Kollegensex

Literatur "Die Polizisten" von Hugo Boris - Der beste Polizeiroman, seit George Simenon nicht mehr für die Gegenwart zuständig ist.
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„Das Blut auf ihrer Diensthose ist nicht ihr eigenes.“

So beginnt ein Polizeiroman in glänzender belgisch-französischer Manier. Das Flair der Simenon-Romane, das Licht der Melville-Filme, die melancholische Härte des von Grund auf desillusionierten, mit dem Milieu verwandtschaftlich vertrackt-vertrauten Flics, die Monumentalität von Gabin bis Ventura tauchen in Transformationen der Gegenwart wieder auf. Aristide ist ein Typ wie der junge Gérard Depardieu, ein atavistischer Durchbruch der Ordnung in der Uniform eines Garanten der Ordnung. Sein Chef, der geborene Mittelstreckenläufer Érik, erinnert an André Bourvil als Commissaire Mattei in „Vier im roten Kreis“. Auch wenn der Roman das nicht zugibt, verkörpert Érik die bewaffnete Sturheit der Korsen; eine kriegerische Art zivil zu sein, die sich mit einer pedantischen Beachtung der Vorschriften tarnt. Nie käme der Mann auf die Idee, weibliche Untergebene ohne männliche Begleitung auf Streife zu schicken. In der „Männerumkleideatmosphäre“ der Dienststellen stecken alle Polizistinnen in Mehrfachklemmen. Bei voller Schmerzzuteilung und sonstiger unterbezahlter Überforderung erhalten sie nie die volle Anerkennung. Während sich Männer in den Routinen uralter Rituale abreagieren, sich in Rülpswettbewerben zu ihrer Entlastung überbieten und ihre „Desensibilisierung als Resilienz“ falsch verstehen, verstummen die Kolleginnen oder kehren zum steinzeitlichen Reiz-Reaktionsschema zurück.

Virginie sucht ihre Rolle auf einer Außenbahn. Sie garniert Anpassung mit Autonomiebehauptungen. In ihr rumort nicht zuletzt die Erinnerung an einen Vater, der seinen Sohn zur Strafe in den Kühlschrank steckte und ihn da vergaß. Virginie wechselt die von fremdem Blut kontaminierte Uniform nach einer schweren Auseinandersetzung, in der sie keine gute Figur abgegeben hat und Ériks Vorbehalte von ihren Reaktionen bestätigt wurden. Virginie ist verheiratet, Mutter - und schwanger nicht von ihrem Mann. Der Abtreibungstermin steht fest. Er verändert das Betriebsklima, denn Aristide möchte in der schrägen Verbindung gern Vater werden, ohne den Gatten spielen zu müssen. Der Prachtbulle will, dass Virginie das Polizistenkind dem Ehemann unterjubelt. Vielleicht habe ich etwas überlesen, jedenfalls verstehe ich nicht, wieso sich Aristide so sicher ist, dass Kind gezeugt zu haben.

Ach so, der narrative Dreh verspult die Information, dass Virginie die Pille nur einmal zu nehmen vergessen hat, mit einem passenden Datum.

Keine Rückkehr nach Roissy

Der Korpsgeist gibt der Kumpanei, der reduzierten Humanität und dem Kollegensex einen brüchigen Rahmen. Der Rahmen bricht, als Virginie und Aristide einen abgelehnten Asylbewerber am Flughafen Charles de Gaulle aka Roissy „abladen“ sollen. Asomidin Tohirovs Abschiebung ist rechtswidrig. In seiner Heimat erwartet den Tadschiken der Tod. Die Polizist*innen wissen das.

Hugo Boris, "Polizisten", Roman, aus dem Französischen von Amelie Thoma, Ullstein, 189 Seiten, 20,-

13:52 10.08.2018
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