Kombattant im Kulturkampf LVI

Feridun Zaimoglu tanzt im „Bett“
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Das „Bett“ war ein Club in der Sachsenhäuser Klappergass. Die weltberühmte Fraa Rauscher spuckte und spukte vor der Tür vom „Bett“.

Fraa Rauscher

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/a/ae/Frau_rauscher.jpg/220px-Frau_rauscher.jpg

Bildnachweis: Wikipedia

Plötzlich war kein Platz mehr im „Bett“. Man musste darauf achten, nicht über die Club-Kante und vor die Tür auf die Sachsenhäuser Klappergass‘ geschoben zu werden. Auf der Gasse ergoss sich die Frau Rauscher.

Die Fraa Rauscher aus de Klappergass (von Kurt Eugen Strouhs)

Am Sonndag warn mer dribb de Bach, was hammer do gelacht,
so warn zwaa Eheleut beschleucht unn hawe Krach gemacht.
Uff aamal duds en dumpfe Schlag, die Fraa lieht uff de Gass
unn alle Kinner singe laut, des mecht en Heidespass.

En Griene hot den Fall geseh' un kimmt im Laafschritt aa.
Der Ehemann ruft ganz erschreckt, ich hab er nix gedaa!
Mei Alt, die kennt kaa Maß un Ziel, die hot zuviel gebaaft,
drumm hot der liewe Herrgott sie mit aaner Beul gestraft.

Jetzt gehts uffs Bolizeirevier, die Buwe hinerdrei.
Des is en intressanter Fall, des leucht doch jedem ei.
De Kommissar is ganz empeert un segt, des is doch doll.
Der Griene, wie sich des geheert, der gibt zu Protokoll.

Jetzt wärs genug, die Rauschern hat sich mit ihrm Mann versöhnt,
des kennt mer schon un is mer aach in solche Fäll gewöhnt,
doch so en beeser Zeitungskerl dut mehr als wie seine Pflicht,
am annern Dag stehts dick un braat im Bolizeibericht:

Refrain:
Die Fraa Rauscher aus de Klappergass, die hoot e Beul am Ei,
ob des vom Rauscher, obs vom Alte kimmt, des klärt die Bolizei.

Orientalische Troubadoure spielten die Musik der Dhoad, einem Wüstenvolk in Rajasthan. Sie verkörperten eine Tradition vagabundierender Virtuosen, die einst Maharadscha-Heimstätten abgeklappert hatten wie bei uns Minnesänger auf Burgen vorstellig geworden waren. Die „Magic Carpets“ zogen mit zwei Tänzerinnen und einem Fakir durch Europa. Der Fakir sah aus wie ein südosteuropäischer Gemütsmensch in mittleren Jahren und gleichermaßen wie der Mörder von Agatha Christie im Orient Express. Er schluckte Feuer, wälzte sich auf einem Scherbenbett bis zum blanken Grund und kratzte sich ganzjährig ausgiebig. Seine Fähigkeiten langweilten ihn offenbar. Vermutlich entstammte er einer Fakirfamilie und war vom Vater zur Ausübung seines Berufs gezwungen worden. Er trug weiter nichts als Schnauzbart und Lendenschurz in der Manier einer tarzanischen Bademode. Ähnlich unverblümt brachten sich die Tänzerinnen ins Spiel, die Sache hatte Methode. Wahrscheinlich war das „Bett“ deshalb so voll. Ich notierte: „Amran/ Tabla, Ali/ Harmonium, Khan/ Maultrommel, Kutal/ Quertrommel, Gulam/ Sitar.“

Lara guckte angestrengt. Sie hörte lieber „Keimzeit“, Sachsen war weit, die „Fliegenden Teppiche“ stammten aus „Dynastien“, angeblich war ihre Heimat ein Schmelztiegel hinduistischer und islamischer Kultur. Das behauptete der Wirt, er war schon ziemlich hacke, aber Experte. Ferner behauptete er, barfuß über die Scherben laufen zu können. Ohne einen Schnitt.

Hatte er das geübt?

Ich sah Lara an, dass sie an der Stelle keine Gewissheit wünschte. Wir hörten ursprüngliche trance music. Als unterhielten sich Grashüpfer. Die Lieder wurde aus dem Gedächtnis gespielt, in ihrer Umgebung hielt man nichts schriftlich fest.

Die Tänzerinnen putzten sich mit Regenbogen-Ragwurz. Die Lippe der Ophrys iricolor ist so gefärbt, dass man ein Insekt mit schimmernden Flügeln zu erkennen glaubt. Dem Irrtum erliegt nicht nur das menschliche Auge. Auch Bienen fallen herein. Die Rede ist von „Pseudokopulationen“ mit fruchtbarem Effekt. Die Orchidee erhält sich so. Joris-Karl Huysmans nahm den Vorgang zum Beispiel für „Pflanzenintelligenz“. Marcel Proust verstand „die von sämtlichen Tollheiten der Vegetation“ hochgejubelte „Königin des Treibhauses“ als Parodistin der Dingwelt. In seinem Paris war sie eine Exilantin, die mit dem „falschen Äquator der Ofenheizung“ vorlieb nehmen musste. Ich hätte das Philipp Boa erzählen können, der sich neben mir aufbog.

„Love music, hate fashion“ stand auf einem Leibchen. Ein Aussagefossil. Mode hatte sich gigantische Bedeutungszuwächse organisiert, während alle anderen Bedeutungsträger in den subkulturellen Treibhäusern demontiert worden waren.

„Ein Zug ins Morbide könnte so entgleisen“, sagte Lara. Vielleicht ging das die Tänzerinnen an, oder Boa schon in der Erinnerung. Wir saßen in den „Drei Steubern“ inzwischen. Der Wirt war ein Wagner wie in Sachsenhausen alle Welt. Dieser Wagner hielt seinen Handkäs in einer Schublade unter dem Tresen vorrätig. Bei ihm konnte man gegen ein Gabelgeld Mitgebrachtes verzehren. Wir bestellten Fleischwurst mit Doppelweck.

Morgen mehr.

08:32 24.07.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare