Kombattant im Kulturkampf LXIV

Feridun Zaimoglu sagte: „Je höher das Äfflein steigt, desto mehr es sein Ärschlein zeigt.“
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1976 wurde sie Assistentin von Benno Besson an der Berliner Volksbühne. 2003 war Emine Sevgi Özdamar Stadtschreiberin von Bergen. Ich besuchte sie im Stadtschreiberhaus an der Oberpforte.

Emine Sevgi Özdamar und John Berger

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Bildnachweis: oreal.de

Das britische Zeitalter brachte den Typus des gebildeten Freibeuters hervor. Als klassenbewusster Draufgänger bewährte er sich in Eton und Indien. Sein abenteuerliches Herz verschloss sich nicht vor der monarchistisch befestigten, bürgerlichen Ordnung. Der Sportsmann ging im Einklang mit der Ordnung in den Kolonien auf die Jagd. Die finalen Stadien des Empires prägten sich den Biografien der Nachgeborenen im frühen 20. Jahrhundert ein. Zur Spätlese zählten religiöse und politische Konvertiten, Spione aus Überzeugung, Stalinisten mit aristokratischen Stammbäumen und Agenten, die Romane schrieben. Für sie war die Geschichte zum Alptraum geworden. Politische Irrtümer lieferten den tragischen Ertrag.

Man begreift das in der Beschäftigung mit George Orwell, der am 25. Juli 1903 als Eric Arthur Blair geboren wurde. Das war vor hundert Jahren, (wir schreiben das Jahr 2003) ich bekam den Auftrag, dem vor einem halben Jahrhundert gestorbenen Schriftsteller etwas Stimmungsvolles nachzusagen. Ich schrieb: „Auf eine schwache Gesundheit nahm er keine Rücksicht.“

Orwell hielt politisches Engagement für eine Voraussetzung für Literatur, eine Aussicht, die in der Studentenfrage nach der politischen Relevanz von Literatur noch einmal die Scheibe verschmiert bekam, aber wie egal war das.

Da konnte man anknüpfen. Zaimoglu als Diagnostiker in der Tradition von Orwell. Mit 1984 hatte Orwell die populärste belletristische Totalitarismuskritik geliefert. Der Roman war ein Reflex auf den spanischen Bürgerkrieg, den der Republikaner mit zunehmender Ernüchterung erlebte. Als Polizist in Burma wurde Orwell Zeuge von Exekutionen. Das hatte die Frage aufgeworfen, was es bedeutet, „einen gesunden, denkenden Menschen zu töten … im matten Licht (eines frühen Morgens), gelb wie Stanniol“, angekündigt „von einem Hornruf, verloren und trostlos in der dünnen, nassen Luft“.

Mit Orwell gegen das Paranoiaprogramm von „Stimmenrausch“. Ging bei mir im Arbeitszimmer morgens gegen drei das Licht von Berlin an, kam prompt die „Stimmenrausch“-Post t-online. Beleidigungen, Drohungen. Zaimoglu erlebte das Gleiche in Kiel, wir hatten einen unheimlichen Punkt erreicht: die gegen uns gemischte Vermischung von Gewalt und Lyrik in Dimensionen des Golem. In Prenzlauer Berg schlafwandelte eine überirdische Unterwelt, künstlich Beatmete taten Entsetzliches. Einer ernäherte sich ausschließlich von Spreewaldgurken. Die leeren Gläser verteilte er mit exorzistischen Zielen in Groß-Pankow. Wie eine Sonde hatten die linksreaktionären Geheimgesellschaften der „Stimmenrauscher“ und „Schleimbeutler“ Lara in den Kosmos von Kanak-A-Movement geschickt. Wir hatten versucht, Lara umzudrehen, dies war nicht gelungen. Tödlicher Hass tarnte sich im totalen Entgegenkommen.

Wir wollen euch da nicht zu viel erzählen, nicht dass ihr auf den Geschmack von leeren Gurkengläsern kommt.

Vorsorglich setzten wir uns nicht gegenseitig als Begünstigte testamentarisch ein. Ich musste nach Frankfurt, um mit meinem Notar zu sprechen. Schließlich ging es um Millionen. Am Nachmittag traf ich meine Kameraden unter der Führung von Lara mainnah. Zeruya Shalev schoss um die Ecke, hey du.

