Kombattant im Kulturkampf LXX

Feridun Zaimoglu dozierte über die Holsten im Land der Hauken
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Gerd Fuchs schrieb "Die Auswanderer". Unsere Hala aus der Kanaka-Sing- und Spiele-Gruppe (KSSG) setzte der Gruppe hochmotiviert die Gegenwartsbezüge in dem "historischen" Roman auseinander. Sie schwitzte vor Aufregung, ihre Stimme überschlug sich, aber sie überwand ihre Auftrittsscheu. Später redete sie frei und stolz auf Einladung der BK im Bundestag. Heute leitet sie ein Literaturhaus, aus unseren Kanakas und Kanakstern ist beinah ohne Ausnahme etwas geworden.

Gerd Fuchs

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Bildnachweis: edition-nautilus.de

Tatlin ist ein Mann der Tat. Ausgestattet mit einer Witterung für Gefahr und einem Set zuverlässiger Wurfmesser, erscheint der Agent einer Hamburger Reederei wie ein slawischer Zorro unter aufgehetzten Bauern.

In dieser Zuspitzung spitzt sich ein Zug zum Abenteuer in Gerd Fuchs' Roman „Die Auswanderer“. Den dramatischen Verlauf der Handlung fördern ein Pogrom im zaristischen Russland und eine Epidemie in Hamburg. Auch Zuwanderungs- und Einreisebeschränkungen haben – mit deutlichem Gegenwartsbezug – Gewicht im Roman.

Da war er: der Gegenwartsbezug im Roman. Hala stellte ihn heraus zum Frommen der Schreibwerkstatt-Gruppe in der Honsellbrücke. Die Gruppe nannte sich noch so, als sie längst nicht mehr in der Honsellbrücke tagte. Wir trafen uns im Singsaal der Burg, einem beinah mystischen Ort in der legendären Verwunschenheit des Nordends. Da fanden hirnschüssige Debatten statt. Zum Beispiel wollten einige Kanakas Kopftuch tragen. Von wegen weiblichem Selbstbewusstsein und Flagge zeigen. Daraufhin hieß es aus den männlichen Reihen: „Dann tragen wir auch Kopftuch. Entweder alle oder keine!“

Damals bildete sich die Kritische Theorie-Gruppe (KTG) heraus. Ihre Gründungsmitglieder nannten sich Angela Davis, David Dutschke, Paul Guevara. Sie wollten Philosophie hardcore. Das Pornoprogramm mit dem Cumshothagel der Erkenntniszuwächse.

Sie schrien: „Power. Wir wollen Powerphilosophie, Philosophie mit der Kettensäge, Turbo-Soziologie, das Cap Canaveral des psychoanalytischen Deutungsanspruchs.“

„Wir wollen Marxismus mit Einheitsschnitt und Gruppenzwang und Geburtenkontrolle. Wir wollen die Fusion von Marxismus und Psychose im Geist der Migration.“

Zu der Gemütlichkeit einer Apfelweingaststätte vom ältesten Schlag, fast schon prähistorisch in ihrer Anlage war die Burg dem ächzenden Vernehmen nach, passte der überdrehte Text wenig. Nun mussten sich Zaimoglu und ich aber jeden Vorwurf gefallen lassen, den man an dieser historischen Stelle erheben konnte. Wir hatten an allen Schrauben gedreht und jedes Rad in Schwung gebracht, wir hatten ein Lesepensum von vier belletristischen Titeln pro Woche vorgeschrieben und ein Tagebuchverbot durchgesetzt. Dazu das ganze Sportprogramm, das ich indes soweit allein zu verantworten hatte. Man sah Zaimoglu nie einen Klimmzug machen, da konnte Hala längst sieben in der Vollständigkeit korrekter Ausführung.

Hauke hieß die hübscheste und zudem wohl gescheiteste Burgbedienung. Sie kam aus dem Land der Hauken und war geboren in Nordleda.

Nordleda

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Bildnachweis: Wikipedia

Ich verdrehte nach ihr mir den Kopf ein wenig, während Hala „die Gegenwartsbezüge“ in den „Auswanderern“ den Freunden erläuterte.

Gerd Fuchs hatte sich einmal als „toter Hund“ beschrieben und damit seine Situation als ernsthafter Schriftsteller im Literaturbetrieb zur Sprache gebracht. Ja, Fuchs, das war noch die klassische Kombination: ein Mann und sein Buch. In der Hannoverschen Backsteingotik der Hamburger Speicherstadt erkannte er „die Wut- und Angstarchitektur der hanseatischen Pfeffersäcke“.

Der Roman folgt den Lebensläufen seiner entwurzelten Helden. Ihnen lässt die europäische Realität des ausgehenden 19. Jahrhunderts nicht mehr als die Hoffnung auf ein besseres Leben in Amerika. Sie sind mit stillem Mut unterwegs: einer Eigenschaft des Exils. Ich hatte den stillen Mut bei Trotzki beobachtet, meine Schülerinnen saßen solide auf Trotzkisten. Jede trank ihre Limonade, Hauke kam, Wünsche zu erfragen. Wir hatten ihre schiere Zuneigung, die schlierige Schiefmäuligkeit vieler Burggenossen war ihr nicht gegeben. Sie kam aus Nordleda im Land Hadeln, sie hatte fürwahr ein fein-verwegenes Gesicht. Altsächsisch war ihr Gebiet zwischen Elbe- und Wesermündung, ich hatte dahin unsere Kanakster-Laufgruppe zu einer Schmidtschen Landbegehung geführt. Die Leute im Land Hadeln hießen zuerst Hauken wie Hauke, ob Hauke das wohl wusste?

Ich hatte vor mir einen Bembel und ein mit dem Goldrand besonders ausgezeichnetes Glas. Ich führte es mit zum Termin in der Burg und überließ Hauke lediglich die ergiebige Füllung. Sie fand das dreist, sich so ein Glas mitzubringen und ganz in eigener Sache da zu sein. Sie blieb gern einmal länger neben mir stehen und staunte still wie sehr auf Vordermann meine Kanakster gebracht worden waren - gewisslich nicht von mir. Das steckte in ihnen, sie wollten lernen und Karrieren hinlegen, die sich gewaschen hatten. Sie liebten Sport. Sie suchten ethnische Geborgenheit, das war ihnen nicht auszutreiben. Ohne mich hätte die keiner in der Burg gesehen. Von denen ist keine für Apfelwein anfällig geworden. Sie würgten theatralisch, so sie mich maßlos trinken sahen.

„Auch dem Selbstbewusstsein ist die Heimat abhanden gekommen“, sagte Hala über die „Auswanderer“.

„Im Überlebenskampf auf fremdem Territorium empfiehlt es sich, leise aufzutreten.“

Ja, genau so wie die Reudigner (Holsten) im Land der Hauken. Da hatte meine Hand greiflich Gebiet der Sächsin übernommen. So wie ich da saß, bildlich vor den Schülern.

Hauke sah zu mir herab. Ihr Mund gewitterte Zuckungen des spöttischen Einvernehmens. Mein lieber Herr Schwan. Diese Hauke wollte was von mir. Der erste Zug im Anbahnungsspiel war vollbracht.

Im Sachsen steckt der Sachs, das Kurzschwert, man darf das nie vergessen.

Morgen mehr.

06:49 07.08.2015
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