Kombattant im Kulturkampf LXIX

Feridun Zaimoglu wusste von seinem Steuerberater Wladi K.: „Als selbständiger Denker kannst du dein Kopfkissen als abzugsfähigen Sonderposten deklarieren.“
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Wir kamen nun nach Gelnhausen, einem Grenzstädtchen, das 1170 jenen Reichstag erleben durfte, auf dem gegen Heinrich den Löwen verhandelt wurde.

Heinrich der Löwe

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Bildnachweis: regiowiki.hna.de

Ein Waldkind von ungewisser Herkunft war jener Simplicissimus, dem zuzeiten des Dreißigjährigen Kriegs im stark befestigten Hanau das zweifelhafte Glück zufiel, vom Gouverneur wie ein Sohn aufgenommen zu werden. Das feudale Gebaren des Statthalters verwirrte den Knaben bis zur Verstandestrübung. Dass so das Gesellschaftliche wirkt, trifft es einen Charakter ohne Deformation denn, ist eine Moral der Geschichte, die den Gelnhäuser Johann Jacob von Grimmelshausen (1622 – 1676) unsterblich machte. Sein Abenteuerlicher Simplicius Simplicissimus wurde von unseren „Nordend Kanakster“ auf einer Hör-Reise von Bergen durch die Wetterau hin zur Kaiserpfalz im Spessart polyphon gemacht. Michi Herl hatte uns den Bus seines Stalburg Theaters überlassen (wir schreiben das Jahr 2000), soeben war die erste Verfilmung von Zaimoglus „Abschaum“ in den Kinos angekommen. Wir kamen nun nach Gelnhausen, einem Grenzstädtchen, das 1170 jenen Reichstag erleben durfte, auf dem gegen Heinrich den Löwen verhandelt wurde. Ich war von jeher Pro-Heinrich gewesen und hätte mich auch auf dem Reichstag nicht hinter Vorsicht verschanzt mit meinen Ansichten. Unser Murat eilte der Gesellschaft voran in die Petersiliengasse, einst Verbindungsstich zwischen den beiden städtischen Märkten und des Rotlichts Magistrale, als Liebesdienerinnen Hübschnerinnen noch hießen und Hexen ihre Hinrichtung am Fratzenstein erwarteten. Gegenstände zur leiblichen Geständniserpressung lagen griffbereit. Unser Freund Wladimir Kaminer erklärte ihren Einsatz, die Nordend Kanakster dankten ihm mit viel Lob für die einfühlsame Art, in der er seine Mission begriff. Jetzt griff auch noch Selim „Slim“ Özdoğan in das Futteral des Geschehens. „Ein gutes Leben ist die beste Rache“ hatte ihn über Nacht berühmt gemacht.

Was war das für ein Tag! Gelnhausen bebte. Ahmad Jamal war in der Stadt, jemand stellte ihn als „die Stimme Russlands“ vor. Das war eine Verwechslung, aber auch Kaminer, unser Mann aus Moskau, „war keine Stimme Russlands“. Kaminer war erst in Deutschland und da in seiner zweiten Sprache Autor geworden. Seine Prosa war ein Verwunderungsprodukt, eine eigene Kunstform – sich wundern als Kunst. Natürlich kann man nur mit voller Absicht so erstaunt sein wie Kaminers ausrufendes Ich.

Er sprach damals noch extra-authentisch schlechtes Deutsch. Das unterrichtete er auch. Während wir in den Schulungen unserer „Nordend Kankster“ und Werk-statt-Text-Eleven auf rumpelfreies Deutsch Wert legten. Kanak Sprak war für die anderen. Fünf Mark kostete jeder Kanak-Spruk. Das Geld war für einen guten Zweck.

Kaminer hatte als „deutscher Schriftsteller“ mit dem Geld des Goethe-Instituts die halbe Welt bereist. Er war ein Totalverweigerer der russischen Repräsentation. Er erklärte, wie „der russische Witz“ funktioniert: „mit viel Fremdenfeindlichkeit“.

Er brachte das deutsche Steuerwesen auf diese Punkte:

„Als selbständiger Denker kannst du dein Kopfkissen als abzugsfähigen Sonderposten deklarieren.“

„Wenn du fernsiehst, dann bist du Medienbeobachter und insonah ist das Bier dazu „produktionsbedingter Aufwand“.

Kaminer verriet, wie sich eine Quittung für Katzenfutter zu den Bewirtungskostenbelegen rechnen lässt. Das kam an in Gelnhausen. Die Stadt war auf der Tenne, Ahmad Jamal bewahrte musikalisch die Ruhe, Miles Davis hatte schon vor fünfzig Jahren die Weite in Jamals Stücken gerühmt. Unsere Kanakster kifften im Schatten des Stalburg Theaterbuses. Ich spürte ihr Unbehagen im ländlichen Raum. Zaimoglu kam herüber, Kaminer hatte sich unter das Volk gemischt, der Meister zitierte Ralph Waldo Emerson:

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Bildnachweis: Wikipedia

„Genies besitzen kurze Biografien. Ihre Verwandten wissen nichts zu berichten, die Genies haben in ihren Werken gelebt, ihr tägliches Dasein blieb prosaisch.“

Ich beeilte mich, das Zitat zu notieren.

Morgen mehr.

08:46 06.08.2015
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