Kombattant im Kulturkampf LX

Feridun Zaimoglu und Josef Stalin
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Vor Wassili Nikolajewitsch Jakowlews Porträt des Marschalls der Sowjetunion Georgij Schukow zitierte Lara den Kunsthistoriker Boris Groys: „Nach Stalins Tod und den Epochen der Ekstase (setzte) sofort eine allumfassende Langeweile“ ein.

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Wir rauschten von Hollywood direkt in die „Traumfabrik Kommunismus“. Eine Ausstellung in der Frankfurter Schirn hieß so. Nach „Good Bye, Lenin“ kam „Nackt für Stalin“. Murat hatte in Absprache mit Zaimoglu die Ausstellungen zu Pflichtterminen für die „Nordend-Kanakster“-Sportgruppe „Abschaum“* erklärt, Lara erklärte sozialistischen Realismus.

Stalin (1879 – 1953) und Zaimoglu (1964 - 2065) waren die Männer der Stunde. Stalins fünfzigster Todestag und Zaimoglus neununddreißigster Geburtstag wurden bundesweit mit Schauen begannen. Ich erinnere an den Ausstellungstitel „Genosse Gott“, plötzlich sah der Kommunismus großartig aus. Lara nahm das persönlich, ich meine, sie passte ins Bild vom großartigen Kommunismus. Vor Wassili Nikolajewitsch Jakowlews Porträt des Marschalls der Sowjetunion Georgij Schukow zitierte Lara den Kunsthistoriker Boris Groys: „Nach Stalins Tod und den Epochen der Ekstase (setzte) sofort eine allumfassende Langeweile“ ein.

„In Moskau aber erwartete der Diktator das "Symbol des Sieges" -- so Stalin über Schukow. Ob er eigentlich das Reiten verlernt habe, fragte ihn Stalin, als sich Schukow bei ihm am 19. Juni meldete, Schukow verneinte. Stalin: "Gut, Sie werden die Siegesparade abnehmen. Ich rate ihnen, nehmen Sie den Schimmel, den Ihnen Budjonny zeigen wird."

Schukow will sich zunächst gesträubt haben, aber drei Minuten vor zehn Uhr am 24. Juni 1945 ritt er auf dem Roten Platz unter den Klängen von Glinkas Gloria-Marsch der Feier des Sieges entgegen -- seines Sieges.“

Aus dem SPIEGEL vom 28.04. 1969

Die Sportgruppe war im Trainingsanzug angetreten, Stalins totalitäre Tolle wurde von Kanakstern kopiert. Laras Sehnsucht nach heißer Gläubigkeit hatte in uns ein neues Ziel gefunden. Es fehlte nur noch die Trillerpfeife am Band, mir gefielen die Sachen an den Wänden. Die Wiederbelebung des sozialistischen Realismus stand auf der Kanakster-Agenda an dritter Stelle. Zaimoglu und ich waren uns da einig – Stalin hatte Agit-Pop erfunden und war uns insofern zuvor gekommen. Die Ähnlichkeit zwischen Lara und einer von Georgij Zimin

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1920 Porträtierten schrie nach Bewegung in der Natur. Inzwischen gab es den Sonntagslauf (alle vierzehn Tage) im Frankfurter Stadtwald. Ihn (ohne vor Reue tropfende) Entschuldigung zu versäumen, konnte einen Ausschluss zur Folge haben. Das wäre für viele eine Heimsuchung und der soziale Tod gewesen. Nach dem Lauf gab es Kaffee und Kuchen und einen Bockenheimer „Regenbogen-Retreat“ im Dritte-Welthaus und ebenda Hausaufgabenbetreuung (und Orientierungshilfe) für Studenten mit ethnischer Differenz. Wir hatten einen Fond für notleidende Kanak-Sportler eingerichtet, der orientalische Hang zur Brüderlichkeit machte Lara zur älteren Schwester. Abla sangen die Mitglieder im Chor, Lara verstand Abla (ältere Schwester) als Rangbezeichnung. Sie erinnerte mich an Sepp Herberger. Zumal sie gern von „meinen Jungs“ sprach. Laras Ehe beschränkte sich auf die Wochenenden, mal fuhr sie zu dem Fernen in die französischen Alpen, mal kam der Gatte aus Grenoble, er wäre am liebsten mitgelaufen. Das verwehrte ihm Lara mit einer rassistischen Begründung. Der Rassismus war natürlich nur vorgeschoben, die Sportgruppe zog weiter in den Club Voltaire. Marcia Pally sprach da mit Micha Brumlik. Zuletzt hatte Pally im Berlin Verlag „Das Lob der Kritik“ veröffentlicht. Murat bezeichnete das Werk als „Hausmannskost aus der Küche des klassischen Liberalismus“. Er konnte schon sehr vollmundig formulieren, wir verloren ihn dann auch ans Feuilleton. Pallys Bildungsfrachter war nach 9/11 in See gestochen, die Autorin lotete Chancen des kritischen Bewusstseins in Zeiten der Angst und einfachen Bush-Männer-Antworten aus. Sie entwickelte die Idee von einer Art intellektueller Bürgerversicherung, die den Staat als Simplifikationsapparat in die Schranken weist und demokratische Substanzverluste indiziert. Der Bürger dürfe sich nicht isolieren und habe sein „emotionales und psychologisches Gepäck“ stets im Blick zu behalten. Im Verlustfalle sei der Rechtsweg ausgeschlossen.