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Bildnachweis: Wikipedia

„Texas! Mein Lieber!“

Oder schrie sie: „Taxi! Aber dalli.“

Ich stand mit der

Kanak-A-Movement-„Abschaum“-Literatur- und Laufgruppe auf dem Scheitelpunkt des Geschehens. Auf der anderen Seite der Straße rief Zeruya Taxi oder Texas. Emine Sevgi Özdamar würde nächstens Stadtschreiberin von Bergen (über Frankfurt) werden, die Kanak-Sportler waren in Top-Form und erwogen, eine Zaimoglu-Fitness-Welle mit dem Schwung eines Tsunami einzurühren.

Lara forderte Liegestütze.

Die Gruppe stürzte wie ein Mann zu Boden. Sie blockierte Sachsenhausen. Murat zählte krumm: „Bir buçuk, iki buçuk, üç buçuk.“

Lara hatte mir Zeruyas „Liebesleben“ vorgelesen, deshalb kannte ich die Geschichte. Obsessiv ist das Verhältnis der jungen, nicht unglücklich verheirateten Ja’ara zu Arie, den sie als Freund ihres Vaters kennenlernt. Provoziert von einer kalten Virilität lässt sie sich auf ein Spiel (zunächst) mit ihrer Abhängigkeit ein. Sie erkennt darin das letzte sexuelle Vergnügen des „alten Tigers“, der behauptet, längst „satt zu sein“.

Ja‘ ara fühlt sich wie „ein saftiger Knochen“. Lara beschrieb sich als „… …fleisch“. Obsessionen lagen ihr, das war für sie gesteigertes Sein. Nebenbei klärte sie mich und Zaimoglu auf - als reichlich späte Kundschafterin des Friedens. Ich fand es aufregend, mit einer Frau im Gespräch zu sein, die über mich berichtete. Der Gegensatz von „Intimität und Fremdheit“ erregt Ja’ara, sie strebt eine Manipulation der Ordnung an, die Arie diktiert. Ausgestattet mit dem Hochmut der Herrin des erotischen Geschehens, sucht sie die Lächerlichkeit des Greises, um sich im Bewusstsein einer Überwindung gestärkt fühlen zu dürfen. Diese Absicht bringt die Handlung voran, Kanak-A-Movement trainierte im strömenden Verkehr, die Leute hielten das für eine Post-Migranten-Stand-up-Performance und suchten des Obolus‘ alten Hut.

Denn jede Bemühung verdient Anerkennung. Wer sich heute in Form fegt, kann morgen fein Straßen kehren. Oder Steine brechen in Mossul am Tigris.

Jana Hensel leuchtete vor dem Architekturmuseum auf. Wegen der Ausstellung „Cityscape East“/ war Laras beste Freundin nun in Frankfurt am Main.

„Liebe Lara“, begehrte Jana, „wer sind denn die Verschwitzten in deinem Gefolge?“

„Ditte is die Zaimoglu-Tango-Compagnie“, entgegnete Lara (als Übungsleiterin) stellvertretend.

Dem Museum waren Brachen eingestellt – Schwarzweißlandschaftsfotografie. Fassaden. Parkende Trabanten und Diamanten. Stehende Fahrräder aus Hartmannsdorfer Produktion.

Diamant-Fahrräder wurden in Hartmannsdorf bei Chemnitz gebaut.

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Die Bilder zeigten den Menschen in seiner Abwesenheit. Sie suggerierten aufgegebene Habitate. Endpunkte.

Die „Abschaum“-Sportgruppe formierte sich zum erwartungsvollen Halbkreis, unser Universum war ein einziger Anfang. Katja Lange-Müller,

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Bildnachweis: ohlbaum.de

Kathrin Schmidt und Charlotte Otto-Johnson assistierten Jana Hensel, Wolfgang Engler hatte abgesagt. Für Hensel verliefen die Demarkationslinien zwischen deutschen Generationen und Gebieten. Sie sprach für eine Verlustgemeinschaft im Osten. Lange-Müller sah die Verlierer im Westen genauso. Otto-Johnson erschien kompetent wie eine Zahnärztin und trostlos wie eine Frau, deren Familiensinn von Hinz & Kunz-Erfahrungen düpiert worden war.

Die Protagonisten in Schmidts zweitem Roman „Koenigs Kinder“ (Kiepenheuer & Witsch) belasten die üblichen Hypotheken. Was im Supermarkt des Lebens an Bürden preiswert zu haben ist, drängen sie sich auf.

