Keinen Kiosk für Gorbatschow

Literatur „Literatur war alles, es gab sonst nichts“ ... außer drei gleichgeschalteten Tageszeitungen, zwei TV-Programmen und einem neu-konformistischen Kinofilm pro Monat.
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Ein Besuch beim Schriftstellerehepaar Olga Martynova und Oleg Jurjew im Jahr 2008. Im Wohnzimmer herrscht eine Schwarzweißfernseheratmosphäre wie zu Zeiten, als Heinrich Böll in Gesprächen mit Lew Kopelew und Alexander Solschenizyn Abgrundszenarien des Kalten Krieges entwarf, die von Egon Bahr kommentiert wurden.

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„Im Unterschied zu den kolonnenweise denkenden und fühlenden Europäern ... sind die Russen völlig unfähig zum Leben im Kollektiv“. OJ

Intellektualität und Häuslichkeit: das setzt die Signatur einer Gemeinschaft zusammen, die in ständiger Zwiesprache allen Zersetzungen widersteht. Das Paar tritt gleichermaßen als Datenträger*innen der Zukunft und als Erben einer formidablen Tradition auf. Es veröffentlicht in Deutschland und in Russland. Es ist besser informiert als hier und da die meisten. Es kultiviert die Erinnerungen an erste poetische Einfälle.

Oleg verbreitet den Eindruck, gar nicht damit zu rechnen, richtig verstanden zu werden. Groll fühlt sich heimisch auf der Tonspur seiner Stimmbänder. Manchmal hört sich Oleg an wie ein in einsamer Verwitterung ächzendes Hoftor. Olga pflichtet ihrem Mann bei und widerspricht doch zwischen Bücherwänden. Oleg schildert den Entwurf einer Autor*innenkoexistenz. Er knarzt seine sardonische Sicht der Dinge, Olga singt den gleichen Text auf einem hohen Ton. Kennengelernt haben sich die beiden 1981 bei einer Hauslesung in Sankt Petersburg, damals noch Leningrad. Fast täglich fanden solche Veranstaltungen statt, als Verabredungen einer zweiten, voroffiziellen Literatur plus Gelage. Der reguläre Betrieb war eine staatliche Angelegenheit und klärte sein Verhältnis zum Underground per Ausschluss. Eine im Grunde bildungsbürgerliche Opposition saß so vor der Tür zum Establishment. Einig allein war man sich in lyrischer Staatsferne, im Übrigen grassierten die Anschauungen. Buddhisten erzählten Nationalisten ihre Märchen und so weiter.

„Man wusste, dass man rein zufällig unter die Räder des Systems kommen konnte, aber das scherte keinen. Niemand war vorsichtig“, erinnert sich Oleg, „gegen den Staat zu sein, verstand sich von selbst“. Er wurde 1959 in der ehemals russischen „Hauptstadt aus dem Nichts“ (A. Puschkin) geboren und wuchs bei seiner Mutter und den Großeltern auf. Ich frage nach dem städtischen Erscheinungsbild jener Jahre. Die Verheerungen des Krieges seien getilgt gewesen, die Invaliden noch zu Stalins Zeiten weggeschafft worden. Das Familienleben fand in einem Zimmer statt, die jüdische Herkunft stand als „ethnisches Merkmal“ im Ausweis. Mit elf fing Oleg an zu dichten und so sieht er sich auch heute noch in erster Linie: als Dichter.

„Literatur war alles, es gab sonst nichts“ ... außer drei gleichgeschalteten Tageszeitungen, zwei TV-Programmen und einem neu-konformistischen Kinofilm pro Monat.

„Der Chor tröstet, bemitleidet, nicht, dass er heuchelt, / Ein Schatten auf Filzlatschen-Skiern gleitet um die Museumstür, / Sachlich wie eine Fliege, es riecht nach dunkler Zypresse, / Erwärmt von der Sonnenglut, nach dem ätzenden Schweiß des Boten“. OM

Zufällig kam Olga in Dudinka zur Welt. Ihre Eltern hatten beruflich in Nordsibirien zu tun. Als Kind geriet sie in die Stadt ihrer adligen Ahnen. Ein Großvater im Admiralsrang war in der Revolutionszeit „nicht mit den Weißen gegangen“, ohne deshalb der Bolschewiki von Herzen gewogen gewesen zu sein. Seine Enkelin machte in keiner kommunistischen Jugendorganisation mit, sie durfte sich deshalb noch nicht einmal in den Bruderstaaten umsehen. Ihre Unternehmungslust führte Olga durch die UDSSR ... aber „man bleibt für immer in Petersburg, wenn man aus Petersburg kommt“. Dort leitete um das Jahr 1980 Oleg einen Hochschulliteraturkreis für vierzig Rubel im Monat. Mit ihm zog Olga bald zusammen. Man ging Untermietverhältnisse ein, ging aus, studierte, schrieb und trug vor.

Anna Andrejewna Achmatowa, Ossip Emiljewitsch Mandelstam, der in Leningrad geborene Iossif Alexandrowitsch Brodskij (Joseph Brodsky) - Wäre die Sowjetunion nicht erodiert, dann hätten Olga und Oleg einem verdoppelten Dissidentenschicksal als Personal gedient. Doch kam es anders. „Im Verlauf der 1980er Jahre wurden geborene Apparatschiks („gezüchtete Funktionäre“) groß und versauten alles, weil sie nichts konnten“. So erklärt Oleg gesellschaftliche Krisen:

„Wenn nur noch die Schlechtesten nach oben kommen“.

Er zählt Gorbatschow dazu.

„Dem würde ich keinen Kiosk anvertrauen“.

Inzwischen „arbeitete in Leningrad kein Mensch mehr“. Der Staat reagierte hysterisch, startete Kampagnen, ließ Milizionäre in den Straßen patrouillieren. Die Leute hatten sich dem Müßiggang ergeben. Ihren unverdienten Lohn verstanden sie „als verdeckte Arbeitslosenhilfe“. In einer Phase administrativer Hilflosigkeit verloren die Veröffentlichungssperren ihre Wirksamkeit, das Paar publizierte.

„Daran sah man, dass alles kaputt war: dass wir in der UDSSR was werden konnten“. Zugleich erlebten Olga und Oleg die Perestroika als Ära der Unsicherheit. Vorsichtshalber heirateten sie.

„Wir schauten dann mal morgens beim Standesamt vorbei“,

Sohn Daniel, Jahrgang 1988, kam mit.

„Er war der einzige Zeuge“.

1991 blieb der avancierte Dramatiker und Dichter Oleg mit Frau und Kind bei einem Deutschlandaufenthalt in Frankfurt am Main „stecken“. Seither lebt die Familie im Ostend. Mit jedem Umzug kommt sie einer Vollendung der Umkreisung des Zoos näher. Im Wohnzimmer hört man die Affen schreien.

21:07 25.05.2018
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Ausgabe 25/2018

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