Kombattant im Kulturkampf LXI

Feridun Zaimoglu und Alexander Kluge in Bad Vilbel
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Ein Sonntagvormittag im Flutlicht des Sommers. Auch das Vergnügen am Saum der Kultur folgte einer Routine mit Brezeln, Milchkaffee und dem Pfand für Tassen und Gläser. Roger Willemsen stellte seine „Deutschlandreise“ vor. Sarah verglich den Titel mit „Paare, Passanten“. Anlass zum Vergleich bot ihr die distanzierte, nach des Autors Gusto aristokratische Perspektive, die, so Willemsen, den Fröschen abgeguckt war und zugleich völkerkundlich sein sollte.

Botho Strauß/ Paare, Passanten

http://i.ebayimg.com/00/s/MTAyNFg3Njg=/z/KUcAAOxyB9RSzGR6/$_72.JPG

Bildnachweis: kleinanzeigen.ebay.de

„Der erste Schlag soll dich zum Jäger weihen. Der zweite Schlag soll dir die Kraft verleihen, zu üben stets das Rechte. Der dritte Schlag soll dich verpflichten, nie auf die Jägerehre zu verzichten.“ Zu diesen Worten zog Morgan Stonewall Jackson seinen Hirschfänger über die Schultern der Eleven. Nach dem „Jägerschlag“ kriegten wir den „Jägerbrief“ vom Lehrgangsleiter der Arbeitsgemeinschaft Wetterauer Jagdvereine. Ich hatte unter Morgans Führung Pirschpfade angelegt und insgesamt hundert Veranstaltungen zur Prüfungsvorbereitung absolviert.

Morgans große Leidenschaft war die Kynologie. Er redete dem Jagd-ist-vornehmster-Naturschutz-Zeitgeist zwar nach dem Mund, doch unter der Hand und im Kreis der Spießgesellen verbreitete er die rustikalen Allgemeinplätze der versierten Schießer. Solche Leute hatten sich in die lichten Wälder der Rhein-Main-Ebene Schlösser gebaut, sie donnerten mit ihren Jeeps durch den Forst und schrieben alle auf, die es ihnen gleich taten, jedoch nicht zur Bruderschaft gehörten.

Morgan Stonewall war einer von uns, ein Veteran, wir rauchten die Zigaretten, die es dauerte, bis ein Reh ausgeblutet war, Morgan Stonewall las beispielsweise Andrea Lees Erzählband „Vollmond über Mailand“. Darin reist eine afroamerikanische Familie von Philadelphia nach Seattle. Ein Junge beobachtet, wie sein Vater „jeden Abend praktisch in die Hosen macht, wenn er in irgendeinem dieser Kuhdorf-Motels nach einem Zimmer fragen muss. Er vergeht fast vor Angst, dass er das Wort zu hören kriegt – Nigger -, das uns glatt von der Landkarte fegen würde“.

Morgan Stonewall hatte sich mit den Hessen als MP in Friedberg angefreundet. Sein erster Jagdfreund war der alte Förster Moritz gewesen. Der saß auch auf einem amerikanischen Truppenübungsplatz an. Morgan Stonewall stellte ihn eines frühen Morgens.

„Was machst du hier?“ fragte der Militärpolizist.

„I’m waiting for black pigs“, entgegnete der hessische Hillbilly.

Man musste Moritz einfach lieb haben.

Morgan Stonewall war schon als Kind bereit gewesen, auf jeden zu schießen, der „Nigger“ zu ihm sagte. So ging es mir auch. Auf eine kuhle Art wollte ich dem Hass seinen Lauf lassen. Sollte der Lauf rauchen, Hannelore Hoger, Iris Jeménez, Alexander Kluge, Feridun Zaimoglu, Roger Willemsen - Als Weltreisende kamen sie nach Bad Vilbel, in Schuhen für die Parkettdramen in den Hotels. Der Schauplatz ihres Auftritts war ruiniert. Zwischen Aspekten der niedergelegten Burg stand eine Bühne vor Tribünen. Das Publikum zeigte sich in den hellen Farben der gestalteten Freizeit, bis auf die Ausnahmen mit der anachronistischen Umsicht, die in Haarnadeln steckt.

