Kein Typ für eine Nebenrolle

Texas Ranger Vermutlich gibt es mehr Möglichkeiten über der Notdurftmarke zu scheitern als darunter.
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Crobbet Joe Leland machte Schießbilder. Er imitierte Niki de Saint Phalle. Weil er riesig war, einen verschlingenden Blick hatte und die karierten Hemden von Chief Bromden trug, sah bei ihm alles nach ausgeflipptem Holzfäller und nichts nach Kunst aus.

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Buckminster McInrie hatte in China den Bogen von der Kampf- zur Heilkunst geschlagen. Buck war ziemlich komplett und wie die meisten Halberleuchteten so klug wie schrullig. Er liebte Geschichten über das Sonderbare im Leben der alten Meister. Ich lernte von ihm, dass jede aktuelle Verzweigung von wenigen Ästen ausgeht. Das ist nicht trivial. Man muss nur fünfzig Jahre zurückgehen, um auf eine Persönlichkeit zu stoßen, die sich auf viele auswirkte, die sich selbst nicht als Großmeister begriffen. Heute wimmeln die Großmeister an den Ästen der Stammbäume. Die Evolution der asiatischen Kampfkünste wurde von ihrer Westöffnung beschleunigt. Zum antiken Spirit kam die Rationalität, auch auf der Grundlage von Missverständnissen.

Buck und ich waren uns zum ersten Mal in der Yoga Gruppe von Lamar Monroe begegnet. In ranzigen Aufgüssen jugendlichen Überschwangs hatten wir uns nach dem Unterricht zu einer Fachsimpelei hinreißen lassen, die uns beiden peinlich nachging. Bei der nächsten Begegnung klärten wir reserviert die Eckdaten und errichteten das Koordinatenkreuz der Identifikation. Buck gab sein Geburtsjahr an. Er sah so frisch aus, dass ich die Zahl unwillkürlich für eine Altersgabe hielt. Buck stand in seinen Sechzigern. In seiner kanadischen Kindheitsecke hatte es nur Rudern und Ringen gegeben und Waldarbeiterwettbewerbe, die in modernisierten Formaten heute einen enormen Zulauf haben. Buck erinnerte eine TV-Serie in verschneitem Schwarzweiß mit einem japanischen Detektiv, der seine Gegner mit Judo überwindet. Er glaubte, jahrelang keine Folge der Serie verpasst zu haben und war felsenfest davon überzeugt, dass der Hauptrollenspieler Japaner gewesen war. In Wahrheit wurde Mr. Moto von dem Deutschen Peter Lorre nur acht Mal gespielt.

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Buck hatte mit Rudern, Ringen, Holzhacken und der guten Luft in British Columbia ein stabiles Fundament für eine Weiterbildung erst in Gōjū-Ryū Karate und dann in Mandarinen Gong-fu erworben. Er bewunderte Bruce Lee. Das Lee-Norris-Duell im Kolosseum sahen wir uns einmal gemeinsam an.

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How to deal with force

Ich erkannte Buck an seinen Einschätzungen von Bruce Lee, den er als Schauspieler überhaupt nicht wahrnahm. Buck sagte: Bruce Lee war nicht motorisch, sondern spartanisch in seinen Bewegungen.

He moves only for reasons.

Generationen haben von Bruce Lee gelernt, den kürzesten Weg zum Erfolg zu suchen. Da ist ein Ellenbogen, den nehme ich für meine Zwecke. Ich setze einen Hebel an, weil mir das angeboten wird. Der Hebel erzeugt einen Widerstand, der den Gegner verhärtet. In den Nachfolgetechniken treffe ich mit Weichem auf Hartes.

Er will angreifen, du bist schon da.

Das waren Offenbarungen meiner Jugend. Sie hatten die Übergänge von den Kraftlösungen zu technischen Lösungen und schließlich zur Verfolgung von Prinzipien orchestriert. Heute können Vierzehnjährige weltweit so vorstoßen, vor vierzig Jahren trafen sich Eingeweihte zu verschwiegenen Kellerterminen. Mein Gong-fu Unterricht wurde so gehandelt wie der Auftritt von William S. Burroughs in einer als Galerie hochgejazzten Darmstädter Waschküche 1990.

Ich war Anfang Zwanzig und lebte in Nacogdoches, als ich mit Buck nach dem Yoga ab und zu einen Kaffee bei Lucie Mill trank. Lucie kam aus San Francisco und ihr Café sah haarklein so aus wie das Acorn Café in der Zuckerszene von Sudden Impact (1983).

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Der Film war brandneu, die Dirty-Harry-Schoten kursierten. In Sudden Impact sagt Eastwood als Inspector Harry Callahan zu einem kalifornischen Verbrecher: Go ahead, make my day. Das Café, das als Schauplatz diente, hieß im richtigen Leben Tigers. So was wusste man. Wäre Lucies Café überfallen worden, hätten wenigstens zehn Clint Eastwood Fans zu dem armen Räuber Go ahead, make my day gesagt. Callahans Dienstwaffe ist für Texaner kein Gegenstand ferner Bewunderung und noch viel weniger etwas Befremdliches. So was hat man Zuhause. Unterwegs bevorzugt man Sachen, die nicht auftragen.

