Kombattant im Kulturkampf LXIII

Feridun Zaimoglu im Gespräch mit André Malraux
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Einst spielte sie Geige im Schulorchester. Das Kollegium ihres Gymnasiums glaubte, eine künftige Kollegin mit der Hochschulzugangsberechtigung auszustatten. Hanseatische Salonkommunisten, die sie in ihre Kreise zogen, sahen in ihr „das typische evangelische Blockflötenmädchen“. An der Seite eines linken Lebemannes wurde sie als Journalistin berühmt.

Ulrike Meinhof

http://rotehilfech.noblogs.org/files/2014/09/15home_ulrike_meinhoff-copy.jpg

Bildnachweis: Rote Hilfe Schweiz

Im „Königsweg“ charakterisiert André Malraux so den Helden: „Das Unglück darf nicht weiter reichen als der Lauf seines Revolvers.“

Gerhard Rohlfs (1831 – 1896) mag so empfunden haben, er machte die Sahara zur Arena seines Freiheitsdrangs und Bewährungseifers. Der Sohn eines Arztes aus Vegesack bei Bremen war in seiner Spanne der populärste deutsche Afrikaforscher. Im „Geheimnis der großen Wüste“ (S. Fischer Verlag) weist Rainer-K. Langner nach, wie gleichgültig diesem Forscher die Forschung war. Den afrikanischen Standpunkten begegnete Rohlfs verständnislos. Er unterschrieb mit Sportsgeist und Ignoranz. Er trat als Rekordjäger auf. Im Stil der Epoche.

Gerhard Rohlfs

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/5/55/Friedrich_Gerhard_Rohlfs.jpg/220px-Friedrich_Gerhard_Rohlfs.jpg

Bildnachweis: Wikipedia

Der junge Mann aus gutem Haus zog aus, sein Jahrhundert in die Schranken zu weisen. Der gute Mann war „Amateur“, Unzukömmlichkeit traf als Vorwurf ihn nicht. Rohlfs suchte (nach Langner) „das Mysterium der Selbsterfahrung“ in der Wüste. Sie war „ein Ort der … Herrschaft“, nur, so sah sie der Reisende, leider auf dem Rückzug. Rohlfs glaubte, dass sich die Vegetation gegen den Sand durchsetzen würde. Er verfehlte sein größtes Ziel: die Christen verschlossene Stadt Timbuktu als einer der ersten Weißen zu erreichen. Dafür konnte Peter Rühmkorf von einem Handgemenge berichten, in das ihn Yassir Arafat als junger Mann verwickelt hatte. Arafat lebte noch, in Timbuktu war es zu Überschwemmungen gekommen, die Eintracht war aufgestiegen, das entscheidende Spiel hatte ich als Radiomärchen im Auto gehört, das Handgemenge mit Arafat war ein Ereignis des IV. Studentenkongresses 1956 in Prag gewesen.

http://img.zvab.com/member/d26001/6239455.jpg

Bildnachweis: zvab.com

Ich schlenderte zwischen Rohlfs, Rühmkorf und Röhl über das Parkett der Mainzer SWR-Reihe „Literatur im Foyer“. Rühmkorf war als Mitbegründer des „Studentenkuriers“ und Arafat zwar schon als „Mr. Palestine“, aber auch noch als Student der Elekrotechnik nach Prag gereist. Aus dem „Studentenkurier“ wurde „konkret“ und, so fand Rühmkorf Anfang der Siebziger, „ein Wichsblatt“. Die Radikalisierung der „konkret“-Kolumnistin Ulrike Meinhof im Wichsblatt erschien Rühmkorf vor allem als Ehedesaster: „Ihre wahre Wunde heißt Klaus Röhl. Die Wahrheit ist einmal wieder ein Witz.“

Ich muss jetzt doch noch einmal ausholen und an einer anderen Stelle hebeln. Zuerst Atmosphäre:

In der Hofreite lag ein Fass auf Böcken. Windlichter von „Nanu-Nana“ standen herum. Süßer* wurde ausgeschenkt, obwohl die Zeit dafür nicht war. Saison war damals das ganze Jahr, egal für was.

Das Beste, was ein Apfel werden kann - Vom Süßen zum Rauscher ist nicht weit

http://www.kelterei-luehn.de/pictures/Suesser.jpg

Bildnachweis: kelterei-luehn.de

Laras Mann kam mit Grünem Veltliner zu (vom Wohlstand gepolsterten) Tischen und Bänken. Schneegestöber* hatte er schon gebracht.

Schneegestöber

http://t0.gstatic.com/images?q=tbn:ANd9GcQQZaXQHLH5QubqVbuRHUBikfuqWpY7begDdImTHrwkkJve3A4pwPZ7QfeF

Bildnachweis: rezepte-t-online.de

Jörg Wutsch trug eine kompetente Jacke, seine Geschichte ist schnell erzählt. Ein Mecklenburger vom Lande erlebt den Aufenthalt in einer großen Stadt als ständige Niederlage. Er unterzieht sich einer Kur forcierter Regression. Hoffnungen flankieren jede Herkunftsmarkierung. Da sind noch ein paar Mecklenburger in Berlin - mit einem Stammtisch in den Tilsiter Stuben und einer rabiaten Hansa Rostock-Zuneigung. Wutschs Biografie könnte in jedem Krähwinkel der Republik ihre ersten Gegenstände gefunden haben. Das sage ich.

