Kombattant im Kulturkampf LXVII

Feridun Zaimoglu hatte keine Meinung zu der Rivalität zwischen Frankfurt am Main und Offenbach
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Stefan Lottermann spielte sowohl als auch. Er war ein Grenzgänger zwischen Offenbach und Frankfurt. Von der Rivalität der Vereine kriegte der "Mittelhesse" aus Solms wenig mit.

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Bildnachweis: eintracht-archiv.de

Beckett unterscheidet zwischen unpenetrable self und unpenetrable unself. Jens Bisky schied das Gold seiner Kindheit in der Deutschen Demokratischen Republik vom tauben Gestein der Verhältnisse. Die Eltern waren „ein schönes Paar“. Der Neunundfünfzig bei Boltenhagen über die Grenze gegangene, aus Hinterpommern gebürtige Vater, „ein Habenichts, der an die Wissenschaft glaubte“, erschien Jens als „zu kurz geratener Belmondo“, die Mutter als „Lollobrigida, ins Sächsische verschlagen“. Sie habe sich „auf gute Verse verlassen“. Das Kind wurde in der Wochenkrippe der Karl-Marx-Universität „gründlich und wissenschaftlich behandelt“. Es hatte mit zwei schon einen Eindruck vom Ende des Prager Frühlings, den es in der Sommerfrische am Plattensee erlebte. Die Rückreise ging über die Sowjetunion. Die Familie Bisky zog nach Berlin-Marzahn und organisierte so dem Nachwuchs ein „Plattenbau-Bluesfeeling“. Die Straßenbahn Nummer 18 hielt vor der Haustür.

Bisky behauptete, „in einer Kultur der Disziplinierung“ aufgewachsen zu sein. Das „Muttiheft“ gehörte dazu. Der Schüler der Erweiterten Oberschule Immanuel Kant erlebte „den Schneckengang des sozialistischen Alltags“ als Störung seines Entwicklungswillens. Er ging zur Armee, brachte es zum Unterleutnant und erfuhr von „paarungsbereiten Offizieren in arabischen Bruderarmeen“. Als Feuerzugführer lernte er in erster Linie „Egoismus“. Als Schabowski sprach, es werde Licht, saß der Autor im Kino. Gezeigt wurde der erste Schwulenfilm der DDR, Bisky war involviert, Lara wartete im Foyer. Sie bestürmte mich, riss mich fort von den Leuten, die die Musik machten und den Leuten, die dafür die Mittel locker zu machen wussten. Lara fand, dass von Verrat nicht die Rede sein könne. Mir sei doch immer klar gewesen, wo ihre Herkunft sie hinführe.

Zaimoglu und ich hatten uns gegen die Rollen der Kulturbrückenpioniere gesperrt, nun entdeckte ich eine neue Spielart. Die ewig junge Pionierin Lara wollte, dass ich „ihren“ Osten begriff, nach der Devise: Lass dich doch einschüchtern. Das tut gar nicht weh.

Ist nicht so schlimm. Lass dich abschneiden von den Möglichkeiten schriftlicher Verarbeitung von Erfahrung. Lass dir vorschreiben, was du schreiben darfst und was nicht. Gibt doch nichts Schöneres, als ständig bedroht und beleidigt und ab und zu mal zusammengeschlagen zu werden.

Ich schickte Lara in die Nacht, Norbert segelte am Tresen der Hotelbar. Er schien sich mit dem dicken Kopf schon abgefunden zu haben, den er in ein paar Stunden vom Kissen heben würde. Er war höchstens fünfunddreißig, aber schon ein einziges Signal für den Feierabend der Vierzigjährigen in Vorstadtkneipen. Er hatte sich in der Gegend verlaufen. Nun vergriff er sich im Ton.

In jedem Satz stolperte Norbert über seinen Ehrgeiz wie über einen Buchstaben, der im Idiom seiner Herkunft stiefmütterlich behandelt worden war. Bei ihm bissen sich Geltungshunger und Biedersinn. Norbert war Gewerkschaftssekretär, jedenfalls gab er das an. Er langweilte mich. Ich drehte den Alexanderplatz um seine Achse. Der Platz zeterte wie ein altes Blumenkohlohr. Überall wurde Rauch geatmet. Ich sah Lara, ein von der gegen sie anrennenden Menge erschüttertes Hindernis. Solidarisch im Weg stand ihr zur Seite Emine Sevgi Özdamar. Sie sprach:

„Mein Gemahl, was hilft’s

Das Leid mit Klagen zu beschwern? Für königlich

halte ich gerade dieses: sie zu stellen

dem Unglück, und je ungewisser eine Lage ist,

je man die Last der Herrschaft schwankt im Fall,

nur fester sichren Fußes tapfer dazustehen:

es ist nicht männlich, vor dem Schicksal kehrtzumachen.

Die Leute entgegneten wie aus einer Spelunke:

Der Feigheit Schimpf und Vorwurf trifft mich nicht,

mein Mannesmut weiß nichts von bangen Ängsten.

Kaninchen schlichen sich zu Füchsen. Die Torstraße kam an und drehte auf verliebt. Wer sollte ihr das glauben? Özdamar erinnerte sich an früher, als noch geteilt wurde und nicht alles nur Westdeutschland war. Sie hatte Deutsch gelernt, „wie ein Hühnchen Gackgackgack macht“. Auf Fragen, die sie nicht verstand, antwortete sie mit auswendig gelernten Schlagzeilen, die sie auch nicht verstand. Der charismatische Führer des Wohnheims ihre Berliner Bleibe trat als Künstler und Kommunist vor die Frauen. Er machte ihnen was vor. Er schlug Özamar eine Schneise zu den Experimenten, die vom Zeitgeist schwanger waren. Die Arbeiterin konfrontierte sich mit der Aktionskunst eines Otto Muehl und dem politischen Revolveraktionismus von Dings. Alles erregte (Özdamars) Heiterkeit und Erstaunen.

Dann kam eine Zeit mit Matthias Langhoff (rechts im Bild) an der Volksbühne.

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Bildnachweis: midilibre.fr

Jetzt wollte die Volksbühne bei mir auf den Schoss, verspielt drehte sie sich eine Locke. Zur Abwechslung roch sie wie Lara. Das Vögeln von Verräterinnen ist ein vulnerables Vergnügen. Am nächsten Nachmittag saß ich in Offenbach am Main in der OK-Geschäftsstelle und redete mit Stefan Lottermann, der sowohl für die Kickers (Offenbach) als auch für die Eintracht (Frankfurt) gespielt hatte. Ich betrachtete ihn als „Grenzgänger zwischen den Welten“. Die Rivalität der Clubs sah der Mittelhesse Lottermann „entspannt“. Das verstand ich damals nicht. Heute könnte ich mir sogar vorstellen, in Lämmerspiel vor Hanau zu wohnen, im Frühbeginn des Jahrtausends gab es für mich nichts außer dem Frankfurter Nordend.

Lieber in Frankfurt sterben/ als in Offenbach leben, sagte man. Das ist natürlich zu harsch und undifferenziert.

Offenbach

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Bildnachweis: Wikipedia

Über Offenbach wird noch zu sprechen sein, ich setzte mich auf die Terrasse eines Anglerheims kurz vor der Stadtgrenze. Ich würde neue Frauen brauchen, so viel stand bereits fest.

Morgen mehr.

07:04 04.08.2015
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