Keine Dystopie in der Pandemie

Literatur Excellerated but not accelerated - Frühe Bemerkungen zu Matt Haigs Roman "Die Mitternachtsbibliothek"
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»Zwischen Leben und Tod liegt eine Bibliothek«, sagte sie. »Und diese Bibliothek besteht aus endlosen Regalen. Jedes Buch bietet dir die Chance, ein anderes Leben auszuprobieren, das dir offengestanden hätte. Jedes Buch bietet dir die Chance, zu sehen, wie alles gekommen wäre, wenn du andere Entscheidungen getroffen hättest … Hättest du irgendetwas anders gemacht, wenn sich ungeschehen machen ließe, was du heute bereust?«

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Mrs Elm ist so eine, bei der man sich gleich geborgen fühlt. Sie leitet die Bibliothek der Hazeldene School in Bedford. Major Playerin Nora Seed spielt gegen die Warmherzige Schach.

Die alte Elm hasst Kälte und Nässe, und das auf dem Mutterkutter des Vereinigten Königreichs. Da, wo der Regen wohnt, und naßkalt - dank ein Kosewort ist.

Matt Haig, „Die Mitternachtsbibliothek“, Roman, aus dem Englischen von Sabine Hübner, Droemer-Knaur, 20,-

Für Nora ist „die Bibliothek ... eine kleine Oase der Zivilisation“.

Neunzehn Jahre später

Ash trainiert für den Bedford Spring Half Marathon. Er besucht unangemeldet (und noch im Sportzeug dampfend und triefend) Nora, die seit der Schachpartie mit der Bibliothekarin an allen Fronten stark gelitten ist. Haig verortet seine Heldin kurz vor dem Ableben, während die Leserin Nora doch gerade erst kennenlernt. Sie ist sofort angetan von dieser (in sich offensichtlich nicht richtig aufgehobenen) Person.

Seit ihrer Jugend jobbt Nora in einem Plattenladen. Das abgeschlossene Philosophiestudium und ein überbordendes Kreuzworträtselwissen haben sie nicht von einer prekären Existenz im Darkroom der Depression bewahrt.

Schön finde ich das falsche Bild, das Noras Chef Neil zum Trost seiner überqualifizierten Angestellten malt, als sie ihm von dem Druck berichtet, dem sie sich ausgesetzt sieht:

„Aber Druck formt uns. Wir beginnen als Kohle, und der Druck presst uns zu Diamanten.“

Kohle bleibt Kohle. Druck macht aus Kohle Staub.

Der Autor fährt negative Koordinaten hoch.

„Neun Stunden bevor sie beschloss zu sterben, irrte Nora ziellos durch Bedford. Die Stadt war ein Fließband der Verzweiflung. Das mit Rauputz versehene Sportzentrum, wo ihr verstorbener Vater einst zugesehen hatte, wie sie im Schwimmbecken …“

Ich sehe eine Kleinstadtbeschaulichkeit nach meinem Herzen. Nora blickt auf eine Jugend als beste Brustschwimmerin weit und breit zurück. Sie war der Star in einer Band mit Zukunft - The Labyrinths. Ihr Bruder Joe spielte Gitarre. Sie warf dann alles hin, Panikattacken vorschützend.

Nora trifft den Schlagzeuger, der nun in einer Covertristesse namens Slaughterhouse Four mitmischt. Ravi wirft ihr vor, eine Weltkarriere in den Wind geschlagen zu haben.

„Wir hatten einen Vertrag mit Universal. Direkt vor unserer Nase.“

Sie hatten den Vertrag so gut wie in der Tasche, nur in der Tasche hatten sie ihn noch nicht. Knapp vorbei ist auch daneben. Und Schuld sind immer die anderen.

Gleich mehr.

Aus der Ankündigung
Stell dir vor, auf dem Weg ins Jenseits gäbe es eine riesige Bibliothek, gesäumt mit all den Leben, die du hättest führen können. Buch für Buch gefüllt mit den Wegen, die deiner hätten sein können.
Hier findet sich Nora Seed wieder, nachdem sie aus lauter Verzweiflung beschlossen hat, sich das Leben zu nehmen. An diesem Ort, an dem die Uhrzeiger immer auf Mitternacht stehen, eröffnet sich für Nora plötzlich die Möglichkeit herauszufinden, was passiert wäre, wenn sie sich anders entschieden hätte. Jedes Buch in der Mitternachtsbibliothek bringt sie in ein anderes Leben, in eine andere Welt, in der sie sich zurechtfinden muss. Aber kann man in einem anderen Leben glücklich werden, wenn man weiß, dass es nicht das eigene ist?
Matt Haig ist ein zauberhafter Roman darüber gelungen, dass uns all die Entscheidungen, die wir bereuen, doch erst zu dem Menschen machen, der wir sind. Eine Hymne auf das Leben – auch auf das, das zwickt, das uns verzweifeln lässt und das doch das einzige ist, das zu uns gehört.

Zum Autor

Matt Haig, Jahrgang 1975, ist ein britischer Autor. Seine eigenen Erfahrungen mit Depressionen und Angststörungen sind auch stets ein zentrales Thema in seinen Büchern. Bei dtv sind von ihm zuletzt die Romane "Ich und die Menschen" (2014) und "Wie man die Zeit anhält" (2018), sowie die Sachbücher "Ziemlich gute Gründe, am Leben zu bleiben" (2016) und "Mach mal halblang" (2019) erschienen. Matt Haig lebt mit seiner Familie in Brighton.

07:45 26.01.2021
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