Kombattant im Kulturkampf LXV

Feridun Zaimoglu trifft Anna Seghers im Schlosspark von Niederschönhausen
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Sie verstand den deutschen Sozialismus als bewaffnete Antwort auf den Faschismus. Anna Seghers hatte wenig Verständnis für seine Aufweichung durch Abweichung.

Anna Seghers

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Bildnachweis: uni-potsdam.de

1978 wurde ein Flugzeug der polnischen Linie LOT, von Warschau kommend, auf der Route Danzig – Berlin-Schönefeld gekapert und in Berlin-Tempelhof zur Landung „gezwungen“. Der Prozess ergab, dass dabei weder Gewalt noch Planung im Spiel war. Die polnischen Piloten waren gern im Westen gelandet, so wie einige DDR-Bürger, die sich zum Rückflug nicht bereitfanden.

Antje Rávic Strubels Roman „Tupolew 134“ bieten reale Vorgänge nur den Erzählanlass. Ich kramte einen aus, der in jener Tupolew Passagier gewesen war. Ich tauschte ihn gegen Informationen, wie sie nur die Bildzeitung an Land ziehen kann, Informationen von der Qualität kriminalpolizeilicher Ermittlungsarbeit. Der Passagier behauptete, von der Kursänderung nichts mitgekriegt zu haben. Nach der Landung im Westen nutzte er die Gunst der Stunde. Nicht ohne Gemütlichkeit steuerte er Details bei, die im Roman nicht vorkamen. Die Wirklichkeit hatte ihr Recht an die Literatur verloren.

Sein Name sei Mansfeld. Ich saß mit dem Rockabilly und Polizeireporter Uwe, mit Mara und Mansfeld an der Bergmannstraße im Café. Maras Eltern waren nach Kreuzberg gezogen, Mansfeld wohnte in der Gegend. Uwe war aus Frankfurt angereist, die S-Schleife in seiner Mundart weichte jedes Wort auf. Er zeigte eine neue Tätowierung, wir fanden beide, dass Mansfelds Geschichte der Bildzeitung besser zu Gesicht stand als der Frankfurter Rundschau. Uwe erfüllte seinen Teil der Vereinbarung, inzwischen waren Zaimoglu und ich entschlossen, unsere Interessen vor Gericht zu vertreten.

„Ist doch kein Problem“, meinte Uwe leichthin. Seine Zeitung war ständig in Prozesse verwickelt, Uwe hatte ein anti-manichäistisches Rechtsempfinden. Sein Standpunkt war: Nur dann, wenn du die niedrigen Beweggründe erkennen kannst, hast du genug Licht im Operationssaal.

Mansfeld hatte sich eine Opfergeschichte zurechtgelegt, die nicht alles verkehrt erzählte. Mara, Uwe und ich bildeten ein Dreieck der harmlosen Nachfragen. Gleichgültig sah ich Frauen nach. Es gab wenig, was mich mehr interessierte, als Wein.

Ich dachte, das geht jetzt immer so weiter, ein staatlich subventioniertes Tanzensemble hieß in Absprache mit uns Kanak-A-Movement. Wir hatten die Gatter der Subkulturen durchbrochen.

Die Akte Mansfeld

Mansfeld konnte in der Bundesrepublik nicht Fuß fassen, verschuldete sich und entzog sich seinen Gläubigern im Wege der reuigen Heimkehr. Die Staatssicherheit kassierte ihn, sie wies Mansfeld siebzehn Arbeitsplatzwechsel in sechs Jahren nach. Das Stasi-Gutachten attestiert: „Seine berufliche Sprunghaftigkeit steht mit dem ehelichen Ungestüm in einem direkten Zusammenhang. Spontanität, Blauäugigkeit und Idealisierung des jeweiligen Partners sind für den Mansfeld charakteristisch. Durch neue Partnerschaftsbeziehungen versucht er alte Probleme zu lösen.“

Ex S. sagte nicht als Zeugin, sondern als Beschuldigte im Stasi-Untersuchungsgefängnis Hohenschönhausen aus: „Er verhielt sich widersprüchlich und ausweichend, wenn es konkret angesprochen wurde, so wie auf die Anschaffung einer Schrankwand.“

Strubels Romanpersonal bevölkert ein verrottetes Land. Katja Siems bewegt sich darin als spröde Schöne und Bezirksmeisterin im Crosslauf. Sie sagt: „Kein Wunder, dass alle Welt abhaut, wenn sogar das Bier scheiße ist.“

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Begehrend ist der narrative Blick auf Katja, einer Lehrerstochter in der Produktion. Wie Strubel stammt Siems aus Ludwigsfelde. Da begegnet Katja dem Westmann Meerkopf in Verhältnissen zwischen Montagehalle und Wohnheim.