Wir wissen alle, wo hier der Hase im Schrank hängt. Gehemmt wird die Bereitschaft zur Kritik als regulierende Instanz (im Verhältnis zum Staat) vom Fundamentalismus in jedem.

„Wir schlagen zurück, wenn unsere heiligen Kühe angegriffen werden“, erklärte Brumlik. Er sprach von „Amerikas supermoderner Flucht in die Zukunft“ und ihrer Gegenkraft. Wie mit einem Wutsch stand Laras Gatte neben mir. Der Jörg – jetzt ist es raus. Jörg Wutsch war ein vitaler Jungakademiker, recht stämmig und in jeder Hinsicht gut in Schuss. Ich wusste das genau, Lara und ich besprachen geschlechterdings alles im Detail. Das gehörte zu unserer Lust, die Gegenkraft gewann sich in „der rückwärtsgewandten Lehre eines evangelikanischen Christentums“.

Wutsch drängte sich zwischen Lara und mich. Er war bereit, den Kampf um seine Frau aufzunehmen. Ich sah, wie überlegen er sich fühlte. Pally erklärte die Provokation zum Ziel, sie versuchte Brumliks Bereitschaft zur Übereinstimmung mit dem Abwurf „intelligenter Bomben“ zu vereiteln.

Sie wollte keine Übereinstimmung. Pally zwang Brumlik, das merkte ich mir, in die Dissensdrift. Pally wollte offenbar nicht übermorgen in der Zeitung lesen, man habe sich verstanden. Ab und zu riskierte Lara ein Auge, ich fand es unglaublich, wie sie an der Leine lag. Eine Frau, die bis nach Amerika fremdging, ließ sich von bloßer Gattengegenwart vergattern. Herrlich! Ihr Wutsch stieg ins Gespräch ein, „kritisches Dauerengagement“ sei doch „gar nicht praktikabel“.

Wutsch weiter: „Ein politisches System mit seinem täglichen Wirkungen im Blick zu behalten, ist beanspruchend wie ein Beruf.“

Deshalb müsse man die Beobachtung des Staates delegieren – an vertrauenswürdige Experten. Da war er, der Osten, ständig hatte man da delegiert und von Vertrauen geträumt. Pally guckte entgeistert, Amerikaner erwarten von ihrer Regierung keine „Vertrauenswürdigkeit“. Ihre Waffen haben sie auch deshalb, um gegebenenfalls auf die Regierung zu schießen. Ihr Patriotismus richtet sich u.U. gegen die politische Führung. Nur in Krisen stehen sie zum Präsidenten. Zurzeit zu einem Mann, „der mehr Geld als Gott hat“. (Pally)

Ich holte was zu trinken für Wutsch, Lara und mich. Das hatte ich von Meister Tung gelernt. Kreuzt ein Mann, der deine Interessen falsch berührt, deine Bahn, so gib ihm ein Getränk zunächst.

Am Tresen arbeitete Sarah, ich hatte sie schon bei Murat in der KT*-AG gesehen.

*KT – Kritische Theorie

„Hör mal, Texas“, sagte Sarah, „wann und wo läuft die Abschaum**-AG das nächste Mal?

**Abschaum-AG – Nordend Kanakster-Sportgruppe mit gymnastischem Schwerpunkt und eingegliederter Kraftsport-Kooperative. Benannt nach Zaimoglus zweitem Bestseller „Abschaum“.

„Übermorgen“, gab ich Bescheid. „Um siebzehn Uhr im Günthersburgpark. Treffpunkt ist der Kiosk vom Sharif (Sheriff).“

„Meinst du, es ist okay, wenn ich da mitmache?“

„Von mir aus ist das voll okay.“

Sarah sah mich zweifelnd an, gleich würde sie etwas zum Wetter sagen. Sie wischte die feuchte Stirn mit einem Handrücken. Die exponierte Achsel perlte.

Morgen mehr.

05:19 28.07.2015
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