Kleine Baguettes

#Leben In ihrer Perspektive erscheinen Chancengleichheitsbehauptungen als Aspekte eines Manövers zur Vortäuschung von Permissivität.
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Zeneca Addo verkörpert die Farmertochter als Fabrikarbeiterin. Subjektiv triumphiert sie über die Mühsal der Eltern als abgeworfene Erblast. Sie freut sich über eine Leichtigkeit aus Pressspan und Miete statt Vollholz und Eigentum. Objektiv gehört Zeneca gemeinsam mit ihren Vorgänger*innen zu den Verlierer*innen der ersten Nachkriegsmodernisierungsphase. Die angestammte Umgebung ihrer Ahnen ging in der Spanne weniger Jahre auf zwei Kontinenten unwiderruflich verloren. Zeneca hat als Tochter einer korsischen Migrantin und einer im Prince William County von Virginia geborenen Weidenkorbflechterin früh gelernt, kleine Baguettes zu backen. Sie verbessert sich in einem engen Rahmen. Im unteren Mittelstand fühlt sie sich gut und sicher aufgehoben. Aus der Erfahrung steter Verbesserungen in kleinen Schritten ergibt sich die Erwartung: meine Kinder werden es noch besser haben. Als künstlich befruchtete Eltern legen sich Zeneca und Maya gemütlich krumm, um den transgenerationellen Aufstieg der Familie einzuleiten. Sie zünden die erste Stufe, indem sie ihren Kindern zu Tür zu Academia aufstoßen.

Das ist die Vorgeschichte, die Zenecas Tochter Jade-Jeta ihrer Therapeutin Brain (nicht Brian) Annabelle Texas Thundergod* im Lockdown Zentrum erzählt. Die Arbeitertochter Jade-Jeta erkennt als Studierende an der FBI-Universität auf dem Gelände der Marine Corps Base Quantico direkt vor ihrer Elternhaustür, dass ihre Kraft auf dem Weg zum Abitur verbraucht wurde. Jade-Jeta erlebt die Aufwertung als Fass ohne Boden, als uferlosen Schlamm. Sie sucht nach einem Platz, um zu ankern, und geht dabei erst einmal in die Vorbeuge der Hilfsbereitschaft. Die Hilflose, in der heimatlichen Hochschule sich selbst fremd Gewordene, unterstützt die extrem dürftig sozialisierte Kommilitonin Clarice Starling. Clarice verdient Geld zu wesentlich schlechteren Konditionen als die Boomer-Protagonistinnen ihrer Muttergeneration. Um diese Misere geht es gerade. Jade-Jeta analysiert kerzengerade die Gefahren eines Aufstiegs ohne Sicherung. In ihrer Perspektive erscheinen Chancengleichheitsbehauptungen als Aspekte eines Manövers zur Vortäuschung von Permissivität.

Auf Zwischendecks des Aufstiegs wartet die Scham. Jade-Jeta flieht vor den Revolverheld*innen ihrer Liga und sucht die Nähe von Leuten, die ihr anscheinend unterlegen sind. Ohne den Hauch einer Ahnung, dass sie abgekocht wird, angelt Jade-Jetta im Trüben der Double-D-Clubhouse-Sphäre. Zumal die Kubanerin Tamara Guevara führt der angehenden Polizistin Trostfiguren zu. Dazu zählt die Empfangsdame einer Anwaltskanzlei, eine Callcenter-Aushelferin und eine Museumswärtin.

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13:48 21.02.2021
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