Kasseler Volksmund

Die Ära Achtundsechzig Jutta Winkelmann: Ich will mich nicht schonen und dauernd Angst davor haben, dass man mir auf die Schliche kommt.
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Weiter aus der Entstehungsgeschichte der Biografie von Gisela Getty und Jutta Winkelmann - Die Zwillinge oder Vom Versuch Geist und Geld zu küssen. Heute ist es wichtig zu wissen, dass die beiden aus Kassel kommen - so wie ich.

Probe unserer Mundart

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Datum: Sat, 20 Oct 2007 03:19:07 +0200

Lieber Jamal,
sicher gehst Du sehr ungern noch einmal in unsere Kindheit zu Pappi-sagt und Mutti-sagt. Aber es ist nötig. Die Kindheit ist ein Grab, in dem Jutta und ich getrennt liegen. Es gab noch Unterschiede, die Individualität erlaubten auf dem Plafond identischer Prägungen und Vorgaben. Vielleicht differierten wir nur im kreuz & quer der Ambivalenzen und Vorlieben. Erdbeer- versus Himbeermarmelade. Ich kämpfe mit meinen Einschätzungen in einem Spektrum von Missbrauch über Unfall und Unerhörtem bis Dorthinaus. Ich weiß, dass das eine Krux postumer Bewertungen ist. Man sucht die Bedeutung und sei es eine negative, spekulative, spektakuläre. Beim Schreiben fühle ich plötzlich eine so starke Liebe zu Clemens, dass ich weinen muss. War er mein Prinz und spätere Lieben boten keinen Ersatz? Womöglich habe ich nur gerade eben solche Gedanken und Gefühle . . . ich fürchte, es kommt schon wieder das Falsche in deinem Rechner an. Ich finde einmal wieder mein Schreiben grottenschlecht und kann dir gar nicht sagen, wie froh ich bin, dass du da bist - auch wenn du wahrscheinlich keinem Wort von uns mehr traust.

Anmerkung des Autors. Im Kasseler Volksmund gibt es nur zwei grammatische Geschlechter: männlich und sächlich. Das habe ich mir nicht ausgedacht. So spricht der Nordhesse.

Liebe Gisela,
meine Schwester heißt Jutta. Wenn ich „das Juttelchen“ schreibe, ist das süß gemeint. So haben meine Eltern und so habe ich meine Schwester aus Liebe genannt. Das gibt mir eine Gelegenheit, euch nah zu sein. Mein Juttelchen, also meine Schwester, hat inzwischen ein Mädchen und einen Jungen. Manchmal schiebe ich die kleinen Wesen bis zur Goetheanlage durch die Gegend. Ich bin viel bodenständiger als du. Das Juttelchen ist für mich absolut keine Herabsetzung, sondern reinstes Kasselänerisch. Das setze ich einer Abtrünnigen auseinander, aber was solls. Du wirst mein Heimatherz eh nie begreifen, Jamal

P.S.

Ich glaube im Ernst nicht, dass ihr wisst, was Mitgefühl ist. Ihr seid die größten Egoshooter, die mir begegnet sind.

Jutta interveniert:

Gis,

recht ist es mir nicht, dass Du mit dem Juttelchen, wieder bei Jamal für mich einspringst. Wenn es liebevoll ist, der Ironisierung dient oder zum Text passt oder mein eigenes Verjuttelchen auf den Arm nimmt oder aufzeigt, ist das auch mir sehr angenehm. Ich verstehe nicht ganz, warum Du da so ein Ding in den Ballon setzt. Ich hatte manchmal das Gefühl, dass Du die Verniedlichung abwehrend einsetzt. Ich will mich nicht schonen und dauernd Angst davor haben, dass man mir auf die Schliche kommt. Mein Leben wird auch nicht von dir vergiftet, ich fände, falls du ausfallen solltest, sofort ein anderes Gift. Streit hat (leider) auch positive Intensitäten und zieht Ungewusstes hoch. Aber so gerne schlage ich mich nicht (mehr).

Meine eigene Gewalt schmerzt mich genauso wie die Gewalt einer anderen.

Ich war so von der Rolle und stand absolut neben mir. Gewiss wollte ich etwas von Dir ungesehen zur Seite schaffen. Hat noch nie geklappt. Wird nie klappen. ... Mit mir geht die Eifersucht andauernd durch und dann habe ich die irrsten Verdächtigungen und Gedanken. Das könnte auch ein Buch werden, der Dreieckswahn. Vielleicht schaffe ich es dann und wann auch einmal mit Humor. Aber es geht ganz schön an die Substanz. J

P.S.

Oh je, Gis, ich wollte nicht, dass Du für mich in eine angebliche Presche springst! Ich weiß aber auch, Du meintest es gut. In bestimmten Kontexten liebe ich das Juttelchen auch, auch bei Dir.

Morgen mehr.

16:31 03.06.2018
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Ausgabe 25/2018

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