Kartons voller Kokain

Die Ära Achtundsechzig Dennis (Hopper) führt uns in die Küche. Plötzlich steht Bob (Dylan) vor uns.
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Wir erreichen das Haus von Roger McGuinn. Die Party ist in vollem Gang. Die Augen gewöhnen sich an Kerzenlicht. Die Leute lagern auf Teppichen. Es herrscht pharaonischer Überfluss. Kartons voller Kokain werden herumgereicht, überall wartet das Gras in Schalen. Dazu psychedelischer Rock. Wir wähnen uns in einem Refugium für freie Geister und freie Liebende. – An einem mythischen Ort auf der Spitze der Welt. – Bei einer Versammlung der Auserwählten, im Auge des Hurrikans. Hier atmet das große Karma: For ever young, for ever here.

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Aus dem Briefwechsel mit den Zwillingen Gisela Getty und Jutta Winkelmann im Zuge der gemeinsamen Niederschrift von „Die Zwillinge oder Vom Versuch Geist und Geld zu küssen“.

Jutta schreibt:

Datum: Fri, 7 Dec 2007 18:54:59 +0100

Lieber Jamal,

die Begegnung mit Dylan sprengte meine Kategorien. Sie offenbarte mir eine neue Dimension des Seins. Es war 1974, ich kam direkt aus der politischen Arbeit, Antifaschismus, Rote Armee Fration, das lief in Deutschland gerade auf Hochtouren. Wir hatten uns mit den Eltern überworfen, die Janusköpfigkeit ihrer Vergangenheit quälte uns. Wie konnten wir sie lieben? (Und doch liebten wir sie.) Unsere Eltern - die Eltern unserer Generation - hatten eine mörderische Übermenschenraserei hinter sich, in dem ein ganzes Volk als minderwertig, als Pest, Verhängnis und Übel der Menschheit dargestellt wurde. Die Erde sollte davon gereinigt werden. Es sollte ein Gottesstaat errichtet werden. Ich komme, das merke ich beim Schreiben, immer noch nicht zurecht damit. Wir kann man das auch? Dieser Hintergrund war damals noch verdammt nah an einem dran und wenn (via LSD) die Kontrolle ganz wegflog, dann tauchten die eingeätzten Bilder auf und gewannen ein schreckliches Leben. In Amerika wurden und werden wir bis heute noch von jüdischen Freunden (meist sehr schnell) darauf angesprochen und direkter, als man es sich in Deutschland traut.


Entwurf von Jutta - Die Nacht mit Dylan.

„Er sei mein Freund, mein Engel, mein Gott.“ Die Räuber, Friedrich Schiller

Wir erreichen das Haus von Roger McGuinn. Die Party ist in vollem Gang. Die Augen gewöhnen sich an schwaches Kerzenlicht. Die Leute lagern auf Teppichen. Es herrscht pharaonischer Überfluss. Kartons voller Kokain werden herumgereicht, überall wartet das Gras in Schalen. Dazu psychedelischer Rock. Wir wähnen uns in einem Refugium für freie Geister und freie Liebende. – An einem mythischen Ort auf der Spitze der Welt. – Bei einer Versammlung der Auserwählten, im Auge des Hurrikans. Hier atmet das große Karma: For ever young, for ever here.

Dennis (Hopper) ist stolz auf uns. Wir stehen im Mittelpunkt. Jeder will wissen, wer wir sind. Dennis führt uns in die Küche. Plötzlich steht Bob (Dylan) vor uns. Dennis nimmt ein Feuerzeug, er hält die Flamme hoch, um Bobs Gesicht zu beleuchten. Bob grinst schief und boxt den Kumpel in die Seite. Mir erscheint nun alles in einem sehr hellen Licht. Bobs Interesse an mir ist so unmittelbar wie mein Interesse an ihm. Wir versenken uns ineinander – und ich habe plötzlich die erregende Empfindung, Jakobs Leiter hinaufzusteigen, Sprosse für Sprosse immer weiter und höher, bis ich das Leben ungeteilt sehen kann … ein Leben mit ihm, Gisela, Dennis und Paul (Getty).
Wir schauen uns an, sonst geschieht nichts – und doch ist das schon eine Verschmelzung. Heilig erscheint mir die Stille in der Küche.

Bob sagt etwas über Hitler. Er meint, was im Dritten Reich passiert sei, würde allgemein noch nicht verstanden.
Bob will wissen, ob unsere Vater auch Nazi war und was wir zum Thema Übermenschen zu sagen haben. Er fragt, wie man mit solch einem Erbe lebt und wie in Deutschland darüber gedacht und geredet wird. Dennis, Gisela, Bob und ich sind jetzt in der Küche eine verschworene Gemeinschaft auf der Suche nach Antworten auf letzte Fragen der Menschheit. Die Partypeople fangen an zu tuscheln.

