Kombattant im Kulturkampf LVIII

Feridun Zaimoglu trifft Alfred Edel
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Alfred Edel

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Bildnachweis: filmportal.de

Murat war der Schnellste in der schnellsten Stadt Deutschlands. Er rasierte sich die Beine und trug den Vollbart im Vorgriff auf eine Mode der Zukunft.

Der Bart macht mich fix“, sagte Murat. „Meine Beine machen dich fertig.“

Der Fahrradkurier referierte im Club Voltaire die „Dialektik der Aufklärung“. Der Titel war erstmals 1947 erschienen. Bei einer Neuauflage im Jahr Neunundsechzig sahen sich die Autoren Max Horkheimer und Theo Adorno zu einem Vorwort veranlasst, das ihr Werk dem Zeitgenossen als historisches Dokument nahe legte. Eingeräumt wurden „offenkundig inadäquate Stellen“, deren Überleben im Text der Absicht folgte, „nicht retouchieren (zu wollen), was wir geschrieben hatten.“

Als Kompendium philosophischer Schlagwörter machte die „Dialektik“ Karriere an deutschen Universitäten. Daran erinnerte Murat Leute, die noch nie etwas von Max & Theo

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gehört hatten. Der Plan war, sich fit zu machen mit Kritischer Theorie. Hausaufgaben gehörten dazu. Disziplin. Jawohl! Aktivisten wollten an die K-Gruppen-Vergangenheit der Siebzigerjahre anknüpfen – im Stil kollektiver „Kapital“-Lektüre.

Murat leitete außerdem die Sportgruppe „Abschaum“, so benannt nach Zaimoglus zweitem Buch. Wir liefen zwei Mal pro Woche im Günthersburgpark sieben große Runden. Danach teilte sich die Gruppe, manche liefen weiter zu Astraea, der auf der Oberen Bergerstraße zu Brustvergrößerungen mit Hanteln einlud. Die Übrigen machten bei jedem Wetter Gymnastik in der Regie von Lara. Das war schon lustig. Eine Sächsin kommandierte die gegen Kraftsport eingestellten „Nordend Kanakster“.

Seid wie das Wasser“, riet Lara. – Und so waren wir, weich und einnehmend. Während ein atmosphärischer Aggressionsschub dem nächsten hinterher stieg. Es war das Jahr der Stürme.

Murat untersuchte im Club Voltaire „das Schlüsselwerk philosophischer Zeitdiagnostik“ (Heidrun Hesse) auf seine Bedeutung für die akute Gegenwart der Revolte. „Gefallsüchtig“ nannte er Horkheimers/Adornos Vokabular der Vehemenz. Studenten zogen den Jargon ab, um ihn gegen die gesetzten Herren (Horkheimer war bereits emeritiert) kritisch einzusetzen. Das erklärt die massenhafte Verbreitung der „Dialektik“ (im Raubdruck).

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So funktioniert Gong-fu. Bekanntlich bietet das unter dem Eindruck des Nationalsozialismus und seiner „völkischen Paranoia“ (Heidrun Hesse) entstandene und die Aufklärung in Prozessen der Selbstzerstörung lokalisierende „schwarze Buch“ der Kritischen Theorie keine Handreichungen zum sozialistischen Umsturz der Gesellschaft. Es folgte Horkheimers erstem Ziel, der Abklärung des Dialektikbegriffs als einem Unternehmen, das zuerst mit Herbert Marcuse in Angriff genommen worden war, bevor Adorno 1942 im kalifornischen Exil einer Einladung zur Mitarbeit entsprach.

Murat nahm zu Denkfiguren prüfend Stellung, die im Buch zentral sind. Er zitierte: „Wie die Mythen schon Aufklärung vollziehen, so verstrickt Aufklärung mit jedem ihrer Schritte tiefer sich in Mythologie.“

Da außer Murat und mir keiner das Buch kannte, stolperte die Diskussion nach dem Vortrag durch das Unterholz der Ignoranz. Es waren Astraeas Kraftsportler, die sich am gründlichsten verliefen. Sie fanden den „pauschalisierenden Gestus“ der „Dialektik“ „penetrant“. Murat schnaubte, er hatte sich wochenlang vorbereitet. Er bewältigte das geistige Pensum neben einem Studium und dem Kurierdienst. Er diente den „Nordend Kanaksters“ als Schrittmacher, er meinte es ernst.

Murat konnte gar nicht anders als ernsthaft sein. Er litt unter dem Laissez-faire der Genossen. Er sprang zum Fenster hin, es aufzureißen.

Du hast dir doch nichts gebrochen?“ fragte Said ohne Sinn und Form. Oder fragte er: „Murat, musst du brechen?“

Ich weiß das nicht mehr. Jedenfalls entgegnete Murat, stehend am geöffneten Fenster/ die Wolken zogen wild hinter dem Aktivisten auf:

Genossen, Freunde, Aktivisten, Assoziierte, Verwirrte und Vulnerable, in einer Gesellschaft, die nicht mit sich selbst versöhnt ist, bleibt der Aufruf, dialektisch zu denken, beachtlich. Allein darin lässt sich ein pädagogischer Mehrwert der „Dialektik“ erkennen, dem die verstreichende Zeit nichts anhaben konnte.

Pädagogischer Mehrwert! Das schlug dem Fass den Boden ins Gemächt. Mancher vergaß, wo der Feind stand vor lauter Erregung. Ich sagte leise Servus und verzog mich in die Gaststätte des Clubs. Eigentlich war der Club die Gaststätte. Es gab lediglich zwei Sitzungskammern über dem Schankraum. Gelegentlich erzähle ich euch die Geschichte des Frankfurter Voltaire Clubs. Ich bestellte bei Sarah einen griechisch-orthodoxen Handkäs, frei nach Friedrich Stoltze:

Un die Parrer un Soldade,

Mediciner, Advocade,

Owerlehrer und Proffesser,

Stadtamtmänner und Assesser,

und der ganze Handelsstand

frisst sei Wörschtsche aus der Hand.“

Just in diesem Augenblicke erschien der Geist von Alfred Edel in der Gestalt des Geistes von Hans-Jürgen Krahl.

Die Sprechmaschine des SDS - In diesem Krahl hausen die Wölfe (Adorno über HJK) Daneben K.D. Wolff

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Bildnachweis: youtube.com

Das Gespenst war schon wieder blau und sang so blau blüht der Enzian. Das ist historisch verbürgt.

Morgen mehr.

07:28 26.07.2015
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