Nervensäge auf dem Gesundheitstrip

Ich denke selten an Buck und den Yogakreis um Lamar. Lamar war als Guru eine Fehlbesetzung. Er war immerhin kein Blender. Er glaubte, alle anderen seien von Haus aus genauso dilettantisch wie er. Er hatte einen Job, fuhr einen Pritschenwagen und interessierte sich mit einem Anklang von Begabung für den indischen Kram. Später wurde er Nachtwächter.

Obwohl er ein Minusmann war, gewann Lamar die Zuneigung seiner schönsten Schülerin. Naomi DeWitt spielte im letzten Jahr vor ihrer Hochzeit (mit einem Redneck der Texas Aristokratie) in Nacogdoches die Rolle einer Muse für Nieten. Sie war wirklich großzügig. Ich sehe sie in Lucies Café, wie sie den alten Buck ermuntert, weiter zu schwadronieren, obwohl ihm das in ihrer Gegenwart nicht geheuer ist; während die jungen Männer im Raum ihre Aufmerksamkeit suchen …

Buck erwähnt einen Überflieger, der mir in den Siebzigern klarmachte, dass man nichts lernen kann, was man nicht schon weiß. Trifft jemand mit angeborenem Vorwärtsdrang auf einen, der sich dazu erziehen musste, zügig vorzustoßen, steht das Ergebnis fest.

Auf hundert alten Fotos, die seit Internet jedem zugänglich sind, sieht Sadad wie ein Prinz aus. Die Behauptung, er habe als junger Mann seine Schüler verprügelt, gehört immer noch zum Hassrepertoire der Abtrünnigen. (Sie verwanden nie, von der für sie unfassbaren Energie ihres Meisters abgekoppelt worden zu sein.) Der Eindruck ergab sich aus der ungestümen Realness seines Unterrichts. Sadad bewertete jeden Zweifel an seiner unbeschränkten Überlegenheit als Angriff. Wer ihm suggerierte, sich eine Chance auszurechnen, nahm sich zu viel heraus.

Doch genau das trifft die Situation auf der Straße. Was du kannst, muss reichen gegen von Kokain, Alkohol, Hybris, Bodybuilding, Gruppendynamik und Zorn hochgefahrene Gegner, die dich zusammentreten, falls du zu Fall kommst.

Sadad brachte keinen Schüler hervor, der bis zur Ebenbürtigkeit aufgestiegen wäre. Seit Jahren erscheint er nur noch übermüdet und umwölkt im Fernsehen. Sein Gesicht ist eine Kraterlandschaft.

Warum ist er so müde?

Er raucht nicht und hat nie ernsthaft getrunken. Buck kannte Anfang der Achtziger, als Sadad im Saft stand und mir unbezwingbar vorkam, den Knackpunkt in Sadads Leben. Doch erst jetzt erhält Bucks Einschätzung ihre Bestätigung von der vergangenen Zeit:

Sadad hat nie die Hauptrolle in einem großen Film gekriegt. - Und Nebenrollen liegen ihm nicht.

Goings Gartenhaus

John Wayne Going war ein Texas Ranger zurzeit der Texas Revolution (1835/36). Er hatte die Schlacht von Gonzales und das in achtzehn Minuten zugunsten der texanischen Freiheitskämpfer entschiedene Gefecht von San Jacinto am 21. April 1836 mitgemacht.

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Vermutlich gibt es mehr Möglichkeiten über der Notdurftmarke zu scheitern als darunter. Werden Sie als Ingenieur arbeitslos, bringen Sie es u.U. nicht fertig, sich irgendwo in der Produktion als Helfer deklassieren zu lassen. Also sacken Sie gleich ganz durch. Joe Crobbet Leland, der Künstler unter Naomis Liebhabern im Jahr 1984, fing ein paar Jahre nach meiner stationären Texaszeit in Lucies Café als Hey Joe an. Er übernahm den Laden und wirkte sich bis zu seinem Tod 2002 positiv auf der Gemeinde aus.

Als Künstler war Leland schwer zu ertragen. Bei Naomi spielte er die erste Geige nach dem eintönigen Lamar und dem vielseitigen Indonesier Floro Palembang – und vor ihrem Ehemann Saltus Lubbock. Leland imitierte Niki de Saint Phalle und wunderte sich, dass die Nachahmerei für ein Leben als anerkannter und deshalb vermögender Künstler nicht genug war. Allerdings punktete Leland an zwei Stellen. Erstens war er ein fähiger Selbstversorger mit grünem Daumen und zweitens hatte er als Siebzehnjähriger eine Nebenrolle in einem Acid Western mit Jack Nicholson. Der Film schaffte es nie ins Kino und wurde erst in den Neunzigern für das Fernsehen aufbereitet. In Nacogdoches konnte ihn niemand gesehen haben. Trotzdem zweifelte man nicht daran, dass Leland an einer Karriere haarscharf vorbeigeschrammt war. Er musste einfach etwas Großes verpasst haben, so groß wie er war und so heroisch wie er wirkte.

