Koinzidierendes Gravitationsfeld

Literatur Mehr zu Dorothy Wests Roman „Die Hochzeit“ - „Was war dieses Leben bei Licht besehen denn anderes als eine Reihe verpasster Gelegenheiten.“
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„Was war dieses Leben bei Licht besehen denn anderes als eine Reihe verpasster Gelegenheiten.“

Er hat alles erreicht; die harte Tour war tägliches Einerlei. Die Koordinaten seines Lebens basieren auf Entsagung, Verleugnung und Berechnung. Nun, da seine jüngste Tochter Shelby sich anschickt, sich unter ihren Möglichkeiten zu verheiraten, unterzieht Chefarzt Clark Coles (an einem traumhaft schönen Inselmorgen; namentlich auf Obamas Lieblingsferienspot Martha’s Vineyard) das eigene Scheitern einer Untersuchung. Er berechnet die Kosten des Verzichts auf Leidenschaft zugunsten stabiler Verhältnissen, deren koinzidierendes Gravitationsfeld eine gleichfalls kaltblütig kalkulierende, extrem hellhäutige PoC-Gattin garantiert.

„Inzwischen ... hatte (Clark) seit dreißig Jahren den Beweis dafür, dass der Verzicht (auf überschießende Lust) auch kein Glücksgarant war.“

Dorothy West, „Die Hochzeit“, Roman, auf Deutsch von Christa E. Seibicke, Hoffmann und Campe, 23,-

Durch die Blume rät er Shelby zu einer größeren Konzilianz sich selbst gegenüber als er sie für sich hatte. Auch Shelbys ältere Schwester Liz empfiehlt Experimente auf dem Feld der körperlichen Liebe, um der Entschlusskraft Auftrieb zu geben.

Shelby gerät in eine seltsame Lage. Stunden vor ihrer Hochzeit sucht sie den denkbar unpassensten Mann in ihrer Reichweite auf. Der in Heimen aufgewachsene Möbeldesigner Lute McNeil hält das gute Benehmen der Schwarzen Snob Society für ein formelhaftes Ausgrenzungsverfahren. Lute fühlt sich in jeder Hinsicht berufen und überlegen. Er leidet unter dem Wahn einer Penisprädestination. Er kolportiert das Standardprogramm der Vorurteile und fühlt sie dabei als das beste Pferd im Stall.

Was Lute übersieht, macht den Reiz des Romans aus.

In Rückblenden leuchtet West jene Ära aus, als sich aus den Schlafwagenschaffnern und Zimmermädchen eine afroamerikanische Mittelschicht pionierhaft herausbildete. Die biedere Subalternität bildete das Fundament Schwarzer Akademiker:innen. Lehrerinnen, deren Großeltern freigelassene Sklav:innen gewesen waren, heirateten Ärzte, deren Eltern Hausmeister:innendienste verrichtet hatten, und drangen, bewaffnet mit einem neuen Status, zaghaft in die weiße Suburbia ein. Ihre sozialen Marken wirkten wie Ankerplatzbojen.

„Über Generationen hinweg (wurde) allmählich ein ... Lebensstil erlernt, zu dem Sommerhäuser und Seidenkleider (gehörten).“ Diana Evans im Nachwort

Zwischen Disziplin und Verlangen - Was zuvor geschah

„Die Coles hatten mehr Geld, als man ausgeben konnte.“

Shelby, die jüngste Tochter der ehrenwerten Corinne und Clark Coles, bereitet sich auf ein Dasein in der „Dualität zwischen Disziplin und Verlangen“ vor. Die hochwohlgeborene PoC übt sich in der Entschlossenheit, ihren weißen Verehrer Meade gegen alle Widerstände einer schwer versnobten Verwandtschaft zu heiraten. Als Jazzpianist geht Meade in den Augen ihrer Eltern einer „frivolen Beschäftigung“ nach.

Die Familie sieht den Tatbestand eines doppelten Sakrilegs vollendet. Das Nesthäkchen heiratet einen a) Weißen mit b) ungewissen Aussichten. Quelle catastrophe.

Geboren auf einem „elysischen Eiland“, stehen Shelby eine gewaltige Umstellung bevor. Eine ältere Schwester plaudert aus dem Nähkästchen:

„Also gut, wenn du’s genau wissen willst, ich kann mir einfach keinen weißen Mann im Bett vorstellen. So einer hat nichts, was mich erregen könnte.“

Ich hätte das nicht erwähnt, gäbe es nicht noch einen, der von der Überlegenheit Schwarzen Sexes mehr als nur überzeugt ist. Ich rede von Lute McNeil. Hier die Eckdaten:

Geschmeidiges Gespenst

„Zeig mir einen weißen Mann, der einen schwarzen Mann anschauen kann, ohne zu denken: Ich sehe einen Schwarzen.“

Der stattlich-stolze Schreiner und Verführer Lute (ein geschmeidiges, der Unterwelt absoluter Armut entsprungenes Gespenst) bricht skrupellos in das Universum des situierten PoC-Klans der Coles ein. Er schmeichelt jenen, die er verflucht und sogar verdammt, um seinem eigenen genetischen Erbe Geltung zu verschaffen. In Lute steckt der Wille zur Überwindung von Barrieren, der die Coles groß gemacht hat. Nun haben die Etablierten ihren Biss verloren. Sie stecken in der Komfortfalle. Lute reizt ihre Anfälligkeit. Er reagiert auf Nachgiebigkeit wie auf einen Angriff. Seinen drei Töchtern will er all das geben, was die Coles haben.