Ein Sonntagvormittag im Flutlicht des Sommers. Auch das Vergnügen am Saum folgte einer Routine mit Brezeln, Milchkaffee und dem Pfand für Tassen und Gläser. Die Leute im Service trugen ihre Piratenkopftücher: damit gleich jeder sah, dass der Bereitschaft, sich für den Job zu verkleiden, eine Grenze gesetzt war: der Limes des guten Geschmacks von Achtzehnjährigen.

Um Geschmacksfragen ging es in Roger Willemsens Beitrag zu den Burgfestspielen. Er stellte seine „Deutschlandreise“ vor. Sarah verglich den Titel mit „Paare, Passanten“. Anlass zum Vergleich bot ihr die distanzierte, nach des Autors Gusto aristokratische Perspektive, die, so Willemsen, den Fröschen abgeguckt sei und zugleich völkerkundlich sein sollte. Der Autor wollte von einem Menschenaffen viel gelernt haben. Er hatte ihn auf Borneo kennengelernt und sich im Weiteren an das „Prinzip der maximalen Erregung“ gehalten.

„Glaubst du, dass ein Affe Scham empfindet?“ fragte Sarah. „Das kann ich mir beileibe nicht vorstellen.“

Ich kannte Sarah aus dem Club Voltaire, ihr aktuelles akademisches Thema war die Frau in der algerischen Gesellschaft – zwischen islamischer Tradition und säkularer Moderne. - Womöglich immer noch reduziert auf „Schwangerschaften und Hausarbeit“.

Es war Sarah dringend darum zu tun, „über den eigenen Tellerrand hinaus zu schauen“. Sie sah mich erwartungsfroh und ängstlich an. Wie bei einem nie endenden Bewerbungsgespräch.

Wie kann man zur fortgeschrittenen Migration aufschließen? Das war die Frage, die sich damals viele stellten. Ich war für sie eine Mischung aus Türsteher, Personalchef und Superman.

Sarah kam aus der Eifel, an ihrer Stelle, hätte ich mich der Heimatkunde zugewandt. Wie vielversprechend waren Archive, von denen sich seit Jahrzehnten keiner mehr etwas versprochen hatte.

Kirchenbücher. Auswanderungsgeschichten. Hofmiseren. Vielleicht ein Beispiel für Homosexualität in bäurischen Verhältnissen des 19. Jahrhunderts. Dass zwei zusammen waren in der Schutzbehauptung gemeinsamer Bewirtschaftung. Und falls es das nicht gab im Nachweislichen, konnte man es doch gut und gern erfinden.

Ich gab meine Reserve gegenüber den Deutsch-Kanakstern nicht zu, vielleicht unterstellt ihr mir niedrige Beweggründe. Mein stärkster Einwand war aber praktischer Art. Man braucht Zugriff für jede Diagnose. Wie hat sich die algerische Gesellschaft seit der Unabhängigkeit entwickelt? Wie tickt die Berliner Republik? Wie beschädigt sind die Vereinigten Staaten seit 9/11? Solche Feststellungen verlangen Verdichtung und die Kompetenz zur unterkomplexen Darstellung. Man muss wissen, was man zu Gunsten einer Zuspitzung unterschlägt – oder der einzigen Pointe weit und breit opfert. Dahin würde Sarah mit ihrer „algerischen Frau“ nie gelangen.

Dem Prinzip der maximalen Erregung gehorchte Jeménez von jeher. Sie kollerte. Während die Mehrheitsgesellschaft wie ein Schwamm auf Neubeschriftungen aller subkulturellen Couleur reagiere, bliebe Kanak-A-Movement die Sache der Minderheit.

Was bedeutete das?