Leland sah aus wie der Held im Zwielicht. Wie einer, der an einem Schicksalstag der Nation eine tragische Entscheidung zugunsten des Vaterlandes und zum Nachteil eines Freundes oder einer Frau gefällt hatte und seither keine Ruhe mehr fand. Als er an der Reihe war, pickte Leland Naomi überall auf, so dass ich ihn oft sah. Stieg er aus seinem Auto, wunderte man sich, dass die Karosserie nicht hinter ihm aus den Nähten platzte. Er verschlang Berge von Pfannkuchen und eimerweise Kompott …

Lelands Dasein konnte einen aus der Fassung drehen. Viel irrer, als alles, was aus ihm quillte, waren die Vorschläge, mit denen Naomi seine Lage zu verbessern trachtete …

Leland bewohnte Goings Gartenhaus. Das war ein stehender Begriff in Nacogdoches. John Wayne Going hatte den texanischen Befreiungskrieg mitgemacht und war als Viehwirt, Schmied und Ranger eine Säule der Gesellschaft in den 1830/40er Jahren gewesen. 1980 war von seinem idyllisch am Angelina River gelegenen Anwesen nicht mehr übrig als das fest gebaute Gartenhaus mit einer maroden Veranda.

Leland hatte die Immobilie geerbt. Sie stellte seinen einzigen, keineswegs wertvollen Besitz dar. Leland interessierte sich nicht für Heimatgeschichten. Es war ihm herzlich egal, dass Going zu seinen Vorfahren zählte. Ich war bei meinen Recherchen ein paar Mal auf Lelands Ahnen gestoßen. Ich stellte ihn mir als einen Mann der verdeckten Separation vor. Er muss ungewöhnlich freundlich zu seinen Sklaven und den Angehörigen der First Nation gewesen sein. Er wollte sich aber in keinen Gegensatz zur neuenglischen Distinktion gestellt wissen. Going verstärkte die Texas Miliz und ritt als Ranger Streife.

Er zeigte sich beflissen und teilte die Einschätzungen der hauchdünnen angloamerikanischen Oberschicht, obwohl er aus anderem Holz geschnitzt war. Er gehörte nicht zu den von Impresarios wie Stephen Fuller Austin, Green DeWitt und Haden Edwards in Texas nach Absprachen mit der mexikanischen Regierung Angesiedelten. - Und auch nicht zu den wild dazugekommenen Tausendschaften, die von ihren soliden Vorgängern abgelehnt wurden und keinen Zugang zu der neuen Elite um Fuller Austin und Samuel Houston erhielten. Goings Vater war ein Borderliner und Schwarzsiedler in spanischen Zeiten gewesen. Solche betrieben auf beiden Seiten der Grenze Geschäfte. In Tejas infiltrierten sie die Gemeinden im Schatten der katholischen Missionsstationen. Sie hatten es mit einer spanisch-kolonialen Obrigkeit zu tun, die seit Jahrhunderten in der Abwehr fremder Interessen geübt war. Die Schwarzsiedler nisteten sich unter Mexikanern ein. Als Tejanos beteiligten sie sich am mexikanischen Unabhängigkeitskampf (1811 – 1821).

Going war bei Weitem nicht so borniert wie die von Austin gerufenen Kolonisten. Noch weniger gemein hatte er mit den in Texas einfallenden, sonstwo aufgeflogenen, durchgebrannten und flüchtigen Heiratsschwindlern, Ehemännern, Bankrotteuren, die man french society nannte. Dirt-poor devils came, schreibt Staatsgründer Samuel Rutherford Houston (1793 – 1863) in seinen Erinnerungen.

Houston war nicht das erste Wort, das auf dem Mond fiel. Doch viel fehlte nicht. Neil Armstrong: Engine arm is off. Houston, Tranquility Base here. The Eagle has landed.

Houston glückte oft, was sonst keinem gelang. In seinem Fall verband sich eine bezwingende Persönlichkeit mit politischen Chancen. Houston war sowohl Gouverneur von Tennessee als auch von Texas. Kein Zweiter kann von sich behaupten, das höchste Amt eines Bundesstaates in zwei verschiedenen Staaten inne gehabt zu haben. Er wurde der erste Präsident von Texas, nachdem er Santa Anna (den Napoleon des Westens nach eigener Angabe) am 21. April 1836 vor San Jacinto vernichtend geschlagen hatte. Er wiederholte sich als nationales Oberhaupt. Jahrzehnte lebte er mit einer Wunde, die beinah täglich versorgt werden musste. Böse Zungen behaupten, er habe seine Hoden im Kampf verloren. Dazu morgen mehr aus einem Geheimarchiv der Freimaurer.

06:54 10.03.2018
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