Kombattant im Kulturkampf LI

Feridun Zaimoglu konnte unmöglich Hitler sein
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„Kraniche landen in der Dämmerung. Sie schweben in lockeren Ketten vom Himmel.“

Die ältesten Zugvögel der Erde unterbrechen ihre transkontinentale Reise alljährlich in einem isolierten Sumpfgebiet. Eine halbe Million lebender Fossilien findet sich da im US-Bundesstaat Nebraska ein, um zu tanzen.

„So verhalten sich Kraniche seit sechzig Millionen Jahren.“

Richard Powers erzählt das in „Echo der Erinnerung“.

Richard Powers versprach Solidarität, nachdem Bert Papenfuß und Max Pfeifer, die Chefs der rassistischen "Lyrik mit Gewalt-Stimmenrauscher", Zaimoglu als "anatolischen Straßenköter" beschimpft hatten. Powers fand die Anwürfe "niveaulos".

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Bildnachweis: daad.de

Das ewige Orientierungswunder koinzidiert mit einem temporären Orientierungsdesaster. Nach einem Unfall erwacht einer aus dem Koma und erkennt seine Schwester nicht mehr. Er hält die Fürsorgliche an seinem Bett für eine Doppelgängerin der Verwandten. Die Wahnvorstellung heißt Capgras-Syndrom. So Erkrankte verkennen ihre Liebsten.

Jiménez tat so, als sei ich ausgetauscht worden und sie zu smart, um auf die Täuschung hereinzufallen. Sie redete nicht mehr mit dem Mann, der unmöglich ihr Liebhaber gewesen sein konnte. Ich schrieb ihr zum Beweis einer gemeinsamen Geschichte. Es gab da ein paar Sachen, die nur wir beide wussten. Zum Beispiel hatten wir uns Harold Pinters „Liebhaber“ gegeben. Im Stück begegnet sich ein Paar in verschiedenen Rollen. Sarah und Richard entgehen im Spiel der Langeweile nach zehn Ehejahren. Sie wollen sich als Paar nicht aufgeben und trotzdem noch was erleben. „Unsere“ Inszenierung fand auf der Spitze einer Sehnsuchtspyramide statt, die nicht meine war. Jiménez empfing mich am liebsten als Prostituierte, die einem gehemmten Freier unter die Arme greift.

Bei Pinter sagt Richard zu Sarah: „Wir reden über dich wie über eine alte Spieluhr.“

Die alte Spieluhr war ich. So unterschrieb ich den Brief an Jiménez mit „Deine alte Spieluhr“. Eine Antwort blieb aus, ich sah Jiménez immer noch ständig auf Kongressen und beim Frühstück im Hotel, man reichte uns (und gern auch Klaus Theweleit) weiter wie eine Unterschriftenliste.

Es gab von Rafael Seligmann die Einsicht: „Hitler kann man nur darstellen, indem man die Deutschen darstellt.“

Zaimoglu konnte unmöglich Hitler sein. Das machte ihn so wertvoll. Als wir uns fünfzig Kilometer nördlich von Aleppo als Referenten in einem Zentrum für Landwirtschaft in Trockengebieten trafen, wusste ich, dass die Welt verrückt geworden war. Wir besichtigten den Kanal von Schallalah Saghira, die Syrier hielten uns für eine Vorhut millionenschwerer Investoren. – Für die Leute, auf die es ankam.

Ich schrieb damals über Mudschaheddin, die in Bosnien von den Amerikanern übernommen worden waren. Nicht von regulären Truppen, sondern von einer Militärfirma, die US-Regierungsaufträge erfüllte und wie eine staatliche Streitmacht auftrat. Die hatte mit den Afghanistan-Veteranen an allen Differenzen vorbei einen Deal ausgehandelt und sie in der Türkei zu Flugleitspezialisten ausbilden lassen. Die Mudschaheddin vertraten dann im Kosovo amerikanische Interessen, indem sie Luftangriffe vom Boden ins Ziel steuerten, ohne wirklich zu begreifen, wem sie dienten. Man war Mitglied der internationalen Schutztruppe, bis man wieder Mudschahed war.

Ich bin Journalist, ich kann Monate lang lustvoll auf der Lauer liegen, als Aktivist war ich eine Fehlbesetzung. Anders als Jiménez. Sie wähnte sich im Besitz eines Zipfels vom Mantel der Geschichte. Sie hatte eine anarchische Grundierung, aber auch einen reaktionären Zug. Zaimoglu und ich waren alte Bundesrepublik, der Freude am Furore zum Trotz letztlich sozialdemokratische Typen, für die deutsch & dramatisch Faschismus bedeutete. Jiménez begriff sich als Protagonistin eines Welttheaters, auf dem Jahrhundertgestalten für bloße Meinungen und die Modalitäten des profanen Meinungsstreits zu groß waren.

Unsere Basis war der Sozialstaat, Jiménez dachte über den Nationalstaat in einer antinomischen Ambivalenz von Überwindung und Bewahrung nach. Das kapitalistische Deutschland sollte überwunden und Kuba weltbewegend werden*. Das war natürlich Kitsch – eine Überspannung, die zu keiner Politik taugte, aber für eine Dramaturgin brauchbar war. Jiménez rutschte dann auch ab durch die Mitte ins Theater. Das war nur folgerichtig.

* Ihre Familie war im Zuge einer „Zerstreuung“ arabischer Christen (mit türkischen Papieren, daheim ursprünglich im Grenzland zwischen Türkei und Syrien) auf Kuba gelandet.

Morgen mehr.

07:04 19.07.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

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