Kirchenmusikalisches Erbe

#Leben Im Kindergarten kommt Argylla  auf den Trichter. Sie begreift, dass ihr Genie angesteuert werden muss. Sie bewohnt die besten Stellen ihrer selbst selbst wie Monde ...
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Jazz & Lyrik

Im Kindergarten kommt Argylla auf den Trichter. Sie begreift, dass ihr Genie angesteuert werden muss. Sie besiedelt die besten Stellen ihrer selbst selbst wie Monde, die sich nur mit Fähren erreichen lassen.

Ein Transporter ist der Amiga-Label-Jazz, den außer Argylla kein Mensch in der Wohngemeinschaft ihrer Mutter hört. Die Platten und ihr Spieler, ein Ziphona PA 225, sind Requisiten der abgelebten Ostalgie von Augusta, die der realsozialistischen Erotik einer Anja Kossak nacheifert. Natürlich versteht Argylla das noch nicht. Die Plattenspielermusik nimmt sie ein. Sie extrahiert den Blues im Jazz, die Gospel-Einschlüsse. Sie reagiert auf ein kirchenmusikalisches Erbe, mit dem sie sonst nichts verbindet. Doch dient der Blue Train nur als Vehikel für eine lyrische Produktion der Fünfjährigen.

Argylla liefert die aktuellste Interpretation eines antiken Genres: Jazz & Lyrik. Ihr offenbart sich die Mathematik der Silben. Sie ahnt schon die Biomechanik in den Körpern der Wörter. Es geht um intrinsische Dehnung. Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll mit meinem Lob. Da wirkt eine Suggestion, so dass man der rauschhaften Täuschung erliegt, man selbst sei auch eine Sehende.

Guten Tag, mein Name ist Brain (nicht Brian) Annabelle Texas Thundergod*. Ich bin die Therapeutin. Noch ist Argylla gespalten. Magisch-schön erscheint ihr die Blue Notation in etwa so wie die Riemannsche Zeta-Funktion. Argyllas Mutter kommt aus einem sächsischen Kaff. Keiner in Noors Verwandtschaft versteht den Zusammenhang zwischen sich, meinetwegen als Tante, und Argylla, deren Hochbegabung in ihrem familiären Herkunftsmilieu keinen Wert darstellt.

Diese Leute grillen ohne Unterlass. Der Grill ist ihr Gral. Bei jeder Gelegenheit sind sie im Garten. Kein Anlass erscheint ihnen zu nichtig. Die arachaischen Beschwörungen der Stammesbande lassen Noor überhaupt nicht kalt. Sie wirkt zwar leicht abgehoben, gehört aber unbedingt zum Verein. Argyllas Opa Attila verkörpert den ländlich-homophob-rassistischen Grenzer in vollendeter Zeitungebundenheit. Überall ist Grenze in seinem Kopf. Attila war eine Persönlichkeit des NVA-Grenzregimes und hatte ein gutes Kumpelleben mit einer soliden Faust und einem Händchen für alles, was ein Motor antreibt. Außerdem war er Animateur einer Mucker-Truppe, die im Hinterland als Stimmungskanoniergemeinschaft gebucht wurde. Wenn sich was ergab, wurde ein Band eingelegt. In der Regel ergab sich was, und so ergab sich eben auch eine Gelegenheit zu Noors Zeugung. Die Mutter verzog sich nach der Geburt. Sie wollte in den Westen, gerade als der Westen rübermachte und die aufgelassene Republik in einen Gebrauchtwagenmarkt verwandelte.

Obwohl Attila von jeher ratlos vor dem Geschöpf steht, das mit seinem Samen zur Zeit- und mit der Zeit zur Wohngemeinschaftsgenossin wurde, ahnte er doch auch schon immer, dass Noor ihm auf eine verdrehte Weise ähnlicher ist als jeder Anschein es behauptet. In seiner Solo-Erziehung brach sich Attila keinen ab, hintertrieb aber auch nichts. Noor kriegte, was sie brauchte. Sie ging dann merkwürdig leise zum Bund, wo es ihr gut gefiel. Darüber verlor sie selten ein Wort. In ihren Herkunftskreis kehrte sie so selbstverständlich zurück, als gäbe es sonst keine Welt. Fortan hatte sie etwas, dass sie dem Vater gegenüber verschweigen konnte. Die Eigenköpfigkeit ihrer Tochter bespricht sie aber mit ihm, nahe der Grillglut. Attila verrät sich, wenn er über Argylla spricht. Jahrzehnte hielt er das Freidrehende seines Wesen unter Verschluss; so wie Noor Ansichten für sich behält, mit dem sie am Kommunenküchentisch anecken würde.

Bald mehr.

12:09 19.02.2021
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