Es bedeutete, dass in diesem Segment kein Mehrwert für die Mehrheitsgesellschaft produziert wurde. Beispiel Kinder. Die ethnischen Minderheiten kriegten Kinder, die Mehrheitsgesellschaft in Deutschland verabschiedete sich vom Kinderkriegen. Sie optimierte sich nach Diskursen nicht ethnisch definierter Minderheiten. So vollzog sich ein Wechsel von Stabilität zu Mobilität, von Monogamie zu sequentielle Monogamie, so sickerte die Verhandelbarkeit des Geschlechts und die Fetischisierung des männlichen Körpers ein. Nichts davon war von der Mehrheitsgesellschaft ausgebrütet worden.

Warum funktionierte Migration nicht als Motor in Deutschland?

Alexander Kluge fand die Frage klug, Sarah und ich beließen es dabei, uns lockte die Nidda und der Wald im Schoss von Vilbel. Es trieb uns hin zum Apfelwein in entlegenen Schenken.

Nidda bei Bad Vilbel

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/a/a4/Nidda_Bad_Vilbel.jpg/326px-Nidda_Bad_Vilbel.jpg

Bildnachweis: Wikipedia

Am nächsten Morgen fragte ich Sarah: „Gibt es etwas, dass ich wissen sollte?“

Sie saß auf ihrem Bett, mit einem Buch auf dem Schoss. Ihre Haltung hatte eine gymnastische Funktion.

„Nicht im Rahmen unserer Vereinbarungen“, antwortete Sarah. Das Telefon klingelte in ihrer Reichweite, sie ignoriert den Alarm. Ich war schon eine Weile auf den Beinen, erfasst von einem Hochgefühl, das unbeschreiblich ist.

„Das musst du unbedingt lesen“, behauptete Sarah. Sie hielt das Buch hoch, vielleicht um einer Linie ihres Leibes besondere Geltung zu verschaffen. In den Wänden ihrer Wohnung saß der Schwamm. Auf dem Regal im Flur lag haufenweise Kleingeld zwischen Fahrradsachen und Eintrittskarten. Ich schaufelte eine Handvoll auf den Studententeppich und kickte spielerisch Münzen unter das Regal.

Sarahs Schwester war Check-in-Agentin für American Airlines

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/a/a8/American_Airlines_Boeing_777-200ER_N775AN_PVG_2013-5-21.png/250px-American_Airlines_Boeing_777-200ER_N775AN_PVG_2013-5-21.png

Bildnachweis: Wikipedia

Hinter der Fassade einer lebenslustigen und patenten Frau lauerte das schwarze Tier grundlosen Unglücks. Manchmal trat ein Rinnsal der Verzweiflung vulkanisch aus, dann stieg ich mit einem Witz darüber.

Manche Frauen waren eben so, dass eine Tragik sich in ihnen festgebissen hatte, und man besser nicht daran rührte. Sarahs Schwester war Check-in-Agentin für American Airlines, sie konnte, wenigstens Standby, für kleines Geld jedes Ziel erreichen, das AA anflog. Die Erste Klasse war kaum teurer als umsonst, in Zahlen lächerlich. Die Schwester hieß Simone. Bei zwei, drei, fünf Cocktails und einem Licht zum Verlieben quatschte ich Simone in den Zustand der Vorfreude - Frankfurt am Main/ Los Angeles/ Honolulu. Der Barkeeper hörte neidisch zu.

Man erkannte uns an der förmlichen Kleidung. Die zahlenden Gäste flogen superleger, der Hitchhiker trug Anzug. Simone schwitzte im Kostüm. Sie wollte wissen, was ich für Sarah empfand. Wir würden in den Genuss der AA-Hotelrabatte kommen, mir schwebte der Hilton Rainbow Tower vor. Fünf Sterne unter dem Firmament. Man war in einem pazifischen Luftstrom und merkte die Hitze kaum. Es gab Bekleidungsvorschriften im Hotel, die Restaurants hatten weder Türen noch Fenster, man wähnte sich plein air. Ferrari-Mietwagen erinnerten an die „Magnum“-Ära.

Ferrari 308 GTS

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/9/9b/1984_Ferrari_308_GTB_qv.jpg/250px-1984_Ferrari_308_GTB_qv.jpg

Bildnachweis: Wikipedia

Morgen mehr.

05:10 29.07.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare