Kombattant im Kulturkampf LIV

Feridun Zaimoglu im Gespräch mit Goethe
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Ich fuhr zum Fuchstanz, da hatte sich Uwe Gruhle, die graue Eminenz des Eichborn Verlags, umgebracht. Nachdem er ein Buch über Selbstmord geschrieben hatte. So gründlich war der Mann.

Uwe Gruhle - Er gründete gemeinsam mit Vito von E. den Eichborn Verlag im Sachsenhäuser Landwehrweg.

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Bildnachweis: reimaroltmanns.eu

„Denn was ist eine Novelle anderes als eine unerhörte Begebenheit.“

So auf den Punkt brachte Goethe die Novelle in einer von Eckermann 1827 festgehaltenen Bemerkung. Die Novelle ist eine Form der Neuzeit ohne antikes Vorbild. Sie verlangt das Ereignis von schicksalhafter Bedeutung als Neuigkeit. Attraktiv erschien die Vorgabe deutschen Autoren nicht, 2001 erschienen sieben Titel, die als Novellen ausgewiesen waren.

„Lass uns Novelle schreiben“, schlug ich Zaimoglu vor. „Novelle ist als Gattungsbezeichnung ein echter Stutzer.“

Nach Schiller ist „die Jugend schnell fertig mit dem Wort“. Mir schwebte ein Abriss des Kulturkampfs gegen die von Max Pfeifer und Bert Papenfuß angeführten „Stimmenrauscher“ vor. Die Linksrassisten gingen uns schon fast ein Jahr auf die Nerven. Es hatte Zusammenstöße gegeben, ich hatte der gerechten Sache einen Schleimbeutel geopfert und fünf Tage im Krankenhaus verbracht. Auf der „Stimmenrausch“-Tagesordnung stand nicht weniger als angekündigter Totschlag in zwei Fällen. Zweifellos war das eine unerhörte Begebenheit. Ihren Anfang genommen hatte sie an einem Tag im Dezember. Während ich meine Übungen im Schlosspark von Niederschönhausen machte, bemerkte ich einen Mann im Zustand gereizter Geringschätzung. Er war stattlich und so stattlich beobachtete er mich. Genauso. Er verlangte Aufmerksamkeit, er wollte als außerordentliche Erscheinung wahrgenommen werden. So geht man nicht auf die Jagd.

Der Fuchstanz im Taunus - Ein Ziel zwischen Feldberg und Altkönig

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Bildnachweis: fuchstanz-taunus.de

Da nimmt ein Blinder Maß, dachte ich. Es hatte Drohungen gegeben, sollte der es sein, dem Wort Taten beizubringen. Ich war nicht im Geringsten beunruhigt oder unaufmerksam.

„Stimmenrausch“ war ein lyrisches Rassismusprojekt von Bert Papenfuß und Max Pfeifer. Es richtete sich explizit gegen Zaimoglu und mich. In Elaboraten zwischen Gedicht und Manifest wurden moralische Begründungen für die Gewalt gegen uns festgeschrieben. Wieder und wieder - wir hatten es mit Besessenen zu tun. Beleidigungen paarten sich mit Belehrungen. Die Belehrungen erfüllten die Aufgabe, die Beleidigungen zu rechtfertigen.

Es gab die verdoppelte „Stimmenrausch“-Suggestion: Wir wissen, wo dein Haus wohnt. Wir kennen deinen Tag und deine Wege. Das war „hyperpessimistischer Aktionismus“. Foucault entwickelt den Begriff in einer Auseinandersetzung mit dem Terrorismus. Das passte, die „Stimmenrauscher“ lehnten den Rechtsstaat ab.

Der Stattliche fuhr just in dem Moment auf einem Fahrrad ab, als die „Stimmenrausch“-Hauptprotagonistin die Schlossparkmagistrale passierte. Ich wusste also sofort Bescheid. Der Blindgänger hatte die Hosenbeine aufgekrempelt – ein Manierismus im „Spur der Steine“-Stil. Man sollte seine Handfestigkeit an den Schäften erkennen. So manieriert kam mir der „Stimmenrauscher“ ein paar Tage später furios hinter der Volksbühne entgegen. Das „Stimmenrausch“-Fiasko war vollendet, bevor mich der Schläger erreichte. Ich wusste, wo er hingehörte.

Ich sagte zu ihm: „Man kann nicht aus dem Nichts kommen und in der Berliner Nacht unerkannt verschwinden wollen, wenn man vor dem Furioso seine Visitenkarte abgegeben hat.“

So kam ich zum ersten Satz der Novelle. Zugleich fühlte ich „eine Armee in meiner Faust“ (Schiller).

Ich war damals noch an einer anderen Sache dran, ihr erinnert euch an die slowenische Quartiermacherin Viera. Sie schleuste Illegale aus Osteuropa ein und brachte sie als Kindermädchen und Altenpflegerinnen im hessischen Mittelstand unter. Im Frankfurter Speckgürtel lebten zweitausend Entrechtete. Sie wurden übersehen, nach dem Rechtsempfinden (gesunden Menschenverstand) der Mehrheit waren sie so etwas wie Steuerhinterziehung. Also Notwehr! Denisa versorgte eine Neunzigjährige, die im Haus ihrer Tochter (und ihres Schwiegersohns) wohnte. Sie wusch, kleidete und fütterte die Alzheimerpatientin. Denisa sah mit der Greisin fern und schlief ihr nah.

Ihre Arbeitgeber waren Architekten, ein selbständiges Paar, Denisa unterstützte mit dem Lohn Eltern und Geschwister. Ein deutscher Pflegedienst hätte ein Vermögen verschlungen. Denisa schob ein unglaubliches Dienstpensum für elfhundert Mark pro Monat. Ohne jeden Versicherungsschutz. Eine Europäerin wie alle, mit abgeschlossener Berufsausbildung – am Arsch der Verhältnisse. Wegen falsch geboren.

Denisa begriff die Ungleichheit ohne Groll. Sie war dankbar für den Job, sie verstand sich gut mit den Architekten. Sie sprang als Kindermädchen ein. Das war „Abwechslung“.

Ich war auch Abwechslung. Denisa brachte mich mit illegalen Altenpflegerinnen zusammen, die den Anschein der Legalität als Haushaltshilfen verpasst bekommen hatten. Die Frauen kriegten ungefähr das, was „Beschäftigte in Privathaushalten“ erwarten können. Keine klagte. War alles in Ordnung. War weit besser als prima.

Das letzte Gespräch führte ich in Bad Soden. Ich fuhr dann zum Fuchstanz, da hatte sich Uwe Gruhle, die graue Eminenz des Eichborn Verlags, umgebracht. Nachdem er ein Buch über Selbstmord geschrieben hatte. So gründlich war der Mann. Ich lief mir die Ratlosigkeit von den Haken.

Morgen mehr.

06:26 22.07.2015
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