Ich bin dann mal kurz weg und entdecke bei meiner Rückkehr in die Küche Gisela und Bob im intensiven Austausch. Meine Eifersucht macht das ganz große Fass auf. Ich falle von der Himmelsleiter und nenne meine Schwester in Gedanken ein verdammtes Biest. Bob, das ist doch meiner.

Auf dem Gipfel der Welt weht ein Santa-Ana-Wind aus der Sierra Nevada

Der Geist von Achtundsechzig – Bei ihren Bemühungen, Geist und Geld zu küssen, gingen die Zwillinge arbeitsteilig vor.

Papst Alexander VI. aka Rodrigo Borgia teilte 1494 im Vertrag von Tordesillas die Welt von Pol zu Pol. Die eine Hälfte befahl der spanische Papst in die Obhut seines Mutterlandes, die andere schob er Portugal zu. Borgia gab seiner Epoche das Gesicht, er war der Renaissancefürst schlechthin. Auch Bob Dylan verkörperte eine Ära. Seine Erscheinung hypostasierte den gesellschaftlichen Aufbruch. Er war der Geist von Achtundsechzig.

Das große Geld verbindet sich mit den Gettys. Die Zwillinge wollen beides – den Geist und das Geld. Gisela hat Paul Getty, den Enkel des reichsten Mannes auf Erden, bekommen, im Gegenzug verlangt Jutta Bob Dylan.

Die Schwestern sehen sich in der Pflicht, Reichtum, Schönheit, Kunst und Spiritualität in ihrer Einheit zu verschmelzen. Sie glauben, dass man der Welt geistig Herr werden kann. Nach einem kurzen Gefecht auf dem Klo einigen sie sich; Gisela verspricht, vertragstreu zu bleiben, das heißt, die Finger von Bob zu lassen. Kaum sind die Zwillinge wieder im Clinch mit dem Superstar, startet Gisela eine Charmeoffensive, die ihrem Mann nicht entgeht. Paul drängt seine Frau, mit ihm nach Hause zu fahren. Gisela kämpft um jede Minute des Bleibens.

Lieber Jamal,

ich verstehe völlig, dass Du keine Lust mehr hast. Ich habe mich auch mit der Peitsche zwingen müssen - aber der Dylan muss noch rein. Hab das Gespräch im Garten weitergeführt, Gisela und ich hatten uns kurz davor einen Trip geteilt ... Gisela findet das Kapitel gut und ist froh, dass da noch was von mir gekommen ist.

Weiter in Juttas Text.

Die Schlacht um Bob verletzt Paul (Getty) am meisten. Ich sehe, wie gekränkt und verzweifelt er ist. Neben dem Genie und seinen Buddies wirkt er wie ein Kind. Ihm fehlen die Muskeln der Willenskraft und die Anziehungskraft einer großen Begabung. Daran gewöhnt, ohne Anstrengung zu kriegen, was er will, erscheint er unter den weltberühmten Künstlern unfertig. Sein Kredit von Opas Gnaden interessiert hier keinen. In einem Augenblick scheint Paul der einsamste Mensch auf Erden zu sein. Er fliegt an mir vorbei wie ein Satellit auf Schrottkurs.

Ich schlage ihn mir aus dem Kopf. Um Paul geht es nicht. Ein titanisch breiter Kris Kristofferson läuft auf. Er hat mehr als eine Flasche Whiskey und wenigstens ein Pfund Koks intus. Gleich fällt er tot um. Dennis‘ Augen brennen Löcher in meine Haut.

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Ich suche Stille an einem Rand des Anwesens. Der Garten endet auf Klippen über dem Pazifik. Die Sterne spiegeln sich im Ozean. Ich wage mich vor bis zu einem Felsvorsprung; von der Vorsehung darüber in Kenntnis gesetzt, dass mich Bob so entdecken möchte. Ich genieße einen warmen Wind der Santa-Ana-Klasse. Man nennt diese Winde auch Teufelswinde. Sie entstehen zwischen den Rocky Mountains und der Sierra Nevada. Mein Wind trägt mir Granatapfelblütenduft zu. Ich fühle mich geschmeichelt, bis ich die Stimme vernehme: „Ich möchte dich gern zeichnen. Ich möchte euch beide zeichnen. Bist du einverstanden?“
„Ja“, entgegne ich schlicht. Ist es nicht das Natürlichste überhaupt, das Bob uns zeichnen möchte?
Bob nimmt meine Hand. Es ist eine schüchterne, zugleich selbstverständliche Geste. Unversehens dreht sich alles, ich gehe glücklich zu Boden.

...

Erst einmal sehe ich nur Himmel, dann, wenn es nicht so furchtbar kitschig klingen würde, würde ich gern sagen ... ich sage es, Augen so strahlend wie Sterne. Sie gucken neugierig und belustigt und, beim Teufel, mit fällt sofort Bobs „Lay Lady lay“ ein.

Lay lady lay
Lay across my big brass bed
Lay lady lay
Lay across my big brass bed

Whatever colors you have in your mind
I show them to you and you see them shine ...

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06:12 29.05.2018
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