Keep the fire burning

Michel Houellebecq „Der Umstand, nicht wirklich zu existieren, ist in vielen meiner Bücher präsent, aber Unterwerfung ist das einzige, in dem ich (den) Übergang in die Nichtexistenz ...“
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Spirituelle Anarchie

„Die Schilderung, die Sie mir von Frankreich geben, ist mit sehr schönen Farben gemalt. Aber Sie können mir sagen, was Sie wollen, ein Heer, das drei Jahre nacheinander überall geschlagen wird, wo es sich zeigt, ist sicherlich keine Schar von Cäsaren und Alexandern.“ Friedrich an Voltaire 1743

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„Der außergewöhnliche Aspekt der Kampfkunst liegt in der Einfachheit. Der einfache Weg ist der richtige Weg. Je näher Sie dem Wahren kommen, desto weniger Verschwendung von Ausdruck erleben Sie.“ Bruce Lee

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Kollaps von Strukturen im Rahmen der sozialen Evolution

„Wie der Tod die Voraussetzung für die biologische Evolution ist, so ist stetes Verschwinden von Produkten und Strukturen die Voraussetzung für Fortschritt.“ Hans Widmer in der NZZ

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„Im Allgemeinen sind es eher Religionen, die sich gegen andere Religionen durchsetzen.“ In der Gleichzeitigkeit meiner Wahrnehmung ertrinkt Houellebecq in einer Sehnsuchtspfütze. Er träumt von einem effektiven Katholizismus, frei von „spiritueller Anarchie“. Er wirft den Katholiken ihre ökumenische Umtriebigkeit vor. Der Wunsch nach Verständigung rühre ursprünglich aus der Zeit, als die kulturelle Hegemonie über Europa ihre Signatur im Vatikan erhielt. Zutiefst sei die Idee von einer „Wiedervereinigung der abrahamitischen Religionen“ imperialistisch. Houellebecq lobt die Orthodoxie, die er „nach Art von Auguste Comte als Charaktereigenschaft“ anspricht. Die orthodoxe Kirche habe jedes Schisma zu vermeiden gewusst.

„Wie ist ihr das gelungen?“ fragt Houellebecq.

„Mir scheint, einfach dadurch, dass sie orthodox war … Die orthodoxe Kirche hat sich im Laufe der Jahrhunderte damit begnügt, Liturgie und Doktrin unverändert beizubehalten.“

Michel Houellebecq, „Ein Bisschen Schlechter. Neue Interventionen“, auf Deutsch von Stephan Kleiner, Dumont, 23,-

Sich begnügen und der großen Worte abhold bleiben. So kalenderweise erscheint der Augur mitunter.

“I fear those big words that make us so unhappy.” James Joyce, Ulysses

Dann trumpft Houellebecq wieder auf und präsentiert sich als ein von Gott Abgewiesener.

„Gott will mich nicht … Er hat mich zurückgewiesen.“

Immerhin genießt Houellebecq irdischen Personenschutz. Jemand ordnet die Bewachung dem Luxus zu. Der Gefährdete bemerkt, zu spät in seinem Leben mit Luxus in Berührung gekommen zu sein, um luxusfähig zu sein. Er bleibt zuhause, nur um „die Elitepolizisten“ nicht zu „behelligen“.

Gleich mehr.

Houellebecq verliert den Faden in einer eher zurückhaltenden Amerikabetrachtung, die an einer Stelle aus dem Rahmen fällt. Er behauptet, man habe die Amerikaner zum Sieg über den Faschismus im II. Weltkrieg nicht gebraucht, wohl aber um Stalin aufzuhalten.

„Am wahrscheinlichsten ist, dass Stalins Truppen (ohne das amerikanische Gegengewicht) Cherbourg erreicht hätten.“

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Houellebecq über Trump

„Präsident Trump erscheint mir als einer der besten Präsidenten, die Amerika je hatte.“

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Verstreutes und Vermischtes versammelt Michel Houellebecqs jüngste Publikation „Ein Bisschen Schlechter. Neue Interventionen“, die heute auf Deutsch bei Dumont erscheint.

