Kombattant im Kulturkampf LV

Feridun Zaimoglu begegnet der Apfelweinkönigin im Garten der Stalburg
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Fehlanpassungen an Misserfolge nennt die Wissenschaft maladaptives dysfunktionales Post-Event-Processing. Gerhard Roth erklärte uns das als Schlüssel zum Verständnis der „Stimmenrauscher“.

„Die hängen in einer maladaptiven Schleife. Wenn denen keiner hilft, laufen die heiß bis zur Verdampfung.“

Roth war unser Mann für Neuroethologie, er beriet uns im Kampf gegen die Rassisten.

Ich weiß nicht, ob ich euch das schon erzählt habe, jedenfalls hatte Zaimoglu heimlich Zuneigung gefasst. Karoline von Günderrode (1780 – 1806)

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gab seiner Sentimentalität ihren Namen. Zaimoglu schrieb ein Gedicht mit dem Titel: „Von ihrer Sehnsucht ich sie erlöste“. Karolines Sehnsucht war tödlich. Sie nahm sich das Leben, nach einem Leben, das von der Aussicht auf Selbstmord erleuchtet worden war. Der Stiftsdame* fehlte der Sinn für „Weiberglückseligkeit“. Sie kultivierte ein männliches Pseudonym, Bettina Brentano nannte Karoline „Günther“. Sie träumte in männlichen Rollen.

*Daheim war Karoline von Günderrode im Cronstett- & Hynspergischen ev. Stift am Rossmarkt zu Frankfurt am Main.

http://www.cronstetten-haus.de/index.php

Unterstützung gegen „Stimmenrausch“ kam ferner von völlig unerwarteter Seite. Arthur von Rheinthal, Kanzler eines klandestinen Ablegers der „Alten Limpurg“, brachte den Vorschlag an, einen Marlowe im Agenturformat auf Papenfuß & Konsorten anzusetzen. Zaimoglu hielt das für eine gute Idee, ich wollte lieber selbst recherchieren. Der Adelsverein Alte Limpurg war 1357 als „Stubengesellschaft Zum Römer“ gegründet worden. Die Assoziation zierte sich, den reichsten Frankfurter seiner Zeit und einen meiner Ahnen aufzunehmen. Die Rede ist von Claus Stalburg, genannt der Reiche - Der ganze Schotter nutzte nichts, die Snobs aus der Alten Limpurg ließen meinen Vorfahren nicht zu. Er bezog die Stalburg weit vor der Stadt, in Nachbarschaft derer von Holzhausen. Aus dem Freisitz, lange hatte die Anlage den Charakter eines Wasserschlosses, wurde schließlich die Gaststätte Zur Stalburg, die bis heute im Familienbesitz sich befindet.

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Reich sein: reichte nicht – Jahrhunderte stellte die Gesellschaft eine Mehrheit im Stadtrat. Sie berief sich auf die hundertzweiundzwanzig im Limpurger Wappenbuch von 1558 verzeichneten Frankfurter Geschlechter. Man konnte im Heiratswege dazu stoßen, doch besser war die richtige Abstammung in männlicher Linie. Man hatte aus dem Vollen zu schöpfen, mein lieber Herr Gesangsverein. Nicht Krämer, noch Handwerker durfte man sein. Nur die vornehmsten Ämter ließen sich von einem Alten Limpurger bekleiden.

Wir sprachen darüber im Garten der Stalburg, einst Freisitz, nun Gaststätte. Zaimoglu eilte Gelächter auf den Kufen uneingeschränkter Zustimmung voraus. Reporter, Groupies, französische Rapper waren ihm, Žarko Paić

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und der (Ewigen) Apfelweinkönigin, hier mit Autor und Aktivist "Texas" Tuschick

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nach einem Auftritt in der Nationalbibliothek gefolgt. Paić sagte: „Der Rassismus hat sich vom einstigen Schwarz-Weiß-Konzept des Rassenhasses zu einem global anwendbaren kulturellen Paradigma entwickelt. Man hasst niemanden mehr aufgrund seiner Hautfarbe, sondern wegen seiner sich unterscheidenden kulturellen Zugehörigkeit. Die neofaschistische Rhetorik ist dem liberalen (reflexiven) Rassismus nicht fremd.“

Das war der Punkt. Rassismus tarnte sich in der Gesellschaftsmitte als Angst (und, so Paić, „mit Kritik am Multikulturalismus als neue Form der Ghettoisierung des Anderen – der Türken, Balkanbewohner, Araber, Vietnamesen, Chinesen“).

Die Rapper begriffen sich als Citoyens, sie identifizierten sich mit der Republik auf der Linie der Ligue communiste révolutionnaire. Sie lebten in einer RAPublik, hoch hielten sie die Trikolore auch im Wirtshausgarten. Sie unterstützten eine aktivistische Forderung nach „Handkäs für alle überall“ und grundgesetzlich garantierte Grundversorgung mit Apfelwein (Ebbelwoi). Die Banlieues solidarisierten sich mit dem Frankfurter Nordend – savoir et vivre ensemble.

Die Apfelweinkönigin ergriff den nächstbesten Bembel. Feierlich verkündete sie: „Der Bembel ist politisch.“

Morgen mehr.

07:33 23.07.2015
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