„Warum lassen die das Untote in den Regalen nicht liegen?“ fragten unsere Sportler unisono. Tragik lag ihnen fern. Was nicht passt, wird passend gemacht: so lautete eine KK- & KAM-Devise.

Ja. Nein. Ich will nichts beschönigen, auch wir hatten Fehler vermutlich.

Kathrin Schmidt kam aus Gotha, ich hatte sie bereits in der Reihe „Ein Land, viele Literaturen“ erlebt. „Koenigs Kinder“ spielt in einer Ostberliner Niemandsbucht. Da ist eine Heimat des verschwiegenen Unglücks. Ohnmachtsempfindungen steuern seine Bewohner, zu denen Frau Koenig gehört, die Lioba Zeplin* den Haushalt besorgt.

*Alleinstehende Lehrerin

Das kurze Verschwinden der „kleinen Janina“ möbliert die Romanzentrale. Dem Mädchen wurde „die Kehle durchschnitten“ und „mit hoher Kunstfertigkeit wieder in eins genäht.“

Das Grauen kommt auf Socken aus der Ramschkiste. Es trifft Verstörte, die sich mit Grillen in Gang halten.

Kathrin Schmidt klebte am Text wie die Fliege am Leim. Ihre Kunst verleiht einer grauen Psychologie Anschaulichkeit, in der DDR-Altlasten die gesamtdeutsche Gegenwart erreichen. Für Verlierer dieser Modernisierung brach Neunundachtzig eine bleierne Zeit an, mit dem begreifbaren Stress, für die eigene Geschichte keine plausible Lesart mehr zu haben. So ging es Lara und ihrem Wutsch. Deshalb konnte Lara Zaimoglu und mich bespitzeln und gleichzeitig in unserem Kanak-A-Movement aufgehen. Sie liebte unsere Stärke und den Schwächling in Witsch aka Wutsch gleichsam ohne Ansehen der Personen in einem Atemzug.

Emine Sevgi Özdamar kam auf die Party, es war vielleicht schon später damals. Der „Nordend Kanakster-Abschaum-Gymnastik-Kranz“ schwebte auf dem Groove von Frédéric Galliano. Galliano und Zaimoglu hatten im Senegal field recordings gemacht, sie waren im Triumphzug zum Main gekommen, heroldisiert von Aissata Baldé, Ramatta Bagayko und Hadja Kouyaté, über die ich euch weiter nichts erzählen muss. Kennt ihr sie doch besser wohl als ich. Sarah oder Simone waren an Laras Stelle getreten, da Lara Wutsch mit Jana Hensel ins Schwarze Café (Schweizer Straße) gegangen war. Wir überließen Katja Lange-Müller ihrem Schicksal. Auch um Kathrin Schmidt kümmerten wir uns nicht, so wenig wie um Charlotte Otto-Johnson. Der Roman einer Istanbuler Kindheit und Jugend in politisch instabilen und wirtschaftlich schwierigen Verhältnissen von dem endlich in den „Drei Steubern“ die Rede war, hieß „Das Leben ist eine Karawanserei * Hat zwei Türen * Aus einer kam ich rein * Aus der anderen ging ich raus“. Womöglich war das, was Kritikern an der Prosa der Bachmann-Preisträgerin Özdamar orientalisch vorgekommen war, französischen Ursprungs. Die literarische Moderne hatte die Türkei via Frankreich erreicht.

Für Özdamar war Deutschland von Anfang Bühne ihres Theaterehrgeizes gewesen. Sie dehnte das Sujet der Entwurzelung als dem rentabelsten Sujet aller Einwanderungsgeschichten zu einem universellen Daseinsmerkmal in fortgeschrittenen Industriegesellschaften. Sie war vielleicht gar nicht so da, wo ich mit Sarah-Simone saß und der Günthersburgparkgymnastikgruppe. 1976 wurde Özdamar Assistentin von Benno Besson an der Berliner Volksbühne. Ich gab das zu Protokoll auf einem Filz, es sollte sich jemand mit Benno Besson beschäftigen und dazu ein Referat in der KT-AG* vorbereiten.

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Bildnachweis: Wikipedia

Den Benno hatte Brecht nach Berlin geholt, Alfred Biolek absolvierte den letzten „Boulevard Bio“, während wir noch sprachen. Was keiner wusste, Jürgen Möllemann würde vor Ablauf der Woche vom Himmel gefallen sein.

*KT – Kritische Theorie

Morgen mehr.

04:19 01.08.2015
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