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Keine Wirkung auf die Welt haben, fasst es gut zusammen. Die Welt kann nichts für dich tun, und du kannst nichts für sie tun.“

Ich komme noch einmal auf ein Zentralgestirn in Houellebecqs fatalistischem Kosmos zurück.

„Wenn man jemandem alles nimmt, existiert er dann noch? Descartes mit seinem bizarren Optimismus würde das ohne Zögern bejahen. Ich bin nicht ganz dieser Ansicht: Sein heißt in Relation sein. Ich glaube nicht an das freie, alleinstehende Individuum. Ich reduziere meinen Protagonisten also, ich lösche ihn aus. Warum sollte er daher über Denkfreiheit verfügen? Warum sollte er nicht einfach dem zustimmen, was man ihm unterbreitet?“

Der Autor exemplifiziert den Vernichtungsvorgang in diversen Suchbewegungen. Vor allem transportiert er die tödliche Fracht im sozialen Leib von François, jenem alkoholkranken Literaturwissenschaftler, der in „Unterwerfung“ stellvertretend für ein seelisch ausgehöhltes Europa eingeknickt, um seinem Ende so blind wie ein Maulwurf entgegen zu robben.

Wenn die Antwort intelligenter ist als die Frage ...

Judith Butler beschreibt in ihrem jüngsten, auf Deutsch erschienenen Buch „Die Macht der Gewaltlosigkeit - Über das Ethische im Politischen“ einen infantilen Charakter, der François eine Variante böte, die Houellebecq übersieht. Butler skizziert ein Selbstgenügsamkeitsphantasma, dessen Protagonist (von sich selbst affiziert) in den großen Spiegeln der Gesellschaft ein Wunder namens Ich sieht. Butler bemerkt, dass irgendwer die Spiegel halten, das heißt, für die Kosten der Regression aufkommen muss. Das ist auf keinen Fall der Infantile. Vielmehr avanciert der Entzückte zum Infanten im Machtphantasma des oder der Spiegelhalter*innen.

Kurz gesagt, Houellebecqs Pessimismus übersteigt (vielleicht mutwillig, aber eher doch paranoid) die Palisaden der Realität, um an der aufgerauten Verteidigerseite abzuschrammen. Da nichts ohne sein Gegenteil wahr wird, lobt der Kritiker im nächsten Augenblick Donald Trump.

„Donald Trump ist ein guter Präsident“

Der Titel überschreibt einen Aufsatz von Houellebecq aus dem Jahr 2019. Trumps Würdigung hält H. nicht davon ab, die „Scham“ zu sehen, mit der viele Amerikaner (so H.) darauf reagierten, „von einem so haarsträubenden Clown regiert zu werden“.

Houellebecq verliert den Faden in einer eher zurückhaltenden Amerikabetrachtung, die an einer Stelle aus dem Rahmen fällt. Houellebecq behauptet, man habe die Amerikaner zum Sieg über den Faschismus im II. Weltkrieg nicht gebraucht, wohl aber um Stalin aufzuhalten.

„Am wahrscheinlichsten ist, dass Stalins Truppen (ohne das amerikanische Gegengewicht) Cherbourg erreicht hätten.“

Gleich mehr.

Autorenallmacht

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Der Soziologe Rachid Amirou berichtet, dass in der französischen Hinterwelt einer ruralen Pittoreske Rentner dafür bezahlt werden, als Akteure des Typischen aufzutreten. Zu den Stoßzeiten des täglichen Touristenaufkommens erscheinen sie als unverwüstliche Vertreter des ländlichen Frankreichs. Sie spielen Boule und trinken Pastis. Vor allem jedoch lassen sie sich ohne Zeichen der Gereiztheit fotografieren. In den Rollen von Fotosafariprotagonisten schröpfen sie das Ursprüngliche & Eigentliche.

Geben sich die alten weißen Männer für ein Täuschungsmanöver her? Stecken sie in einem Angriffsgewitter auf ihre Würde? Ist das Kolonialismus in einem Mutterland?

