Kombattant im Kulturkampf LIII

Feridun Zaimoglu sprach gern zum Thema "Migration und Hirnforschung"
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Sie nannten ihn Terminator. Seine Moral hieß Reuelosigkeit. Der Terminator verwirklichte sich selbst mit Gewalt. In einem lateinamerikanischen Bürgerkrieg ging er gegen so genannte Terroristen vor. Später wurde er Abgeordneter und verkehrte widerwillig mit ehemaligen Gegnern auf gesellschaftlicher Ebene.

Horacio Castellanos Moya war auf der Flucht

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Bildnachweis: quarterlyconversation.com

Für das waffentragende Fußvolk war Politik zu allen Zeiten die große Lüge gewesen. In der Politik, so sagte es der Terminator, wurden Siege (im Gefecht) annulliert. Das verbitterte ihn, inzwischen tötete er auf eigene Rechnung. Er erzählte mir seine Geschichte in Paris, ich fragte, wo der Unterschied läge zwischen ihm und einem „Terroristen“.

Die Frage verdutzte ihn, dem Terminator lag Zynismus fern. Er hielt sich auch als Privatier für eine staatstragende Kraft, für einen von den Guten.

Der Terminator hasste Schriftsteller, er stellte Leuten wie Horacio Castellanos Moya nach.

Wir besaßen in Frankfurt eine sichere Wohnung. Eine Weile nutzte sie Horacio. Er hatte mit der Thomas-Bernhard-Paraphrase „Der Ekel“ in seiner Heimat tödlichen Unmut auf sich gezogen. Er steckte in den Anfangsgründen der deutschen Sprache fest, deshalb wohnte er mit seiner Dolmetscherin zusammen. Elena nannte den safe place paranoia locker room. Wir hatten ihn mit einer Einzelspende finanziert. Uns war eine Parteigründung nahegelegt worden.

Horacio persiflierte Typen im Stil des Terminators. Er wollte unbedingt Albert Lee im „Sinkkasten“ sehen. Albert Lee war der „Lieblingsgitarrist aller Gitarristen“ (Bill Wyman). Er hatte eine Vorliebe fürs Melodische. Er spielte schön und schnell und von oben herab. Dass man begnadet war, wusste man nicht erst seit gestern. Man hatte mit Buddy Holly gespielt, mit Jerry Lee Lewis und Alvin Lee.

Seine erste Platte hatte Albert Lee 1962 aufgenommen. Es war umwerfend zu sehen, wie abgeklärt man perfekt sein kann.

Albert Lee

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Gerhard Roth setzte sich zu uns, wir hatten die Konferenzplattform vor der Bühne. Lara strahlte mit Elena um die Wette. Ich stellte mir den Wettbewerb anstrengend vor.

Ein Pate meines Denkens - Gerhard Roth/Hirnforscher

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Bildnachweis: blog.comteamgroup.com

„Migration und Hirnforschung“ war mein Lieblingsthema. Roth stellte mir Apparate in eine Aussicht der nahen Zukunft, die genau zeigten, wie das Hirn mit der Hand zusammenspielt. Mir gefiel die apodiktische Art seines Vortrags. Elena machte sich gut im Ensemble, „es gab keinen Dualismus von Geist und Gehirn, sondern nur einen funktionalen Unterschied zwischen bewusstseinsfähigen und nicht bewusstseinsfähigen Hirnzuständen“(Gerhard Roth).

Roth war ein Pate meines Denkens. Seine selbstgewisse Silberrückenhaftigkeit fand ich vorbildlich. Von den guten Gründen, die das menschliche Verhalten nach Roth nur vorgeblich, gleichsam zur Beruhigung der Vernunft steuern, behauptete Lara, sie könnten sich nicht restlos als post hoc Rationalisierungen erklären lassen.

Roth winkte ab, Lara resignierte dekorativ. Es kam ihr doch gar nicht darauf an, gegen Roth zu bestehen. Sie wollte seine Potenz erleben und seine Überlegenheit genießen. Von Roth wusste ich:

„Wir haben das große Gehirn, um herauszufinden, was andere gegen uns im Schilde führen.“

Roth nannte das „machiavellistische Intelligenz“. Aus diesem Verständnis (von Intelligenz) ergeben sich alle Handlungsbegründungen nach unfreien, da im Gehirn vor-geschriebenen Legitimationsabsichten gegenüber der Horde.

„Ich weiß, was du denkst“, kicherte Lara. Sie drückte ein beschlagenes Glas gegen die Stirn.

Eine Abräumerin schlenderte vorüber, Albert Lee hatte auch mit den Everly Brothers und Emmylou Harris gespielt. Sein Stil stammte aus südlichen Sümpfen. Bluegrass fusionierte mit Southern Rock. Die Melange kam als beschleunigte Volksmusik druckvoll an. Elena tanzte.

Morgen mehr.

06:46 21.07.2015
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