Wutsch glaubte das nicht. Er beschwor eine Jugend im Buna-Anorak. Lara schwor darauf zusätzlich jeden Meineid. Da war er wieder: der ostdeutsche Gefühlsuntergrund. Nicht allein Jana Simons Debüt „Denn wir sind anders“ legte nahe, dass in diesem Keller eine Vereinigung auf der Basis von Generationszugehörigkeit und beleidigenden Enteignungserlebnissen stattgefunden hatte. Im Schlick ihrer DDR-Kindheit suchten ganze Jahrgänge nach Angaben mit Gewähr. Lara und Jörg datierten die letzten Tage ihrer Kindheit auf den Mauerfall, sie gaben der historischen Volte das Format eines Totalverlusts: drapiert mit Appellarabesken von „unserem Land“.

Auch der Himmel über Aldi war blau. Wutsch holte das Begrüßungsgeld erst in Hamburg und dann in Bremen ab, er blieb Opposition. - Und nun waren wir da, nicht nur als Wessis. Mit der Bundesrepublik einverstandene Kanaken besexten seine Frau. - Und Wutsch wollte sich arrangieren und Wutsch wollte Zaimoglu und mich aus sämtlichen Schuhen hauen und Wutsch wollte wettbewerbsfähig sein wie alle, die in der Kurve lagen und glaubten, sie hätte sie schon gekriegt, bloß weil sie schleuderten und ihnen schwindlig war.

Der Kapitalismus war in seiner Ehe angekommen, good morning, Wutsch empfand das so in seinem Tagebuch. Wir waren mit der S-Bahn nach Niederursel gefahren, dass alle trinken konnten, Lara hatte für die „Lesung in der Hofreite“ geworben, ein neues Ulrike-Meinhof-Buch wurde vorgestellt, „Lieber wütend als traurig“ von Alois Prinz. Der Prolog wiederholte die gelenklosen Formeln, mit denen die Existenz „einer Frau, die dem Staat den Kampf angesagt hatte“ gemein begriffen und nicht begriffen wurde. Die Rote Armee Fraktion faszinierte das Ehepaar Wutsch. Revolution ohne Volk. Arbeiterkampf ohne Arbeiter. Gewalt ohne Legitimation. Man berief sich auf „Stimmenrausch“ – Zitiert nach pfeifer@stimmenrausch.de

"Dort, wo der Staat gewesen sein könnte oder sein sollte, erblicke ich nur einige verfaulende Reste von Macht, und diese offenbar kostbaren Rudimente von Fäulnis werden mit rattenhafter Wut verteidigt."

So was unterschrieben Leute, die von der öffentlichen Hand in den Mund lebten. Angeblich wussten sie nicht mehr viel von Ulrike Meinhof, Rühmkorf war Anfang Vierzig gewesen, als die Bundesrepublik ihr Terrorismusproblem bekam, in Mainz hatte er die Wut herausgestrichen, mit der um 1970 politische Gegner einander angegangen waren.

Peter Rühmkorf

http://img.welt.de/img/kultur/crop101412909/3539598087-ci3x2l-w540-aoriginal-h360-l0/Peter-Ruehmkorf-1960-DW-Politik-Berlin.jpg

Bildnachweis: welt.de

Einst spielte sie Geige im Schulorchester. Das Kollegium ihres Gymnasiums glaubte, eine künftige Kollegin mit der Hochschulzugangsberechtigung auszustatten. Hanseatische Salonkommunisten, die sie in ihren Kreis zogen, sahen in ihr „das typische evangelische Blockflötenmädchen“. An der Seite eines linken Lebemannes wurde sie als Journalistin berühmt.

Ich glaube, Lara erzählte sich Ulrike Meinhof so pastell. Zaimoglu hatte sie als „Stimmenrausch“-IM enttarnt. Er gab Lara Worte ein, die Bert Papenfuß lyrisch apportierte.

Alois Prinz spürte Ulrike Meinhofs christlichen Motiven nach, er versuchte, der in ständigen Gewissenskonflikten verhafteten Mutter von Zwillingen auf ihrem „inneren Weg“ zu folgen. Jemand meldete sich mit der Befürchtung, der Staatsschutz könne mithören. Das schmiegte Lara und Jörg zusammen, ach wie stasistilzchen, jemand meldete sich, der „auch in einer Gruppe“ gewesen war und den bewaffneten Kampf „in den Medien“ für „tabuisiert“ hielt. Ich erinnerte an den De Tomaso Pantera, mit dem Baader zum bewaffneten Kampf gefahren war. Allerdings erinnerte ich nur mich daran.

Im Verlauf des Abends sagte Wutsch im Rausch seiner Rotenarmeefraktionsträume: „Ihr Westdeutschen seid immer so einverstanden mit eurem Staat.“

Das ist auch gut so.

P.S.

Aus der Post im Jahr 2003:

Liebe Frau Tuschick,

es ist schon eine Weile her, daß Sie in meinem Seminar als Insiderin und Expertin zum Thema Neue Deutsche Literatur gesprochen haben. Sie erinnern sich.

Schon lange wollte ich mich bei Ihnen melden, heute gibt es dafür einen Anlaß: die Einladung zur Beteiligung an einem Buch zum transnationalen Frankfurt. Wir – ich schließe sie herzlich im Plural ein - entwerfen darin einen anderen Blick auf die Einwanderungsgesellschaft, auf den Alltag der Globalisierung, der mit den paternalistischen Wahrnehmungsmustern des Multikulturalismus bricht.

Ich traf die Kulturanthropologin Aada Virén im Speckgürtel. Ich betrat eine Festung des Mittelstands, Aada entschuldigte sich für das Milieu, aber Frankfurt sei für ihre Kinder zu heftig.

„Wegen der vielen Ausländer?“ fragte ich.

Morgen mehr.

05:09 31.07.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare