Keine Siegesmüdigkeit

Aya Cissoko Selbst in ihren Träumen sieht sie sich Ring. Aya Cissoko siegt sich nach oben.
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Jahrelang ist Aya Cissoko fokussiert. Ihr Leben dreht sich um Kampfsport. Selbst in ihren Träumen sieht sie sich Ring. Sie siegt sich nach oben. Körperliche Vorzüglichkeit illuminiert sie. Cissoko erscheint technisch exzellent. Aus all den Gewinnen ergibt sich jedoch nicht zwangsläufig Selbstachtung; etwas, dass zuverlässig über die Sprüche und das Straßengehabe hinausgeht. Cissoko sucht Stärke und Orientierung in einem Rahmen, der viel mehr Welt hält.

Aya Cissoko, „Ma“, Deutsch von Beate Thill, Roman, Wunderhorn, 188 Seiten, 24.80,-

Ihre Bereitschaft, sich im Training zu verausgaben und sich im Wettkampf keine Siegesmüdigkeit zu erlauben, graduiert sie. Sie wird in mehr als einer Kunst promoviert als eine der erfolgreichsten Praktizierenden Frankreichs. Doch dann bricht ein Halswirbel, eine Operation misslingt; als Patientin erlebt die Athletin das Wunder ihrer Genesung – einer Wiederherstellung.

In den Schatten gestellt, muss sie sich neu definieren.

Sie beschließt:

„Ein Leben vor dem Tod zu haben.“

Dreimal wurde Ma verheiratet, in keinem Fall traf sie eine Wahl. Kaum zu glauben, dass diese Feststellung in die Gegenwart gehört.

Die selbstbewusste und durchsetzungsfähige Madame Cissoko ist indes viel mehr einem weiblichen Regime unterworfen als männlicher Vormacht. Eine gebärfähige Frau ohne Mann widerspricht den Traditionen und stellt anscheinend ein Risiko für die Gemeinschaft dar. Jedenfalls suggeriert das die Erzählung. Wennschon sie der Tochter Freiheiten zugesteht, treibt die Mutter Aya doch in die Enge afrikanischer Lebensbegriffe. Nach den Stammesregeln wäre sie schon mit zwei Kindern gesegnet, als Ehefrau eines potenten Ernährers. An dieser Stelle bricht die Geschichte ein; die Migration bringt wie am Fließband alleinerziehende- und alleinverdienende Mütter hervor.

„Heute machen die Männer nichts mehr für die Frauen.“

Ma konsultiert einen Zauberer. Sie treibt die Sorge um, Aya könne wie eine Weiße vergreisen, das heißt, ohne eine Familie gegründet zu haben. Das wäre Sünde.

Zumindest ist das eine Variante. Andererseits erscheint die Sorge als Vorwand, da Ma sich zur dritten Ehefrau des Zauberers machen lässt.

„Die Ferne der beiden ersten Ehefrauen erleichtert es, die Polygamie hinzunehmen.“

Mas Wohnung wird zur hyperfrequentierten Praxis des Zauberers. Es geht zu wie im Taubenschlag. Dazu kommen Übernachtungsgäste, die auch tagsüber bleiben. Ma gewährt allen ihre Gastfreundschaft, ohne Rücksicht auf ihre Kinder, die sich einer Belagerung ausgesetzt sehen.

Aya muss im Zimmer ihres einsilbigen Bruders übernachten. Er setzt der Schwester zu.

Bald mehr.

14:07 04.07.2019
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