Kimura

#Leben Der Klimawandel geht Qamar am Knie vorbei
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„Orgasmen, die zwanzig Jahre zurückliegen, hinterlassen keine Erinnerung“, schreibt Elisabeth Hardwick in „Schlaflose Nächte.“

Qamar Ghulja lebt in einem Wirbelsturm der Übereinstimmung. Unter dem Dach der Begeisterung liest sie Edward Said, Assia Djebar und Anton Shammas. Offiziell feiert sie die Freiheit des Westens. Privat bleibt sie ihren Herkunftsgesetzen unterworfen. Sie tut, was von ihr erwartet wird, obwohl jede Aufsicht weit weg ist. Die Prägung wirkt wie eine Eisenklammer. Wer sich von seinen Ankern löst, so das Mantra des Verzichts, verkommt als Treibgut an einem fremden Strand.

Qamar rechnet sich zu einem Zirkel, in dem antikoloniale Klassiker in der Manier bourgeoiser Befreiungstheoretiker:innen gelesen werden. Sie trinkt Plastikbecherwein und hört sich selbst reden; hin- und hergerissen von kritischen Innenweltinstanzen, die ihr kein Wort abnehmen. Würde sie jemand so ansprechen wie es in ihrer Heimat normal wäre, könnte Qamar keine Minute länger ihre Rolle als ungezwungene Verkehrsteilnehmerin spielen.

Sie beschwört Ansichten ihrer Kindheit und zitiert den Ozean vor der elternhäuslichen Tür als Gegenkraft zum Atlantik vor ihrer Nase. Der Klimawandel geht Qamar am Knie vorbei. Sie Berührung ihres Knies soll als genossenschaftliche Aufmerksamkeit den Standard nicht unterschreiten.

Qamar weiß nicht, was sie davon halten soll. Regen setzt ein. Die Eismaschine klappert Würfel. Qamar spürt, wie das Begehren ihren Verehrer lähmt. Er hat die Angst, das ist neu.

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Sterbliche als Spielfiguren der Göttinnen zu begreifen, ist eine gute Übung für jede Feldherrin auf ihrem Misthaufen. Sich von außen zu betrachten, hilft dem Verständnis für etwas Essentielles auf die Sprünge. Wer auch immer an uns zieht und sich übermächtig zu unserem Nachteil ausübt, ist niemals so mächtig wie unsere eigene Dummheit. Schaut man in sich hinein, sieht man die Dummheit spät. Schaut man auf sich herab, sieht man sie sofort. Das weiß Qamar. Als geborene Psychologin war ihr mit sieben schon klar, dass die blaffende Großmutter über Bande spielte und in der Enkelin überhaupt kein lohnendes Ziel sah. Vielmehr wollte sie die Gelassenheit ihres Schwiegersohns ankratzen. Qamars Vater verströmte westliche Bonhomie und gab sich harmlos zur Vermeidung von Ausbrüchen. Er duckte sich weg, solange es nicht um die Familie ging.

An den Ideen des Westens hält er mit nachlassenden Überzeugungen fest. Er wächst nach innen und kommt sich nah im fernen Osten. Dies aus der Perspektive von Brain (nicht Brian) Annabelle Texas DA Thundergod*. Brain trägt ihre Tarnkappe. Sie gibt Qamar die Idee ein, den Galan in einen Ringkampf zu verwickeln. Qamar finished im Stand mit einem Kimura Armlock.

Gleich mehr.

17:43 27.02.2021
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