Katholische Abstinenz

#Leben „Der Mensch hat keinen anderen Wert als seine Wirkungen.“ Graça Entrudo zitiert Schiller, obwohl ihr Baudelaire näher steht ...
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Sehen Sie ferner https://www.textland-online.de/index.php?article_id=3317

*

„It is funny how the majority of whites do not want to face the truth of the real history of America. Your wealth was not given by hard work and justice. It was given by evil and robbing other cultures“. Eine Stimme aus dem Off der Kommentarspalten

*

Der Mensch hat keinen anderen Wert als seine Wirkungen.

Graça Entrudo zitiert Schiller, obwohl ihr Baudelaire gerade näher steht: In Dumpfheit, Irrtum, Sünde immer tiefer/ Versinken wir mit Seele und mit Leib,/ Und Reue, diesen lieben Zeitvertreib,/ Ernähren wir wie Bettler ihr Geziefer.

Wie aus den Dielenritzen gekratzt, erscheint das Panoptikum, dem sich Graça als interessanter Fall anbietet. Hohn und Häme ergießen sich kaskadisch über der neusten Eroberung des Karnevalkönigs Cidade Caldeira Caetano. Graça weiß, dass sich Karneval von Carne Vale ableitet. Für alle anderem im Raum ist die katholische Abstinenz, die am Aschermittwoch beginnt und zu Ostern endet, nur ein lieblos gebrochenes Fastenversprechen. Die Religion dieser Leute pappt an ihnen wie ein Namensschild. Den Namen hat man sich nicht ausgesucht. Zu anspruchslos für jede Unbequemlichkeit, weigert man sich, vom Schlendrian abzusehen.

Maputo heißt noch Lourenço Marques. In der nach einem „Entdecker“ benannten Metropole gilt Cidade als gute Partie. In Portugal wäre er ein verschwindend kleines Licht. In Mosambik erscheint er als Herr. Ein halbes Jahrtausend entsprach die Metamorphose vom Schweinehirten zum Granden einer ständigen Praxis. Graça glaubt, dass das koloniale Abenteuer die wichtigste Sozialisationsfolie neuzeitlich-europäischer Gesellschaften bildet. Alles drehte sich um diese Aufsteiger:innenfigur, über die sich genau bis eben neue Vermögen generieren ließen.

Cidade versichert sich seiner aktuellen Geliebten mit gebieterischen Gesten, die allein dem Publikum glaubhaft erscheinen sollen. Graça kennt ihn schon zu gut, wie Cidade weiß. Seine Zeit läuft ab.

*

Es gab diesen Augenblick, in dem wir alle Portugies:innen waren, und die weltweit schönsten Bilder aus Lissabon kamen. Man sah von Nelken geschmückte Soldaten, alle ein bisschen che’esk. Sie fraternisierten mit außerparlamentarischen Oppositionellen, die sich kaum von denen unterschieden, die in Berlin demonstrierten. Nun hatten auch die Portugies:innen ihren Willy Brandt und ich begriff, dass wir Sozialdemokrat:innen in einer Internationalen vereint waren.

Für Cidade endet der Kolonialtraum im Nelkenmeer. Bald wird er sich ein Ticket kaufen und ins „Mutterland“ zurückkehren. Wie in allen Umbruchphasen dominiert das Paradoxe. Die Sieger:innen wissen noch nicht so recht. Nur die Verlierer:innen wissen Bescheid. Sie müssen schneller begreifen als ihre Feind:innen, die eben noch den Wert menschlicher Putzlumpen hatten.

Gleich mehr.

12:32 07.05.2021
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentarfunktion deaktiviert

Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert. Deshalb können Sie das Eingabefeld für Kommentare nicht sehen.

Kommentare