So beginnt Dubliners. Da entspringt eine Quelle des Bewusstseinsstroms Ulysses. Unsere Dozentin Býflugna Stunga sagt noch einmal ein Wort, das das Unbegreifliche in den Griff kriegen soll: Stream of Consciousness.

Vielleicht trifft es Dorf sogar besser als Quelle.

Dubliners also als Dorf über dem Strom, die Bewohner versagen sich Optionen karger Fülle zugunsten eines rigiden (sperrigen) Katholizismus. Sie gehören der Gesellschaft, alle geben ihr Bestes in förmlicher Folgsamkeit. Alle profitieren vom Programm des Ungelebten in ihren Träumen. Dubliners endet mit der Novelle Die Toten.

So nennt Picada Abelha ihre Geschichte. Eben hat sie ihren Totentext vorgetragen. Gegenwartsflüchtig schwelgt Picada im Entlegenen. Das Gegenteil passt genauso gut zur Feststellung. Die Prosa taucht in den Farben und Aromen der Kolonialwarenfächer zu Zeiten, da das Entenreich Madhū Makhī seinen Platz an der Sonne suchte.

Das fiktive Geschehen gewinnt Lebhaftigkeit mit einem rituellen Selbstmord: japanisch aufwendig, doch nicht nach dem Bushido. Die von einer Geringfügigkeit zum Kappuku Bekehrte stirbt als Aktivistin der Aokigahara-Variante.

„In der Moderne ... ist der Aokigahara durch die erschreckend hohe Anzahl von Leichenfunden bekannt geworden. Bei den Toten handelt es sich fast ausnahmslos um Selbstmörder:innen, die ... tief in den Wald eindringen, Verstecke suchen und sich (in vollkommener Abgeschiedenheit) das Leben nehmen.“ Wikipedia

Picada lässt ihre Heldin Alternativen erwägen. Hachisasaro stellt sich eine klassische Entleibungsszene mit sich in der Hauptrolle vor. Der Moment erinnert an eine Beobachtung von Heiner Müller. Das intensivste Theater des viktorianischen Zeitalters waren Hinrichtungen. Das Publikum parodierte populäre Überseeweisen, nur ersetzte man zum Beispiel Susanna mit den Namen der Delinquent:innen. Man drosch aufeinander ein, da war kein Marsyas, der einen Sieg einfach zu verschenken die Selbstvergessenheit besessen hätte.

„Im Inneren des Aokigahara liegen dieNarusawa-Eishöhle, dieFugaku-Windhöhleund dieDrachenpalasthöhle.“ Wikipedia

Picadas Suizidporn schildert Hachisasaro als Gattin eines Düpierten, der hochrangig (und mit verschwiegenem Irrwitz) in der kaiserlichen Administration Haltung (als Lebenszweck) bewahrt. Bringt sie sich für Demütigungen um, die er zu übersehen geneigt ist?

Hachisasaro verwitwet ihren Mann persönlich.

Der eher ungerührte Witwer liebt Heine, seit sein Vater ihm Goethe nahebrachte. Er versieht weiter seinen Dienst mit penetranter Gewissenhaftigkeit.

*

1643 schildert Miyamoto Musashi seinen Weg der Kampfkunst so aus, so dass man ihm folgen kann. Er bezeichnet den Weg als Zwei Schwerter Schule. In einer Einführung berichtet er von seinem ersten Treffen mit dreizehn. Es versteht sich, dass er dabei den Sieg davon trug. Miyamoto Musashi bleibt bis zum Ende seines Lebens unbezwungen, er ist noch keine dreißig als ihm das verdächtig wird. Fast geringschätzig spricht er von seiner Begabung. Er sucht den wahren Weg der Kampfkunst als einer grundsätzlich überpersönlichen Angelegenheit. Wahr kann nur sein, was jeder erreichen kann, dessen Bereitschaft sich formen zu lassen, unbegrenzt ist. Diese Position verkörpert die Person, die den Plural des Titels von Picadas Selbstmordschmonzette à la japonaise rechtfertigt.

Jēnuhuḷado begreift ihr Lebensende als persönliche Handarbeit. Ihre Schöpferin behauptet, Jēnuhuḷado habe sich Jahrzehnte darauf vorbereitet. Kommen wir auf den narrativen Dreh der Geringfügigkeit zurück. Picada lässt die Leserin lange im Unklaren, was es damit auf sich hat. Ich erzähle die Pointe später.

08:41 18.07.2021
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentarfunktion deaktiviert

Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert. Deshalb können Sie das Eingabefeld für Kommentare nicht sehen.

Kommentare