Kombattant im Kulturkampf LIX

Feridun Zaimoglu spricht über junge deutsche Kunst in London
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Dawn Fraser - Die erste Frau, die 100 m Freistil unter einer Minute schwamm

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Wir waren in London, Jeminénz schleppte uns zu der Ausstellung „Heimweh – Young German Art“ in die Galerie Haunch of Venison. Fascho-Symbole auf vielen Wänden. Kruder Schnickschnack. Die Geschichte als Wurst im Darm von Hauptsache heftig. Die Galerie war gerade zum Ableger des Auktionshauses Christie’s geworden und unsagbar angesagt. Ich erkannte Stephen Cambone,

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einen Rechtsausleger im Gefolge von Donald Rumsfeld. Guantanamo, Abu Ghraib – geheime Gefängnisse. Leute wie Cambone dachten sich so was aus. Vor der Tür standen Sechzigerjahre-Rolls-Royce-Coupés, als einfacher Millionär verkörperte man vor Ort den kleinen Mann.

Ich wusste, was als nächstes im Kunstmarkt aufrauschen würde: die Rumpfpyramiden von Abu Ghraib. Männer an Leinen. Sexuelle Erniedrigungen sind niemals Verlegenheitslösungen überforderter Folterer. Unser Scout, ein Hamburger namens Denis, der sich entweder Deniz oder Eastender nannte, auf Kanakster machte und in London lebte, bezeichnete den Auftrieb in der Galerie als „miese Party“. Er lebte in No-Go-Bow und betrachtete sich als Spezialist für die Feinheiten der Realness. Es war klar, dass er uns für Poser hielt und sich für den Mann mit der Zugangsberechtigung für das „Echte“.

Bow Road in London

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Für „echte“ Straßenmusik, gemacht von Pendlern zwischen Jugendarrestanstalten und Eckensteherstandorten. Der heißeste Scheiß hieß „Grime“ angeblich, Denis entschlüsselte uns den aktuellsten Urban Patois. Aber vielleicht war das auch schon wieder Schnee von gestern und Denis, der Vorletzte, der es mitgekriegt hatte.

Zaimoglu und ich begriffen uns durchaus als Männer mit Attitüde. Die Attitüde gestattete es nicht, auf Gelenkter oder Mitläufer umzuschalten und irgendein Londoner Ding verkleinert heim zu schaukeln. Wir konnten nicht einfach hinter jemandem ein Gebiet aufsuchen, der behauptete, ohne mich ginge hier für euch gar nichts.

Erklärung ist Kitsch und Meinung Lüge – Lara band ihrem Mann Bären auf, um im Beat zu bleiben. Sie wollte sich nicht scheiden lassen. Ich glaubte nicht mehr daran, dem Gatten verborgen zu sein. Vermutlich ging Lara unter Aufsicht fremd. Ihr Lebenshunger fraß sich für den Herbst Winterspeck an. Das war gar nicht dumm, irgendwann würde sich ein bewährtes Ehepaar zu seiner Unterhaltung erzählen, was ihm so dazwischen gekommen war an Geschlechtsteilen und Eigenschaften.

Beständigkeit ist Trumpf – nichts gegen amouröses Entertainment. Lara und ich waren auf dem Trip der Endorphine und immer in Laufschuhen unterwegs. Raus aus der Galerie und ab ging die Lara. Fragt mich nicht nach Sonnenschein. Sport und ständige Aufladungen steigerten das Sein und förderten den sexuellen Appetit. Im Gegenzug verminderte sich die Alltagstauglichkeit. Die Frustrationstoleranz sank. Unlust war bald gar nicht mehr auszuhalten. Ein falsches Wort, ein leerer Kühlschrank, eine Belastung am Arbeitsplatz, ein Tiefbecken voller Geschirr (mit Kruste) … und schon musste wieder was Fantastisches hochgefahren werden, so ein Wahnsinn wie das Interview mit Mickey Rourke in Los Angeles. Lara legte sich Fragen zurecht, sie wollte super vorbereitet sein.

„Wie sagt das man das auf Englisch?“

„Ist das eine gute Frage?“

Ich frage: „Möchtest du als Interviewerin genannt werden?“

„Das geht nicht, weißt du doch.“

Ich liebte diese Ausflüge ins 19. Jahrhundert, die Macht der Ehe und des Mannes, der fortgesetzt und auf die lustvollste Weise hintergangen -, aber als letzte Instanz nicht in Frage gestellt wurde. Schließlich war man die kürzeste Zeit seines Lebens dreißig.

Dreißig war das „Verfallsdatum“. Man darf sich Lara nicht ohne Humor vorstellen. Sie lachte über ihre Ängste, doch lachten die Ängste nicht mit. Die Ängste sagten: „Gibt keine Extrawurst. Wenn du erst alte Mode bist, dann kannst du dich selbst nicht mehr leiden.“

Heute wissen wir, dass die Ängste gelogen haben. In Los Angeles sah ich Shane Gould zufällig auf der Straße. Die Australierin hatte 1972 in München (fünfzehnjährig) drei Goldmedaillen (+ 1 x Silber u. 1 x Bronze) gewonnen. Ich bat um ein Autogramm, ein blondierter „Goldfisch“ zeigte sich erstaunt. Eine andere Australierin, Dawn Fraser, war als erste Frau hundert Meter Freistil unter einer Minute geschwommen. Ich erinnerte mich an Shane Goulds amerikanische Rivalin Shirley Babashoff. Lara wunderte sich, sie stieß sich an meiner Begeisterung für eine alte Schwimmerin. Wir sahen auch noch Georg Ringsgwandl, wo kam der nur her?

Morgen mehr.

07:14 27.07.2015
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