Katholische Killer

Nachts in Saint-Malo Es war die Glanzzeit der katholischen Killer im französischen Exil. Auf der Flucht vor der Polizei und anderen Behörden kamen sie aus Irland in die Bretagne und ...
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Die Gorch Fock im Hafen von Saint-Malo

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Jeder Herr wurde vom Concierge (Concierge bezeichnet ursprünglich den Torwächter einer Burg) des kostspieligen Vergnügens gegrüßt. Die weibliche Begleitung des zahlenden Gastes unterlag dem prüfenden Blick; einer stillschweigenden Bewertung. Der Komment stammte aus Übereinkünften einer Subkultur. Die einladende Verbalgeste des Subalternen blieb dem Mann vorbehalten. Einer Frau gegenüber wäre sie in diesem Rahmen anmaßend gewesen.

Von Salamander war keine Anmaßung zu erwarten. Auf den ersten Blick hielt man ihn für einen Mann ohne Begabung und Bedürfnis. Er hatte die Ausstrahlung einer folgsamen Bulldogge, die auf ein Zeichen ihres Herrn zum Fleischwolf wird.

Der Elsässer erschien so aus dem Boden gezogen wie eine Kartoffel. Seine Leute hatten einen großen Besitz verloren und sich darüber vergrämt. Nicht, dass Salamander darüber je ein Wort verloren hätte.

Salamander regte meine Phantasie an. Manchmal ließ mich sein Anblick an einen mächtigen Wallach denken. Ob Hund oder Pferd, etwa Unausgeführtes verband sich in seinem Wesen mit Kraft. Ich sah den Grüßaugust fast jeden Abend in oder vor seiner Schaltstelle, einem Kabuff aus Mahagoni. Er befahl so wie er gehorchte. Ihm unterstand ein Zug absurder Existenzen vom Klomann, einem Ex-Champion, bis zum vierzigjährigen Zigarettenmädchen, das einmal gut verheiratet gewesen war. Die Menagerie hielt sich mein Freund Vial. Der Korse war in seiner Jugend über Leichen gegangen. Nun musste er an sich halten, um nicht wegen jeder Kleinigkeit vor Rührung zu vergehen. In seinem Büro hing eine Voliere, die Kanarienvögel gefangen hielt. Mit Rücksicht auf die Vögel rauchte er am offenen Fenster.

Ich machte mit und für Vial Geschäfte. Jede Nacht rechneten wir ab, und jede Nacht sah ich Salamander in dem von Vial verordneten Feldgrau … in einer trostlosen Phantasieuniform. Man hätte dem Trottel auch noch einen Fes mit eingestochener Straußenfeder aufsetzen können.

Oh, manchmal juckte es mich in den Fingern. Vials Ensemble schrie nach einem perversen Regisseur. Auch der Ex-Champion hatte es in sich. Einmal wollten zwei Schnösel zur Abwechslung in seine Schuhe pissen. Man trug sie zerschlagen und doch geheilt die Treppe hinauf und zur Tür hinaus. Ich fragte mich, warum jemand mit so viel Verve sich auf Kotschlieren kaprizierte. Warum er nicht Selbständigkeit anstrengte.

Ich machte jede Nacht fünftausend nach allen Abzügen, ohne mich zu verrenken. Der Klomann verdiente so viel in sechs Monaten. Er hauste in einer Ruine und hielt einen Hamster, um ein lebendes Wesen in häuslicher Umgebung ansprechen zu können.

Das Zigarettenmädchen war aus der Mittelschicht abgestiegen. Es hatte zehn Jahre an der Überwindung seines Stolzes gearbeitet und war noch nicht lange reif für Vials Rahmenprogramm.

Über dem Nachtclub wohnte eine halbtaube Alte, die Tänzerin im Moulin Rouge gewesen war. Sie hatte jede Menge Fotos von sich an den Wänden. Ich benutzte die Wohnung als Safe Place. Einmal schoss ich aus ihrem Küchenfenster auf eine Möwe. Meine Gastgeberin bekam davon nichts mit.

Es war die Glanzzeit der katholischen Killer im französischen Exil. Auf der Flucht vor der Polizei und anderen Behörden kamen sie aus Irland in die Bretagne und suchten Aufgaben als Sniper, Spüler und Chauffeure. Jim diente Vial als Bote und Gassenhauer. Er erinnerte sich gern an seine Arbeit in Belfast. Wenn jemand umgelegt werden sollte, kundschafteten Frauen und Mädchen die Umgebung aus. Gesucht wurde ein Punkt, der sich mit einem Schuss aus einem Fenster treffen ließ. War eine junge Frau in der günstig gelegenen Wohnung, hatte der Schütze Aussicht auf eine Affäre, sogar dann, wenn die Frau verheiratet oder verlobt war.

10:49 30.06.2019
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