Kombattant im Kulturkampf LXVI

Feridun Zaimoglu sagte: „Den Totalitarismus als Regierungsform wissenschaftlich für tot zu erklären, das ist so wissenschaftlich wie die historisch-materialistisch bewiesene ...
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Wahrheitsermittlung um einen hohen Preis: Der Prozess gegen den Fernsehmoderator Andreas Türck, der auf der Honsellbrücke eine Frau vergewaltigt haben soll, beschädigt Täter und Opfer. Von Gisela Friedrichsen

Es soll Menschen geben, die Andreas Türck nicht kannten. Zum Beispiel jener Sprecher der Frankfurter Staatsanwaltschaft, der, befragt, ob gegen "einen Türck" ermittelt werde, antwortete: "Bei uns wird gegen Tausende von Türken ermittelt. Wie heißt er denn?"

Aus dem Spiegel 34/2005

Honsellbrücke

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Bildnachweis: Wikipedia

Die Werkstatt steckte wie eine Schublade in der Honsellbrücke. Muttern groß wie Radkappen und Werkzeug im Ankerketten-Format erzählten das Industriezeitalter zu Ende. Eiserne Klammern endeten als rostige Riegel. Die alten Gewissheiten des Kalten Kriegs waren Makulatur. Francis Fukuyamas „Ende der Geschichte“ war ein Blindgänger der Analyse. Zaimoglu erkannte das vor allen. In meinem Zaimoglu-Journal von 1994 finde ich die Bemerkung des Meisters: „Den Totalitarismus als Regierungsform wissenschaftlich für tot zu erklären, das ist so wissenschaftlich wie die historisch-materialistisch bewiesene Unumkehrbarkeit des Geschichtsverlaufs zugunsten des Kommunismus.“

Zaimoglu und ich dachten wie aus einem Topf. Man trug uns die Leitung einer „Schreibwerkstatt“ mit Jugendlichen an, ich fand, die müsse in einer richtigen Werkstatt stattfinden – Kunst am Bau. Werkkunst. Literatur der Arbeitswelt. Sozialistischer Realismus. Wir suchten Maschen gegen Moden. Die ethnische Differenz unserer Schreibstifte ergab sich von selbst, man gab uns nichts anderes als ethnisch Differente, wir versprachen gleich mal nicht weniger als den „Roman einer neuen Generation“, aufgeladen mit Zukunftsinformationen, deren Datenträgerinnen gerade erst an den Start gehen. Was weiß man denn schon von den heutigen 14 – 18jährigen, das nicht aus der Pädagogik oder von der Unterhaltungsindustrie käme. Die ungeregelte Teilnahme am gesellschaftlichen Gespräch findet unter Ausschluss der erwachsenen Öffentlichkeit statt. „Ostend 2 & 3“ eröffnet eine aufsteigende Perspektive, der Roman bietet einen wahren Moment der Selbstbestimmung zur Ansicht. „Ostend 2 & 3“ handelt von den Evergreens Freundschaft und Liebe … Themen, die von unseren Lehrlingen zuerst unter Trivialitätsverdacht gestellt wurden, obwohl sie da – mit den besten Grüßen der Evolution – alle Relevanz vermuteten.

Nachts wurde die aufgegebene Werkstatt bespielt. Der Lichtkünstler Konwitschny veranstaltete seinen Budenzauber. Wir flößten uns gegenseitig Mut ein, um nicht auf Teufel komm ( ) anspruchsvoll, das heißt konventionell sein zu müssen. Wir unternahmen Ausflüge zu den Brachen im Gebiet, sie erinnerten an Brandrodungsschätze. Zaimoglu und ich verlangten Beschreibungen von Nebenschauplätzen.

„Konzentriert euch auf Nebensachen.“

„Guckt anders als die anderen“, rieten wir dem Nachwuchs. Er kam dann auch im Blaumann mit dem Schriftzug „Kanak Invasion“.

Immer da, wo das Gruppengespräch besonders lebhaft wurde, setzte die (jeweilige) Schriftführerin eine Markierung in unser „Arbeitsbuch“.

