Keine Zwischenansagen

Frankfurt am Main Blanka kippte die Kurzen zwischendurch, ohne jede Zwischenansage. Das war für sie selbstverständlich.
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Wir besuchten ein Konzert der „Deep Purple“. Auf dem Weg zur Festhalle sang Blanka „Volare, oh oh/ Cantare, ohohoho/ Nel blu dipinto di blu/ Felice di stare lassù“. So erzeugte sie einen Wirbel im Strom der Fans.

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Blanka wollte für sich wenig mehr als das Nötigste, sie gehörte einem Armutsorden an. Sie arbeitete als Aufsicht in einem Museum und in der ambulanten Altenpflege. Sie ließ sich außerdem für alles Mögliche engagieren. Man nahm sie gern, ihre Gewissenhaftigkeit war beispiellos. Es dauerte, bis ich in Blankas Mienenspiel einen Widerschein ihrer Verbohrtheit entdeckte. Blanka schwelgte in der Opulenz von Aldi. Unauffällig machte sie sich schick, wenn wir in die Alte Oper oder in die Festhalle gingen. Sie verbarg nicht das Rasierzeug, aber den Lippenstift und ein paar andere Dinge aus der Drogerie bekam ich lange nicht zu sehen. Auf ihre Art verschleierte sich Blanka. Ich deutete an, dass man in anderen Städten angenehmer arm sein könne als in Frankfurt. Blanka ignorierte das.

Für mich hatte Blanka die Schönheit einer Windjammergalionsmadonna. Ich zog gern mit ihr um die Häuser, sie amüsierte sich am Wasserhäuschen nicht weniger als in Jimmy’s Bar. Sie kippte die Kurzen zwischendurch, ohne jede Zwischenansage. Das war für sie selbstverständlich.

Blanka hatte das Saufen von einem Onkel gelernt, der auf dem Friedhof ihrer Heimatgemeinde die entscheidende Kraft war. Er oszillierte zwischen Faktotum, Randfigur und Grenzgänger. Den Nachwuchs lehrte er Kneipenspiele. Er stellte seinen Raum für Experimente zur Verfügung und bot Verstecke an. Er nahm sich das ein oder andere heraus, ohne dass sich die Übergriffe ernsthaft beanstanden ließen. Heute wäre so eine Figur undenkbar.

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