Filmreife Dialoge im Stil einer neo-neuen Sachlichkeit rüsten die Handlungsstränge ein. Meerkopf scheitert als Fluchthelfer und gerät in Stasi-Fänge. Für den Mann, der als Modell seinen Kopf für Meerkopf hinhielt, bedeutete das acht Jahre Haft. Die Bundesrepublik kaufte ihn frei. Auch Mansfeld wurde freigekauft, er behauptete, in Hohenschönhausen einer Röntgenbestrahlung ausgesetzt worden zu sein. Angeblich bestrahlte die Stasi Regimegegner, deren Freikauf wahrscheinlich war. Frei nach der Devise: Dann verreckst du eben im Westen. Der Delinquent wurde auf einen Stuhl vor einen Vorhang gesetzt und eine Stunde sitzen gelassen. In dieser Zeit vernahm er nicht mehr als ein Brummen. Erklären konnte er sich den Vorgang nicht, im Dunklen zu tappen, gehörte zum Häftlingsalltag.

So erzählte uns das Mansfeld in Kreuzberg, Mara liegt nun am Südstern auf dem Friedhof. 2003 war das Jahr der theatralischen Almodóvar-Adaptionen, Mara und ich fuhren quer durch das blühende Berlin nach Pankow. Im inneren Schlosspark von Niederschönhausen las Christa Wolf aus „Ein Tag im Jahr“. Das Werk summierte ihr privates Programm mit Gerd in der Zeit von 1960 bis 2000.

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Bildnachweis: preussenchronik.de

Gerhard Wolf saß auf einem Klappstuhl vor seiner Frau, im Rücken der Autorin stand ein Pavillon. Angeblich war das der Ort gewesen, wo sich Honecker mit Staatsgästen unterhielt, ohne die Gewissheit einer „Schallaufzeichnung“. So nannte die Staatssicherheit ihre Mitschnitte.

Die Achse zwischen Schloss und Park entzweite eine Wiese. Wolf wirkte angegriffen und entschlossen, jeder Schwäche den Riegel der Disziplin vorzuschieben. Sie bot für deutsche Geschichte ein Bild an, das auf der Netzhaut brannte. Wie ein zerschossener General zu Friedrichs Zeiten saß Wolf dem Publikum vor und sagte nichts Überflüssiges, es sei denn, man hielt das sechshundert Seiten starke Protokoll dafür.

Mara lebte in Texas, sie hatte als Mädchen in Opposition zu Christa Wolf-Leserinnen gestanden, die Christa-Wolf-Leserinnen waren allesamt auch Pablo Neruda-Leserinnen gewesen. Wir interessierten uns für Celiné und Musil, Kampfsport und Waffen. Mara trainierte mit Bogenschützen im Verein, das war eine Welt im Verborgenen. Ein Nachruf der Vergangenheit, vielleicht auch ein Anruf. Der Trainer förderte jeden Schüler mit ehrenamtlicher Gewissenhaftigkeit. Das kam aus Stammes- und Sippendenken, es kam auf jeden an. In jedem Adepten konnte ein neuer Bogen-Siegfried stecken, der eine, der zehn aufwiegt und mit dem zehn wie hundert sind.

Ein vorsichtiges Freizeitprogramm spannte den Bogen weiter. Gemeinsame Löwenburgbesuche,

Unsere Kasseler Löwenburg - da waren Mara und ich oft

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Bildnachweis: schloesser-und-burgen.net

Ausflüge zum Edersee, ein verhaltenes, beinah verstohlenes Interesse an Maras Familie. Wo kommt einer her/ da doch der Apfel nie/ klärt vieles. Sich nie irre machen lassen vom irren Zeitgeist mit seiner Drogen-Apotheose, dem anti-autoritären Gedöns, den Fratzen rabiater Studenten.