So hatte ich angefangen: mit Neubeschriftungen anachronistischer Merkmale der städtischen Gesellschaft. Ich bin so selbstbewusst geworden: in der Freiheit, Gemarkungssteinen der Geschichte lustige Namen zu geben. Von einer älteren Moderne ausgehend, vermaß ich Nebenstrecken in die Gegenwart. Das Dekorative kam immer länger zu kurz. Die Entfremdung röchelte schließlich nur noch. Der Boden der Tatsachen war zum Tanzboden der Möglichkeiten geworden.

„Schwestern“, rief Zaimoglu an einem Nachmittag in alter Frische, „die Konfektionsgrößen der Einreden passen jetzt schon keiner mehr. Das Gemeinschaftserlebnis der kollektiven Narration auf dem Schafott der Separation hinzurichten, soll niemand übers Herz bringen.“

Das war die Geburtsstunde von Werk-statt-Text-Kanak Kollaboration in der Honsellbrücke. So ähnlich heißt heute noch eine TV-Produktionsfirma. Manche Leute wollten mit scharfen Sonnenbrillen ins Business. Das Kollektiv zerfiel Ende der Neunziger, ich sah 2004 „Schwester“ Ursina auf einen Kaffee in Berlin. Sie hatte ein Engagement am Maxim Gorki Theater und musste mir so lange der Kaffee dauerte erzählen, wie inspirierend die Schreibwerkstatt in der Honsellbrücke für sie gewesen sei und wie vorausschauend sie Zaimoglu im Nachhinein noch fand.

„Der hat doch die Trends erfunden wie das Kaninchen in der Schlange. Der war damals der reine Rolf im Schafrock.“

Ich gab einen Termin an, den ich nicht hatte, um Ursina nicht sagen zu müssen, was ich dachte. „Der reine Rolf!“ Diesen Abgrund hatte ich geschult. War das nicht die Vernichtung Europas im Geist von Sarah Wiener. Ich traf Jens Bisky auf einen Whisky - „Der Sozialismus und ich“ hieß Biskys Biografie im Nachsatz. Davor stand „Geboren am 13. August“.

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Bisky hatte das Buch aus Ärger über die Ostalgie geschrieben. Aber auch aus Ärger über die TV-Verfremdung von „DDR-Typen zu putzigen Figuren“.

Das große Ossi-Ding war „Verunsicherung“. Man schrieb Bücher aus/über Verunsicherung. Bisky hatte schreibenderweise „eine Verunsicherung überwunden“, die ihn Anfang der Neunziger „bei jeder Frage nach der DDR“ befallen ( ).

Ich losalierte ihm, Zaimoglu und ich kannten keine Verunsicherung. Aus dem Off der Gegenwart tauchte eine Ost-Generation unter dem medialen Vergrößerungsglas auf, die von ihren Vätern lotharierte. Nicht, dass mir ein Beispiel eingefallen wäre, doch von der Art waren die Behauptungen, die ich in die Welt setzte, meist angetrunken. Ich hatte keine Ahnung, aber eine hundertprozentige Bahncard. Mit meiner türkischen Verwandtschaft war ich durch, von deutschen Angehörigen wollte keiner was wissen.

„Auf in den Osten“, fabulierte Zaimoglu. „Wir müssen den Bitterfelder Weg neu beschreiten.“

Bisky fand sich „hervorragend präpariert für den Kapitalismus“. Der „Abschied von einer Jugend nach Plan“ fiel leicht. Bisky rauschte als Primus durch seine Geschichte, den kühlen Blick ständig im Angebot, so als habe es für ihn nie etwas anderes als Überblick gegeben.

So war es. In seinem Herkunftsmilieu war die Mauer antifaschistischer Schutzwall. Bisky wuchs gewissenhaft im Glied „einer Leistungselite“ über den ersten Meter. Die „Leistungselite unterschied sich durch Einsicht und Können vom Durchschnitt der Kleinbürger im Land.“

„Halleluja“, jubelte Zaimoglu wie aufgetaut. Ich traf ihn ständig, vermutlich nach einem Arrangement des Schicksals. Immer mehr Ostdeutsche bewarben sich um Aufnahme in Kanak-A-Movement. Wir waren toleranter als die unkanakischen Wessis. Uns konnte man schon mal einen Arm brechen oder das Auge bläuen, ohne dass es uns gleich verschnupft hätte.

Morgen mehr.

08:05 03.08.2015
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