Lutes perfider Plan sieht die Verführung der schönen Shelby vor. Die reizende Elevin erlebt sich als Verlobte mit einem weißen Künstler auf dem Vorhof eines Bohème-Glücks, das ihre Eltern für unseriös halten, ohne indes mit dem eisernen Besen zu fegen.

Schwarzer Snobismus

Da sind Kinder, die den Unterschied zwischen einer Mutter und einer Haushälterin nicht kennen.

„Hab ich auch mal eine Mutter gehabt? fragte Tina schüchtern. Sie hatte schreckliche Angst davor, dass dies eine dumme Frage sei.“

Sie sind sich immerhin sicher, Töchter eines Schwarzen Schreiners zu sein. Als Sohn einer verantwortungslosen Mutter, die kaum wusste, wer sein Erzeuger war, liegt hinter Lute eine Mündelkindheit.

Nichts kann ihm den Schneid abkaufen. Schwierigkeiten hat Lute allein mit seiner Libido. Sie treibt ihn in die Arme weißer Frauen und sorgt für komplizierte Verhältnisse.

Seine Töchter haben andere Sorgen.

Sie hatte(n) sich schon den ganzen Sommer den Kopf darüber zerbrochen, wieso die Kinder im Oval so selbstverständlich von ihren Müttern sprachen, als hätten sie sie von Anfang an gehabt.“

Das Oval bezeichnet den Schauplatz des Triumphs einer sagenhaften Schwarzen Avantgarde, die in eine weiße Domäne einbrach und sich da bis zur Dominanz selbst übertraf. Inzwischen wirkt ein traditionsbewusster Nachwuchs bildbestimmend. Man ist konservativ und unterscheidet zwischen zweifelhaften Beschäftigungen und ernsthaften Berufen. Das größte Ansehen genießt der Mediziner als Familienmensch und Gesellschaftslöwe.

West schildert eine verschworene Gemeinschaft Schwarzer Snobist:innen. Die Schwarzen Subalternen müssen durch die Dienstbotenpforten schlüpfen. Sie erwartet keine bessere Behandlung als in weißen Herr:innenhäusern.

Zurückhaltende Produktion

Die Geschichte beginnt fabelhaft. Schwarze, die in einer Ringburg des Wohlstands Abstand zu den Normalverläufen halten, verlangen von den vermutlich grundsätzlich Schwarzen Arbeiter:innen der Gegend besser versorgt zu werden als alle weißen Auftraggeber:innen in der Nachbarschaft. Zumal eine Pioniergeneration von Rassenschranken-Überwinder:innen begreift sich als Avantgarde einer Emanzipation, die ein ursprünglich weißes Territorium zur Schwarzen Hochburg werden ließ.

„Eine endlose Kette belangloser Aufgaben, die Vorrang hatten, besonders im Oval, dessen Bewohner Schwarze waren und daher auf bevorzugte Behandlung Wert legten.“

Dorothy West (1907-1998) war die letzte Repräsentantin der Harlem Renaissance. Ihr ebenso schlankes wie durchschlagendes Œuvre bezeugt eine zurückhaltende Produktion. West debütierte in den späten 1940er Jahren, der zweite Roman 1995. Eine neue Übersetzung bietet den Anlass, sich mit dem Spätwerk auseinander zu setzen. Einer Einführung entnehme ich, dass die Autorin als Chronistin der gehobenen Mittelschicht davon Abstand nahm, Unterdrückung und Armut mit ihrer Begabung zu kombinieren. Die letzten fünfzig Jahre ihres Lebens verbrachte sie auf Obamas Lieblingsferieninsel Martha’s Vineyard.

„Die Hochzeit“ spielt an einem einzigen Tag auf Martha’s Vineyard in den 1950er Jahren.

Aus der Ankündigung

Shelby und Meade wollen heiraten. Doch in dem elitären Zirkel auf Martha's Vineyard sind nicht alle mit der Verbindung einverstanden. Denn Shelby stammt aus einer Schwarzen Familie – und Meade ist weiß.

Ausgehend von einem Sommertag erzählt Dorothy West aus dem Leben von fünf Generationen einer Schwarzen Familie. Die junge Shelby, Augapfel der Schwarzen Gemeinschaft auf der Insel Martha’s Vineyard, will den New Yorker Jazzpianisten Meade heiraten. Doch Meade ist weiß und hat in den Augen der Familie Cole wenig zu bieten. Sollte es nicht lieber ein Mann aus den eigenen Reihen sein? Die Insel-Gemeinde besteht aus einem elitären Zirkel der Schwarzen Bourgeoisie. Die Angst vor Veränderung ist hier groß, und sie trägt ihre Wurzeln in langen Jahren der Unterdrückung. Doch am Ende muss Shelby die Entscheidung treffen, ob sie ihrem Herzen folgt, und wohin es sie führt.

Die Wiederentdeckung eines großen Klassikers der afroamerikanischen Literatur.

Zur Autorin

Dorothy West gründete 1934 die Literaturzeitschrift Challenge und war Mitbegründerin der Schwarzen Literaturbewegung "Harlem Rennaissance". Als Schriftstellerin feierte sie große Erfolge in den frühen dreißiger und vierziger Jahren. Mit The Living is Easy erschien 1948 ihr erster Roman. Ihr zweiter Roman, Die Hochzeit, erschien 1995 erstmals in den USA und wurde zu einem internationalen Bestseller. Nachdem sie viele Jahre auf Martha's Vineyard gelebt hatte, verstarb Dorothy West 1998 in Boston.

07:48 14.06.2021
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