Wissen, wo man herkommt und was sich überblicken lässt in einem Leben, das nicht abreißen soll in der Verzettlung. Heimatkunde, Grimms Märchen, die Hausapotheke und guck mal, das ist eine alte Armbrust/ jetzt zeig ich dir einmal, wie man sie spannt. Jungen und Mädchen, wie Kinder von Hutterern, so unverbunden mit der Gegenwart, verbargen ihre Neugier angesichts unserer Andersartigkeit. Es gab Orte, die hießen Gotttreu und Gewissensruh. Sie lagen im Wesertal, fast schon im Reinhardswald und waren als Zufluchten von Waldensern gegründet worden.

Blick vom Hühnerfeldberg im Kaufunger Wald, dem ehemaligen Königsforst, hin zu unserem Reinhardswald

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Bildnachweis: Wikipedia

Die Waldenser hießen nach dem Prediger Waldes und waren Franzosen soweit. Sie erkannten nichts an außer der Bibel und konnte deshalb nicht bleiben, wo man katholisch zu sein hatte. Ein paar verschlug es nach Kurhessen, der reformierte Landgraf Karl schenkte zwei Dutzend Familien Land in Hochachtung vor der Standfestigkeit dieser Leute. Das lernten Mara und ich im Kreis der Bogenschützen. Nicht, dass man christlich besonders gestimmt gewesen wäre. Das Christliche gehörte zur Okkupation und zur Überformung des „Altglaubens“.

Kamen wir im Habichtswald zu einer Lichtung immer wieder, hieß es immer wieder: „Hier besprachen unsere Vorfahren ihre Angelegenheiten.“

Das klang, als sei von Oma und Opa die Rede, als sei die Geschichte bis in der Gegenwart von Oma und Opa germanisch gewesen. Über vierzig Jahre notierte Christa Wolf die Ereignisse an jedem 27. September. An dieser Stelle fügt Maras Geist Thomas Braschs Notizen zum 27. Sept. ein:

Ich habe keine Zeitung gelesen. / Ich habe keiner Frau nachgesehn. /

Ich habe den Briefkasten nicht geöffnet. / Ich habe keinem einen

guten Tag gewünscht. / Ich habe nicht in den Spiegel gesehn. / Ich

habe mit keinem über alte Zeiten gesprochen und / mit keinem über

neue Zeiten. / Ich habe nicht über mich nachgedacht. / Ich habe

keine Zeile geschrieben. / Ich habe keinen Stein ins Rollen gebracht.

„Pflicht und Sucht“ sei die Angelegenheit des Tagebuchs für sie gewesen, sagte Wolf. Eichhörnchen gingen auf Lichtinseln an Land. Die Aufzeichnungen konnten in der DDR nicht veröffentlicht werden: eine niederschmetternde Feststellung angesichts ihrer Enthaltsamkeit.

„Wie kommt das Leben zustande?“ lautet die erste Frage.

Zaimoglu gähnte, er hatte einen festen Platz im Schlosspark und da uns erwartet. Auch die „Stimmenrausch“-Strolche gingen im Park ein und aus.

„Wie bewahre ich Erinnerungen auf?“

So konferiert eine hochdekorierte Schriftstellerin mit sich: „Innerlich zerrissen“. Ein Leben auf zwei linken Papenfüßen. Die innere Zerrissenheit war vergebliche Liebesmühe gewesen in diesem Provisorium: hässlicher als ein Gebiss im Wasserglas.

Wolf sagte: „Nicht ich habe die Form gewählt, vielmehr hat sie mich gewählt.“

War das schon Delirium? Wolf las das Protokoll von Fünfundsechzig. Es war entstanden in der Förster-Funke-Allee von Klein-Machnow und kreiste um das 11. Plenum des ZK, bei dem sich die Schriftstellerin im Dissens zu den Apologeten eines straffen sozialistischen Realismus äußerte, der, ein Kellertreppenwitz der Weltgeschichte, auf die Abschaffung der Realität in der Literatur hinauslief. Anna Seghers setzte sich zu Mara, Zaimoglu und den Eichhörnchen. Seghers verstand den deutschen Sozialismus als bewaffnete Antwort auf den Faschismus. Sie hatte wenig Verständnis für seine Aufweichung durch Abweichung. Seghers nannte Christa Wolf „Heulsuse“. Sie konnte sich an das 11. Plenum noch gut erinnern.

Morgen mehr.

05:13 02.08.2015
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