Solche Fragen streift Michel Houellebecq in Prominentengesprächen und für den Tag geschriebenen Aufsätzen. 2015 gibt er der Zeitschrift „Revue des Deux Mondes“ ein Interview. Darin erklärt Houellebecq, wie er in seiner Autorenallmacht François, dem kläglichen Helden in „Unterwerfung“, die Butter vom Brot streicht. Er schildert Prozesse der Demontage, die einen wahrscheinlichen Verlauf in der nicht-narrativen Realität je nach Betrachtungsweise vor- oder nachzeichnen.

„Der Umstand, nicht wirklich zu existieren, ist in vielen meiner Bücher präsent, aber Unterwerfung ist das einzige, in dem ich diesen allmählichen Übergang in die Nichtexistenz beschreibe.“

Ist man da erst einmal angekommen ...

François ist zersetzt. Er setzt sein Dasein mit Gebärden des Leibes gleich: Migräne, Zahnschmerzen, Hämorrhoiden. Er macht eine unappetitliche Rechnung auf. Hauptsache, der Schmerzpegel schlägt nicht ungebührlich aus. Er schillert in den Nuancen der Farblosigkeit, während der Westen in Agonie fällt.

François erkennt einen Zusammenhang zwischen Monotheismus und gesellschaftlicher Stabilität.

Er ist entkernt. Houellebecqs Ansage liegt auf der Hand: Das ist der durchschnittliche Europäer. Ihm gegenüber stehen die anderen, vom Mangel geformt, von keinem Verzicht überrascht, angekommen und aufgenommen in der Überpersönlichkeit einer Idee, die ihre Zukunftsfähigkeit aus ihrer Beständigkeit zieht. Der Islam wurde vom Kapitalismus beschleunigt, jetzt wirkt er selbst als Turbo.

„Wenn man jemandem alles nimmt, existiert er dann noch? Descartes mit seinem bizarren Optimismus würde das ohne Zögern bejahen. Ich bin nicht ganz dieser Ansicht: Sein heißt in Relation sein. Ich glaube nicht an das freie, alleinstehende Individuum. Ich reduziere meinen Protagonisten also, ich lösche ihn aus. Warum sollte er daher über Denkfreiheit verfügen? Warum sollte er nicht einfach dem zustimmen, was man ihm unterbreitet?“

Schreibtischtage

Michel Houellebecq siedelt göttliche Gnade in der Nähe des Stumpfsinns an. Eine groteske Ähnlichkeit mit Paul Léautaud steigert sich zu einer dämonischen Unerbittlichkeit, sobald Houellebecq sein Gebiss irgendwo liegen lässt, und dann „die gesamten Filmfestspiele in Berlin ohne Zähne“ absolviert – und zwar ungerührt und völlig indifferent gegenüber seiner Wirkung.

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Robert Musil lebte nach eigener Angabe, um zu rauchen. Auch Michel Houellebecq raucht um sein Leben. Ein Gastgeber unterstellt ihm, Houellebecq sei nur deshalb sein Hausgast, weil in Restaurants nicht mehr geraucht werden darf.

Vier Schachteln verbraucht der Schriftsteller an einem Schreibtischtag. Eine groteske Ähnlichkeit mit Paul Léautaud steigert sich zu einer dämonischen Unerbittlichkeit, sobald Houellebecq sein Gebiss irgendwo liegen lässt, und dann „die gesamten Filmfestspiele in Berlin ohne Zähne“ absolviert – und zwar ungerührt und völlig indifferent gegenüber seiner Wirkung.

Houellebecq bemüht sich nicht. Dafür rollt man ihm den roten Teppich nur dann nicht aus, wenn man als Taxifahrer fürchtet, ein offensichtlich Betrunkener besudele womöglich die Sitze.

Die Kunst der Kollision

„Ich glaube an den Konflikt, sonst glaube ich an gar nichts.“ Heiner Müller

Der Held beherrscht „die Kunst der Kollision“. Von der Zuschreibung geadelt, triumphiert Houellebecq, indem er die Kunst der Kollision so erklärt: „Etwas Religiöses schreiben und dabei die Existenz von Tiefgaragen einbeziehen.“

08:31 03.12.2020
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