Kleinbürgerliche Schrumpfform

Frankfurt am Main Saukopf Schlundheim schloss sich Buffalo Bill an, stieg mit ihm ins Showgeschäft ein und zog bald seinen eigenen Laden auf. Er suchte schließlich seine Chancen in Europa ...
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Nach dem Frieden von Tilsit (1807) machte Napoléon Bonaparte Kassel zur Hauptstadt des neu geschaffenen Königreichs Westphalen und setzte da seinen Bruder Jérôme auf den Thron. Als König nannte sich Jérôme Hieronymus Napoleon. Er war ein zwölftes Kind und nicht vornehmer als der königliche Leibwächter Ludger von Delaware. Jérôme, der ein Volk regierte, das ihn nicht verstand, gab Ludger einen Batzen, um sich seiner Loyalität zu vergewissern. Er wusste, dass keiner für ihn war und die meisten Vornehmen der Landgrafschaft Hessen, in der seine Hauptstadt lag, sich an Ludgers Stelle für kompromittiert gehalten hätten.

Die königliche Jägerschar setzte sich aus unzufriedenen Männern zusammen. Zu Jérôme hielten lediglich solche, die unter seinem Vorgänger abgerutscht waren. Der König erfuhr bald von einem Komplott und zwar von Ludger, der seinen Verrat mit Gnade vergolten haben wollte. Jérôme versprach, ihn zu schonen. Er sollte nur erst im Verein mit den Loyalen gegen die Aufständischen vorrücken. Ludger steckte dem König, dass der ranghöchste Leibwächter, Wilhelm von Dörnberg, sein größter Widersacher sei und mit den Hofjägern gegen Jérôme losschlagen wolle. Der Aufgeflogene wurde gewarnt, bevor man ihn festsetzen konnte. Er ritt nach Homberg (Efze) und sammelte das Fußvolk ein. Der Bauernhaufen rückte am 22. April 1809 mit mehr Schwung als Kriegskunst vor und scheiterte an Jérômes Jägern. Dörnberg glückte die Flucht mit einem Husarenritt.

Jérôme bestellte die Hochgestellten von Kassel/Cassel ein und schlug ihnen einen Deal vor. Jedem, dem er missfiel, sollte keine ärgere Last für die Wahrheit auferlegt sein als dessen Kündigung. Prompt versprachen alle ihre Treue einem Potentaten, den keiner gern sah.

Um die Homburger zu strafen, legte Jérôme Militär in die Stadt. Er kam selbst und nahm dem am Aufstand beteiligten Stift Wallenstein die Pfründe. Um sich nicht zu verdrießen, unterhielt sich der König mit Ludgers Frau unter vier Augen. Später behauptete Pauline, nur ihrem prekären Mann zuliebe aufgeschlossen gewesen zu sein. Dagegen spricht, dass sie in geheimen Aufzeichnungen ein deutliches Vergnügen an der königlichen Gesellschaft überliefert. Jérôme habe vor ihren Augen in den Champagner gepinkelt, der ihm als Badewasser gereicht worden war.

Die Stiftsdamen ließen kein gutes Haar an Pauline. Insbesondere die Äbtissin Marianne Freiin vom und zum Stein, eine Schwester des Heinrich Friedrich Karl vom und zum Stein, verurteilte die Frau des Verräters.

Beinah zweihundert Jahre später findet es Tillmann Delwa (eine kleinbürgerliche Schrumpfform des aristokratischen Delaware) kaum je angebracht, sich als Nachkommen eines Bonaparte zu outen. Seine Leute sind vor langer Zeit in Frankfurt eingewandert. Tillmann sitzt einmal wieder (professionell arbeitslos und pikfein angezogen) vor dem Feinstaub im Feinstaub, als ihm Buffet-Kurt (bürgerlich K. Schlundheim) eine verbürgte Geschichte auftischt. Ein Vorfahre, Kurt redet von Saukopf Schlundheim, überlebte als einziger seiner Compagnie, einem trittbrettartigen Ableger von William Frederick Codys „Buffalo Bill Entertainment Inc.“, eine Vendetta am Edersee. Schlundheim hatte als Trossmann im Bighorn Basin von Wyoming Büffel abgeschlachtet. Er war der davongelaufene Sohn eines Edertaler Religionsflüchtlings. Man hatte ihn auf Deutsch und nach den Regeln einer niederhessischen Täufer:innensekte erzogen. Die Immersionisten nannten sich Tunker. Saukopf schloss sich Buffalo Bill an, stieg mit ihm ins Showgeschäft ein und zog bald seinen eigenen Laden auf. Er suchte schließlich seine Chancen in Europa, begleitet von dem Schwarzen Stuntman Jim Raymond, der sich in der Gegend von Kassel selbständig machte.

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