Kombattant im Kulturkampf LII

Feridun Zaimoglu spielte mit Berthold Mayrhofer in Kassel
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„Die Fülle der Arbeit verführt nur zu leicht, die vitale Mechanik einzusetzen.“ Peter Suhrkamp über Siegfried Unseld zu Hermann Hesse

Gunter Hampel war für Nordhessen das Genie von nebenan

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Bildnachweis: parisjazzcorner.com

Bei Freyschmidt war Bücherklau einfach. In den Stehcafés musste geraucht werden. Viele hielten sich für letzte Rock´n`Roller. Mit dem Bock auf den Bordstein zu rumpeln und die Nummer mit dem breiten Kreuz abzuziehen, war für akkurates Verhalten ein Beispiel. Der Helm wurde am Oberarm getragen, eine Metallbeule mit Signalcharakter. Alles andere erschien zu kompliziert.

Bertholds Welt war das nicht. Er hörte Jazz, ich hörte ihm zu. Natürlich wussten wir nicht, wie verspätet unsere Abwehr war. Wir gingen in die 10c und nach der Schule in ein Stehcafé an der Treppenstraße, wo außer ein paar Mädchen, die uns nachahmten, eine Hardcoretruppe aus dem öffentlichen Dienst zusammenkam. Die Rauthausrabauken husteten ihren Raucherhusten. Sie hassten Oberschüler. Ausnahmslos in der SPD, die in Nordhessen „Betonfraktion“ hieß, bedauerten sie, dass der Arbeitsdienst von der Liste pädagogischer Maßnahmen gestrichen worden war.

Berthold war der Abwartende, seinem Wesen nach Skeptiker. Die spektakulären Typen sahen anders aus. Freunde fanden Berthold unbeweglich bis zum Starrsinn. Sie ignorierten den Prüfungszwang, der ihm ständig Gehaltsuntersuchungen des allgemeinen Geplappers abverlangte.

Sein Vater war was. Es gab ältere Geschwister, ein Schwimmbad im Haus. In den Siebzigern verbarg sich solche Gediegenheit. Jedenfalls entzog sie sich meinem Blick, wenn ich Berthold besuchte. Er besaß einen elektrischen Kontrabass mit rautenförmigem Resonanzkörper. Seine Abnabelung vom Rock war mit vierzehn vollzogen. Wie ein Relief prägten sich Adernnester auf den Händen aus. Die Mimik wiederholte die Anstrengung des Spiels. Am Instrument erschien Berthold als furioser Träumer.

Meine musikalische Unempfindlichkeit gefährdete die Freundschaft nicht. Berthold stand der Sinn nicht nach Verbrüderung. Er suchte Erklärungen für das Ausschließliche, das ihn verkapselte und wegdrückte vom Normalverlauf, den er vernünftig fand. Von Künstlerlegenden glaubte er kein Wort. Er brachte die zweifelhafte zahnmedizinische Versorgung eines freien Musikers zur Sprache. Er bemerkte, was sonst keinem auffiel: den schlechten Zustand der Zähne mancher Musiker über dreißig.

Bertholds Umsicht traf auf meinen Eskapismus. Für mich bedeutete dreißig tot. Ich musste mich nie revidieren. Ich höre schon lange den Bonustrack meines Lebens. Er unterhält mich gut, aber mehr ist nicht. Nur wenn ich auf der Jagd bin, fällt mir manchmal wieder ein, was Heißhunger bedeutet. …

Berthold kam ohne Großartigkeit aus. Er trat mit einem Keyboarder auf, dessen Technikerausstrahlung den Stil der genagelten Cowboystiefel und zwölfsaitigen Westerngitarren konterte.

Das Besondere kündigte sich an. Mädchen fanden Berthold gut, die sonst nur Häuptlinge begehrten. Unsere Gespräche kreisten um die Frage, ob wir uns bei etwas Vorübergehenden beobachteten. Berthold wurde immer sachlicher. Fabelhafte nächtliche Begegnungen fanden statt. Wir trafen uns im „Last Penny“, da tanzten afroamerikanische Soldaten auf Soul. Stoisch sahen wir zu, wie Männer und Frauen sich mit ihren Ärschen rammten. Die Frauen kamen aus dem Kasseler Osten, wir nannten sie Zwillen. Zwanzig Jahre später spielte Berthold da, das „Last Penny“ war nun KA-Zentrale mit kurdischem Café.

Berthold spielte und Zaimoglu sang. Nein, Zaimoglu spielte auch: vielleicht zum letzten Mal den Aktivisten in erster Linie. Berthold verschwand fast hinter einer Riesenschüssel, ich spielte auch mit – als „Thomas Mann von Kassel“. Der Kulturdezernent hatte mich mit so vorgestellt, keiner hatte gelacht. Wer war Thomas Mann?

Seine Unbeweglichkeit am Bass hatte Berthold aufgegeben. Sein Spielgesicht zeigte extreme Regungen. Kein Mensch konnte ihm bis zum Nil seiner Empfindungen folgen.

Ich erinnerte mich an einen Abend im Café Filou 1980. Das Lokal lag mit dem Rücken zur Stadt. Ein Park wuchs zum Tresen hin. Jeder kannte jeden. Viele waren schon auf dem Sprung. Mara, Nina, Iris und Daniela hatten das Gepäck für Amerika dabei. Die Siebzigerjahre waren mit den Schulbüchern Gerümpel geworden.

Auch sie war ein Genie aus Kassel und auf dem Weg nach Amerika - Mara Neusel

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Bildnachweis: Privat

Bertholds Jazz war nun kompliziert, eine Abstraktionsübung. Eine Melodie wurde angespielt, Swing erfasste sofort alle. Dann kam, wofür Berthold täglich fünf Stunden übte: free gebändigt. An sein Publikum wandte er sich mit Ironie. Die Ironie verbarg den heiligen Ernst. Zuhause trainierte Berthold mit Krach vom Kassettenrekorder das Anspielen gegen eine Geräuschwand.

Unser Mann am Bass - Berthold Mayrhofer

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Bildnachweis: jazzverein.de

Er hat an der Kasseler Musikakademie studiert, mit Gunter Hampel gespielt. Kneipen, in denen er auftritt, nennt er Clubs. Die Jahre erschöpften den Enthusiasmus einiger Freunde. Ausflüge in die weite Welt endeten an den Grenzen individueller Möglichkeiten. Das Klägliche und das Biedere krochen aus dem Saum der abgelebten Jugend. Berthold blieb davon unangefochten.

Morgen mehr.

06:15 20.07.2015
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