Kombattant im Kulturkampf LXII

Feridun Zaimoglu wusste, dass die Sprache das Terrain ist, auf dem der Kampf um kulturelle Hegemonie ausgetragen wird
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Ein Spaziergang in der „Landschaftslücke“ fing auf der großen Wiese im Ostpark an.

Ostpark in Frankfurt am Main

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Bildnachweis: Wikipedia

Als Spezialist bestellt war der „Spaziergangsforscher“ Bertram Weisshaar. Der Fachmann für „Promenadologie“ schärfte den Blick seiner Gefolgschaft für „das landschaftliche Gefühl“ zuerst im ehemaligen Schulgarten des Ostparks. Mit der Wucht eines Rollkommandos und der Resignation eines Gefängnisseelsorgers legte sich seine Stirn in Falten.

Der Park endete am Prallhang des ursprünglichen Mainbeckens. Der Main hatte in Nilmanier ein kilometerweites Überschwemmungsgebiet besessen. Mit französischem (Reparations-)Geld war er glatt gebügelt worden, Botaniker konnten noch jede Menge Sumpfpflanzen identifizieren.

Ich hatte jahrelang im Ostpark trainiert, es gab von mir abgewetzte Stellen. Kostümierte Wegrandgestalten, Kettensträflinge im Matsch, Rokokokokotten an einem Weiler, halfen dem Verständnis der von Weisshaar zum Raum gefügten Begriffe „Sumpf“ und „Lustgarten“ auf die Sprünge.

Der Ostpark taugte nicht zur Kulisse historischer Landschaftsempfindungen. Er war die erste Frankfurter Volksparkgründung - nach Plänen von Carl Heicke. 1911 dem Volk eröffnet. In den Kriegen verwandelte sich der Park in einen Acker. 1995 war es auf dem Hartplatz zum nächtlichen Schwur des harten Kerns von Kanak-A-Movement gekommen. Die Idee, Kanak-A-Movement mit einem Förderverein den Rücken zu stärken, kam direkt vom Ostpark. Der Park war gewissermaßen einer von uns.

Das wollte Sarah auch sein – eine von uns. Kein Zweifel, dass sie mir den Trip nach Honolulu übelnahm, da ich Hawaii mit Sarahs Schwester Simone, einer Check-in-Agentin für American Airlines, bereist hatte. Falls es gute Vorsätze gegeben haben sollte, waren das nicht meine gewesen. Der Schwester den Liebhaber ausgespannt zu haben, verfehlte mich als Vorwurf. Nachdem Sarah klargeworden war, dass ich mit Schmollschmoll nicht zu beeindrucken war, ging sie gleich wieder zur Tagesordnung über. Wir standen auf der Schwedler Brücke, Weisshaars Assistentin nannte die Gegend „diffus“. Man wollte eine „lichte Schneise“ durch das Gerümpel ziehen, die, jetzt kommt es, aber ihr habt es sicher schon geahnt, „unseren“ Ostpark an die Europäische Zentralbank schließen sollte. Die EZB war noch Großmarkthalle im Großen und Ganzen.

Großmarkthalle

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Ich zitiere aus den Vorträgen: „Eine Promenade mit eigener Aufenthaltsqualität und durchgängigem Leitbild“ sollte die Verhältnisse für die Banker in der Mittagspause vereinheitlichen.

Was war das doch für eine verdammte Hörigkeit. Man meinte, den Geldleuten „unser“ Ostend nicht so zumuten zu können wie wir es seit Jahrzehnten als verkannte A-Lage kannten.

Den „Fremden“ wollte man eine Promenade bauen, gerade da, wo manche Gleise des Ostbahnhofs so schön stilllagen. Man musste nur wie Jakob über die Gleise und war schon am Schwedler See oder in der Galerie Fruchtig oder bei Gref-Völsings. Mein lieber Schwan. Sarah wohnte zuverlässig im Ostend, sie kannte die Böschung über dem Danziger Platz. Das war unser Hawaii, Ortsvorsteherin Hedi Tschierske nannte das Hawaii des Ostends einen „Unort“. Da musste sie erst einmal eine „Grüngürtelstele“ enthüllen.

„Umbenennungen“ und Markierungen mit einschlägigen Konnotationen vulgo EZB-Konnotationen seien bei der Vorbereitung eines neuen „naturähnlichen“ Elements in der Stadt hilfreich.

Nachtigall ick hör dir trapsen. So ging Kolonisation. - Und die Kolonisierten hatten wieder mal die besten Ideen.

Weisshaar: „Die Landschaft startet ihre Karriere im urbanen Raum als Idee.“ Man könne schließlich Golf spielen, im city-cross-style, auf künstlichem Grün, dem geplatzter Asphalt zur Unterlage diene.

City-cross-style mit speedcross Design – meine Großmarkthalle hieß inzwischen „Gemüsedom“. Ich half mir mit einer Fantasie. In der Fantasie war ich Geheimdienstchef und Außenminister von …, das Engrosgeschäft mit Obst und Gemüse sollte zukünftig in Kalbach abgewickelt werden, von mir aus auch Außenminister der Gemüsedominikanischen Republik, und spielte Golf im city-cross-style auf meiner eigenen Promenade.

Ich glaube, city-cross-style war eine Schöpfung des hauptberuflichen Spaziergängers Weisshaar.

Noch stand die Halle, eine technische Meisterleistung aus dem Jahr 1928. Zweihundertzwanzig Meter lang, fünfzig Meter breit und dreiundzwanzig Meter hoch. Dreihunderttausend Tonnen Ost und Gemüse wurden jährlich umgeschlagen, dabei fielen achttausend Tonnen Müll an.

Ich bemerkte nicht zum ersten Mal Exoten im Gleisbett der Hafenbahn, so wie den chinesischen Sommerflieder.

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Bildnachweis: kraeuter-und-duftpflanzen.de

Sarah taten die Füße weh, sie ulmte und urquste um mein Mitgefühl. Mein Mitgefühl war schwach auf der Brust zuhause geblieben, das Flämmchen hatte den Blues.

Da war sie, die Wildschweinbratwurst nach meinem Gelüste. Bratwurst-Kurt, die schwarze Hand des Nordends, hatte sich an unserem Ziel den besten Platz gesucht. Ein Wind zettelte über den Main von Sachsenhausen her seine Zeitung, die erste Wildscheinbratwurst ging gratis vom Grill. Auch Bratwurst-Kurt war ein Mann des Kanak-A-Movements. Wolf heißt auf türkisch Kurt. Die Europäische Zentralbank hatte Niels Bünemann nach vorn geschickt, Bünemann machte es kurz. Er verwies auf eine Zaimoglu-Lesung im Frankfurter Literaturhaus. Achtzig Architekten waren mit ihren Vorschlägen in die nähere Auswahl gekommen. Dreihundert Entwürfe hatte es gegeben. Nun begründete Zaimoglu seine Entscheidung.

„Warum hast du mir nicht gesagt, dass Zaimoglu in der Stadt ist?“ fragte Sarah.

Ich oggte kurz.

„Na, wenn das so ist“, zeigte sich Sarah beschwichtigt. „Das verstehe ich natürlich und muss es so auch akzeptieren.“

Nein, Sarah trug mir nicht länger nach, dass ihre Schwester Simone ein Verlangen nach mir nicht unterdrücken konnte.

Morgen mehr.

05:33 30.07.2015
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